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Presseschau: Coop Zeitung, 20. Juli 2005

Coop Zeitung

«Ich war total ausgebrannt»

Erschöpft. Leer. Ausgelaugt. So fühlte sich der Journalist Thomas Knapp kurz nach Antritt seiner spannendsten Stelle. «Burnout», sagte sein Arzt, und schrieb ihn krank. Eva Nydegger

Oktober 2004: Thomas Knapp ist neuer Blattmacher des Sportteils beim «Blick». Doch er hat die Stelle, «eine der besten im Schweizer Sportjournalismus», wie er sagt, im Sommer halb krank und energielos angetreten. «Ich war nicht mehr ich selber. Ich fühlte mich wie ein Sportler, der immer mehr trainiert und immer weniger erreicht.» Der Oltner Journalist, der einst Buchhändler lernte und einen Kinderbuchladen hatte, erzählt schonungslos und offen von der schlimmsten Zeit seines Lebens: «Ich war immer müde und erschöpft. Konnte nicht mehr einschlafen. Einmal musste ich vor einer Sitzung sogar erbrechen.»

Seinen Zusammenbruch am 17. Oktober erlebt er «wie einen Hammerschlag.» Er hat ein freies Wochenende, rafft sich zum Joggen auf – und verläuft sich. Zwei Stunden irrt er im Wald, den er seit seiner Kindheit bestens kennt, umher. Findet kaum mehr zurück nach Hause. Frühere Anzeichen, dass etwas mit ihm nicht mehr stimmt, hat er ignoriert. Doch nun sucht er endlich seinen Hausarzt auf. «Sie sind ausgebrannt», lautet die Diagnose.

Drei Monate später ist Knapp die Stelle in Zürich los. Er fühlt sich immer noch krank und kann dem Druck seiner Vorgesetzten, die ihn zwar schätzen, aber auf seine Rückkehr an den Arbeitsplatz drängen, immer weniger standhalten. Als er gar spürt, dass Verantwortliche der Personalabteilung ihn als Simulanten verdächtigen, lässt er sich freistellen.Heute arbeitet Thomas Knapp Teilzeit bei seinem früheren Arbeitgeber, dem «Solothurner Tagblatt». Seine Burnout-Erfahrung hat er in einem Buch verarbeitet: «Schreiben war das Einzige, was noch ging.»

 

Das Buch lässt er in der Zeit anfangen, als er in der Redaktionsleitung des «Solothurner Tagblatts» beim Aufbau der Zeitung extrem viel arbeitet. «Wir fanden uns toll, fühlten uns alle als richtige "Sibesieche"», erinnert er sich. Auch nach einem Bänderriss, der schlecht heilte, will er nicht zurückstecken. «Ich hielt mich für unentbehrlich», gibt er zu. Und auch nachdem er das Angebot vom «Blick» annimmt, schont er sich in Solothurn nicht: «Ich wollte einen brutal guten Abgang.» Die drei Wochen Ferien vor der neuen Stelle in Zürich sind zu wenig, er kann sich nicht genügend erholen. «Ich hätte einen Monat vorher aufhören sollen. Dann hätte ich das Burnout vielleicht vermeiden können», sagt Knapp rückblickend. Der Journalist will die Schuld für seinen Zusammenbruch nicht auf andere abschieben: «Ich bin selber dafür verantwortlich.»

Wie die meisten Burnout-Betroffenen kippt Thomas Knapp in eine Depression. «Ich dachte viel an Bekannte und Verwandte, die sich umgebracht haben.» Er steht auf Brücken und denkt über Selbstmord nach. «Ich hatte schwarze Momente», sagt er. Dennoch will er keine Medikamente nehmen: «Ich habe mich ja erholt, einfach langsam. Vor allem das Reden mit dem Hausarzt hat mir geholfen.» Viel zur Genesung tragen seine Frau und Tochter bei. «Ohne meine Familie hätte ich es wohl nicht geschafft», glaubt Thomas Knapp. Auch während er krank geschrieben ist, steht er früh auf und frühstückt mit seinen Lieben. «Vorher waren wir beim Frühstück, beim Mittag- und Nachtessen allein», sagt die 44-jährige Fränzi, die beim Burnout ihres Mannes stark mitleidet. Sie sieht, wie schlecht es ihrem Thomas geht, der sonst immer so fröhlich und optimistisch ist. Wenn er aus dem Haus geht, sagt sie in diesen schweren Wochen vor Weihnachten mehr als einmal zu ihm: «Du kommst dann wieder, gell.» Während seiner Krankheit entscheidet sich Thomas Knapp, sein Leben von nun an so einzurichten, dass er Zeit für die Familie hat: «Ich habe gelernt, dass es nicht im alten Rhythmus weitergehen kann.» Er will nicht mehr 50 oder 60 Stunden pro Woche arbeiten, sondern mehr mit seiner 9-jährigen Tochter Nina zusammen sein können. Zeit haben zum Spielen. «Eile mit Weile», zum Beispiel. Wie letzten Herbst und Winter. «Irgendwie passte das Spiel damals gut zu meinem Gemütszustand», erklärt er. «Mal läuft es prächtig und man würfelt sich in den Himmel. Oft aber wird man eingeholt und muss wieder ganz von vorne beginnen. Und manchmal muss man sich auf einer Bank etwas ausruhen.» Fast wie im richtigen Leben.

© Coop Zeitung; 20.07.2005; Nummer 29; Seite 26

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