Startseite Navigation Inhalt Kontakt
Knapp Verlag
Bücher-Shop

Presseschau: Reflexe, Oktober 2005

Thomas Knapp

Burn-out - In den Krallen des Raubvogels

Der Journalist Thomas Knapp veröffentlichte Mitte Jahr einen Erfahrungsbericht zum Thema Burn-out. Schonungslos offen schildert er, wie er an diesem Syndrom erkrankte und litt und wie er langsam wieder ins Leben zurückkehrt. Das Buch ergänzen Beiträge des Allgemein- und Sportmediziners Adrian Burki, des Psychosomatikers Andreas Lüthi und des Unternehmers und selber Burn-out-Betroffenen Daniel Zanetti. Entstanden ist ein Buch, das viele Aspekte des Themas beleuchtet und aufrüttelt.

Herr Knapp, trotz Antriebslosigkeit seine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, ist eine enorme Leistung. Was hält Sie dazu an?

Am Anfang des Buches stand ein Büchlein, das ich meiner Frau zu Weihnachten schenkte. Es ist eine Art Tagebuch aus jener Zeit, in der ich ziemlich tief gesunken war. Physisch wie auch psychisch. In jenen Wochen fiel mir das Schreiben wesentlich leichter als das Reden. Und deshalb habe ich dann das Geschriebene zwischen zwei Buchdeckel geklebt. Erst danach reifte die Idee, ein Buch herauszugeben. Natürlich in Absprache mit meiner Frau.

Schreiben Sie auch Tagebuch?

Ich schreibe oft und viel, aber kein Tagebuch. Seit Monaten bin ich aber daran, meine Geschichte aus dem Burn-out weiterzuschreiben. Geplant ist die Herausgabe eines Nachfolgebuches. Etwas Positives, mit Tipps und Anregungen. So unter dem Titel «Das Mutmacher-Buch».

Bei aller Tragik, die Sie beschreiben, ist eine tiefe Kraft, nie aufzugeben, spürbar. Täusche ich mich?

Mir kam oder kommt entgegen, dass ich eine positive Lebenseinstellung habe. Das hat mir geholfen. Und ich habe eine wunderbare Familie, die mir Kraft und Zuversicht gibt. Irgendwann habe ich den Zustand meines Körpers und meines Geistes akzeptiert und das Selbstmitleid zur Seite geworfen.

Sie schreiben. Sie wollten Ihrer Familie ein Vorbild sein, was Ihnen nicht immer leicht fiel. Worin wollten und wollen Sie Vorbild sein?

Die Familie gab mir, wie bereits gesagt, viel Kraft. Ich spürte, dass ich mich schon alleine deswegen nicht aufgeben durfte. Ich sprach oft mit meiner damals 8-jährigen Tochter über diese Krankheit. Ich versteckte meine Schwäche nicht. Ich versuchte, ihr zu erklären, dass man schwache Menschen nicht ausgrenzen soll. Aber ich erklärte ihr auch, dass sie mich nicht bedauern müsse (wenn das bei einem Kind möglich ist). Ich glaube, ihr ein Stück Verständnis für kranke Menschen mitgegeben zu haben. Das scheint mir vorbildlich.

 

Reflexe

Oft ist vom beruflichen Erfolg, vom «Gipfelsturm» und «Gipfel» die Rede. Sie scheinen zentral in Ihrem Leben zu sein. Wie sieht Ihr Weg zu Höchstleistungen heute aus?

Höchstleistungen waren wichtig in meinem Leben. Vor allem im Beruf. Das entspricht halt meinem Charakter. Heute arbeite ich zu 50 Prozent als Journalist und Sekretär auf einer Zeitungsredaktion. Die restliche Zeit investiere ich in den Aufbau meiner Textwerkstatt und meines Verlages. Nach wie vor bringe ich Höchstleistungen - allerdings auf einem anderen Level als vor meiner Krankheit. Ich nehme die Signale, die ich vom Körper bekomme, ernst. Ich treibe regelmässig Sport (ein lockerer Waldlauf oder eine gemütliche Radtour) und achte auf die richtige Balance im Leben: Arbeit, Familie und Gesundheit haben alle den gleich hohen Stellenwert.

Lesen Sie in Ihrem Buch hin und wieder selbst? Wenn ja, wie fühlen Sie sich dabei?

Ich habe das Buch kurz vor Erscheinen (2. Juli) noch einmal gelesen. Das Geschriebene hat mich tief berührt. Und auch heute noch, wenn ich zu Vorträgen eingeladen werden (etwa zweimal im Monat), spüre ich, dass die Verarbeitung längst noch nicht abgeschlossen ist. Aber ich kann über meine Krankheit offen reden. Aus einer Vielzahl von Reaktionen weiss ich, dass viele Leute dankbar darüber sind. Denn Burn-out ist halt immer noch ein Tabu-Thema. Wer betroffen ist, hat leider noch immer einen Erklärungsnotstand gegenüber Arbeitgeber, Familie und Kollegen. Das Buch kann im Umfeld eines Burn-out-Kranken Verständnis für die seelische und körperliche Erschöpfung wecken. Für einen psychisch kranken Menschen (nicht nur Burn-out) ist das wichtig. Denn viele Krankheiten sieht man ja nicht.

Ist für Sie Ihr Burn-out auch Chance?

Ich habe dank des Buches die Chance erhalten, mich zu erklären. Das ist auch eine Chance für viele andere Menschen, die einen ähnlichen Weg durchgemacht haben (siehe Antwort oben). Eine Chance ist das Buch auch aus wirtschaftlicher Sicht. Momentan garantiert es mir ein geregeltes Einkommen. Und das Burnout ist auch eine Chance, mich intensiver mit mir selber auseinanderzusetzen. Das heisst: Ich lebe bewusster. Ich habe eine bessere Lebensqualität als früher. Schade ist manchmal nur, dass es einen solchen Einschnitt braucht, um seinen Alltag neu zu regeln.

Wir danken Ihnen, Herr Knapp, herzlich für das Interview und wünschen Ihnen viel Kraft - und: wir warten gespannt auf Ihr nächstes Buch!

Reflexe, Zeitschift für Physikalische Therapie

[ Zurück zur Presseschau ]

 

 

pages by chilimedia