Startseite Navigation Inhalt Kontakt
Knapp Verlag
Bücher-Shop

Presseschau: Via, Oktober 2005

Angefangen hat alles zum Zeitpunkt, als sich meine journalistische Laufbahn einem Höhepunkt näherte. Der «Blick» hatte mich als Blattmacher im Sportressort angestellt, und ich freute mich riesig auf die neue Herausforderung. In der Pause zwischen meinem alten und dem neuen Job merkte ich, dass mit mir etwas nicht stimmte. Ich konnte mich in den drei Wochen Ferien nicht richtig erholen. Weil mir bewusst war, dass ich mich im neuen Arbeitsumfeld bestätigen musste, machte sich bei mir ein gewisses Unbehagen und Nervosität breit. Aber ich ignorierte alle Zeichen meines Körpers – plötzlich auftretende Sehprobleme, Nackenverspannungen und einen Bänderriss.

Im Job hatte ich mich dann zwar überraschend schnell akklimatisiert, doch ich merkte, dass ich extrem viel Willen und Kraft investieren musste, um meinen Ansprüchen auch nur einigermassen gerecht zu werden. Im Zug quälten mich auf dem Arbeitsweg zwischen Olten und Zürich immer viele ungeordnete und bedrückende Gedanken. Ich war froh, wenn ich alleine im Abteil sitzen konnte. Ich wollte mit niemandem reden. Beim Arbeiten spürte ich eine latente Überforderung. Als ich dann vier Tage frei nahm, merkte ich, wie schlecht es mir wirklich ging. Einmal verirrte ich mich beim Joggen sogar in einem Wald, den ich in- und auswendig kenne, hatte ein echtes Blackout und fand erst zwei Stunden später völlig ausgepumpt zurück.

Tags darauf schrieb mich mein Arzt krank. Diagnose: Burn-out. Die Zeit bis zum Akzeptieren dieser Schwäche war noch einmal schlimmer. Für Dinge, die mir sonst leicht fielen und eine Selbstverständlichkeit darstellten, musste ich kämpfen und leiden. Ich konnte keine Nacht mehr durchschlafen und wurde zum Einzelgänger. In dieser Zeit setzte ich mich intensiv mit dem Tod auseinander, ging oft auf dem Friedhof spazieren und sprach auch mit meinem Arzt offen über Suizid. Er war ein Glücksfall für mich, weil er mich schon lange kennt. Ausser ihm und meiner Familie habe ich mich damals niemandem anvertraut.

Via - Detail

 

Via

Inzwischen liegt mein tiefer Fall fast ein Jahr zurück. Ich funktioniere noch immer nicht so wie vor dem Burn-out. Es ist für mich aber auch nicht mehr erstrebenswert, so leistungsfähig wie früher zu sein, denn ich habe einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Vor einem halben Jahr kehrte meine Lebensfreude langsam zurück - vorher war es ein ständiger Kampf gewesen. Das Schreiben hat mir bei der Verarbeitung geholfen. Die schonungslos erzählte Geschichte habe ich meiner Frau zu Weihnachten geschenkt. Sie war es, die unter der ganzen Situation am meisten zu leiden hatte. Die Idee, ein Buch mit meinem Erlebnisbericht herauszugeben, kam mir im Gespräch mit meiner Frau. Mein Ziel war es, etwas Sinnvolles zu tun und das Verständnis für diesen Zustand, diese Krankheit zu fördern. Das ist besonders für das Umfeld der Betroffenen wichtig. Den Kranken selber kann man nicht helfen, da mache ich mir keine Illusionen. Burn-out ist eine psychische Erkrankung, die einem die Grenzen aufzeigt und über die man noch immer zu wenig weiss. Erst das Coming-out des ehemaligen Parteipräsidenten der FdP, Rolf Schweiger, hat der Krankheit in der Öffentlichkeit ein Gesicht gegeben.

Dass die Publikation ein derartiges Echo auslösen würde, hatte ich nie erwartet. Das Buch «Burn-out - in den Krallen des Raubvogels», zu dem auch Adrian Burki, Andreas Lüthi und Daniel Zanetti als Co-Autoren wichtige Beiträge leisteten, hielt sich monatelang in den Topfen der Schweizer Bestsellerliste. Die erste Auflage von 4000 Exemplaren ist bereits vergriffen, die zweiten 3000 Bücher sind ausgeliefert, und ich werde zu Lesungen, Referaten und auf Symposien eingeladen: Burn-out ist ein sehr aktuelles Thema, das bewegt.

Ermuntert durch die vielen Reaktionen schreibe ich jetzt ein zweites Buch: Der Arbeitstitel lautet «Burn-out - das Mutmacher-Buch». Es soll positiv sein, fröhlicher und praxisorientiert. Und es soll auch präventiv wirken. Oft werde ich nämlich gefragt, wie man einem Burn-out vorbeuge. Dazu kann ich nur sagen, dass es wichtig ist, eine Balance zu bewahren: Familie/Freizeit – Beruf – Fitness – Ernährung. Und auf die Signale des Körpers zu hören. Es ist vermessen, konkretere Tipps zu geben. Den Weg muss jeder für sich selber finden.

Mein Burn-out ist nach wie vor sehr präsent - viele Momente haben sich tief in mir eingebrannt. Wenn ich aus meinem Buch vorlese, schüttelt es sich mich bei gewissen Passagen noch immer – ohne Emotionen kann ich das nicht. Aber vielleicht hat das auch etwas Gutes: Ich hoffe, ich werde künftig nicht mehr alle Warnsignale des Körpers übersehen. Ich bin überzeugt, dass es nicht zu einem Rückfall kommen wird!

Aufgezeichnet von Thorsten Kaletsch; Bild Manuel Friederich

[ Zurück zur Presseschau ]

 

 

pages by chilimedia