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Presseschau: Solothurner Tagblatt, 1. September 2005

Solothurner Tagblatt

Burn-Out-Buch

«Ich kann Erklärungen liefern»

Die Reaktionen auf das Burn-out-Buch von Tagblatt-Redaktor Thomas Knapp waren gewaltig. Eine erste Bilanz.

Wie geht es Ihnen heute?
Thomas Knapp: Gut. Bitte vergessen Sie nicht, dass seit der Diagnose noch kein Jahr vergangen ist. Der Heilungsprozess braucht Zeit - Zeit, die ich auch unterschätzt hatte. Und für die mir zu Beginn die Geduld fehlte.

Sie dachten, Sie seien rascher wieder auf dem Damm?
Natürlich. Letzten Oktober schrieb der Arzt mich zwei Wochen krank. Jetzt weiss ich: Das kann ein halbes oder ein ganzes Jahr dauern. Es gibt Menschen, denen gelingt der Weg zurück überhaupt nicht mehr.

Und Sie sind jetzt wieder voll da?
Psychisch auf jeden Fall. Ich strebe heute auch nicht mehr danach, in dem Masse wie früher zu arbeiten. Was das Körperliche betrifft: Drei-, viermal in der Woche bin ich mit dem Rad unterwegs oder gehe in den Wald rennen. Ein Ausgleich, der enorm wichtig ist. Ich glaube, ich gehe heute gewisse Sachen viel bewusster an. Es gelingt mir besser, in mich «ine z¹lose».

Weshalb haben Sie Ihr Burn-out in einem Buch verarbeitet?
Ich schrieb ja meine Erfahrungen mit der Krankheit für mich persönlich nieder und schenkte sie meiner Frau zu Weihnachten. Irgendwann fand ich: Ich stehe zu meiner Geschichte. Als ich eher zufällig die späteren Co-Autoren des Buchs kennen lernte und von einem von ihnen, meinem Arzt, ermuntert wurde, war der Entscheid gefallen.

Sie haben den Gang an die Öffentlichkeit noch nie bereut?
Nein, im Gegenteil. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit meinem Buch so viele Reaktionen auslöse. Zu Beginn erhielt ich täglich Briefe, Mails oder Anrufe, zumeist von wildfremden Leuten. Kürzlich stand eine ältere Frau vor meinem Haus die sagte, sie sei ja so froh: In meinem Buch habe sie die Geschichte ihres Mannes wieder gefunden. Jetzt sei ihr vieles wie Schuppen von den Augen gefallen. Solche Reaktionen bekomme ich sehr oft. Sie bereiten mir viel Freude.

Wie gehen Sie damit um?
Es ist nicht immer einfach. Wenn mir jemand, wie geschehen, einen dreiseitigen Brief schreibt in dem steht, sie habe sich einst die Pulsadern aufgeschnitten, muss ich schon aufpassen, dass ich mich abgrenze.

 

Wie tun Sie das konkret?
Ich schrieb ihr zurück, erzählte ihr von meinen Erfahrungen, versuchte, ihr Mut zu machen. Aber ich sagte ihr und allen anderen auch, dass ich kein Arzt bin. Ich hatte im übrigen auch nie die Illusion, dass ich mit meinem Buch ein Burn-out verhindern kann. Aber ich kann vielleicht Erklärungen liefern, gerade auch für das Umfeld.

Ihr Buch ist auf Platz 6 der CH-Sachbuch-Bestsellerliste. Hatten Sie mit diesem Erfolg gerechnet?
(lacht) Nein, nie. Ich merkte rasch, dass es sich im Kanton Solothurn gut verkaufen würde. Auch, weil man mich hier kennt. Dass es ein solcher Erfolg werden würde, war nicht absehbar.

Weshalb die grosse Nachfrage?
Da muss ich auch auf die Reaktionen der Leserinnen und Leser abstützen: Ich bekomme stets zu hören, mein Buch sei sehr offen, ehrlich und in einer einfachen Sprache geschrieben - halt kein trockenes Sachbuch. Hilfreich war sicher der Mix mit vier Autoren. Und vielleicht kann jeder sich in der einen oder anderen Passage wieder erkennen. Es ist eine Krankheit, die weiter verbreitet ist, als man denkt, die aber nicht leicht diagnostizierbar ist. Offenbar ist das Leben kompliziert geworden.

Beschleicht Sie nicht mitunter der Verdacht: Der oder die hatte gar kein «richtiges» Burnout?
Burn-out ist mittlerweile sicher zu einem Modewort verkommen. Aber ich kann und will nicht jede einzelne Reaktion dahingehend überpüfen, ob mir jemand die Wahrheit sagt.

Kein Problem damit, dass Ihnen in Olten jetzt jeder auf die Schulter klopft und fragt, wie es geht?
Das habe ich mich vorher auch gefragt. Im kleinen Kreis konnte ich stets über meine Krankheit reden. Nach der Buchtaufe stürzte ich mich, als Härtetest quasi, ins Schulfest. Wie erwartet waren die Reaktionen zahlreich, aber sehr positiv. Klar war es auch gewöhnungsbedürftig.

Also haben Sie keinerlei Probleme mit öffentlichen Auftritten.
Nein. Ich bekomme viele Einladungen, um Vorträge zu halten. Für die Uni Zürich etwa, in einer Ärzterunde, oder fürs Alpensymposium. Ich könnte jede Woche auftreten. Aber ich sage oft ab, auch aus Selbstschutz.

Wie geht es nun weiter?
Mein Ziel ists, im Eigenverlag jährlich ein bis zwei Bücher herauszugeben. Ich bin ja gelernter Buchhändler. Ich erwäge auch, ein zweites Buch zu schreiben, eine Art Fortsetzung, wie es weiter ging mit mir nach dem doch eher düsteren ersten Buch. Erst einmal wird jetzt aber nächste Woche die 2. Auflage ausgeliefert, weitere 3 000 Stück also.

Keine Angst, vom eigenen Erfolg eingeholt zu werden?
Die Gefahr besteht schon. Ich hoffe aber, ich habe etwas gelernt und übersehe nicht alle Warnsignale. Ich bin überzeugt: Zu einem Rückfall wird es nicht kommen.

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