«Ausgebrannt – In den Krallen des Raubvogels»: Der Journalist Thomas Knapp legt in seinem Buch einen eindrücklichen Erfahrungsbericht zum Burn-out-Syndrom vor.
Im November 2004 war ein Wort in aller Munde: Burn-out. Der damalige FDP-Präsident Rolf Schweiger trat wegen dieser Krankheit von einem Tag auf den andern von seinem Amt zurück. Chronische Erschöpfung als Folge von hohem Arbeitspensum, Stress und ständigem Druck lautete die Diagnose. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde das Syndrom auch beim Solothurner Journalisten Thomas Knapp diagnostiziert. Doch während sich Schweiger gegenüber der Öffentlichkeit eher wortkarg gab, was seine Krankheit betraf, ging Knapp in die Offensive: In einem Erfahrungsbericht schildert er den schwierigen Kampf gegen seine Krankheit. «Burn-out – In den Krallen des Raubvogels» heisst sein dieses Jahr erschienenes Buch, in welchem er seinen Leidensweg schonungslos offen legt.
Es war der 18. Oktober 2004, der Knapps Leben veränderte. «Sie sind ausgebrannt», hatte ihm der Arzt an diesem Tag beschieden. Und der Mediziner beschrieb ihm ein Krankheitsbild, von dem der Journalist bisher kaum etwas wusste und welches ihm auf seinen Zustand der letzten Wochen und Monate eine Erklärung lieferte: auf die Müdigkeit, die innere Leere, seine schlechte Laune, seine fehlende Motivation.
Dabei befand sich Knapp zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner beruflichen Karriere: Erst vor kurzem hatte er seinen Traumjob als Blattmacher bei der «Blick»-Sportredaktion angetreten. Die Jahre davor hatte er sich voll der «Solothurner Zeitung» und schliesslich dem 2001 neu lancierten «Solothurner Tagblatt» verschrieben. Bei Letzterem verlangte die Aufbauarbeit von allen Mitarbeitern eine besondere Tatkraft ab. «Der Job gab mir die nötige Befriedigung und Bestätigung», schreibt Knapp rückblickend. Die Warnungen seiner Frau, die Zeitung «fresse ihn auf», schlug er in den Wind.
Der Journalist zeichnet in seinem Erfahrungsbericht nach, wie er den Fokus fast nur noch auf seine Arbeit richtete, um der Konkurrenzzeitung auf den Zahn zu fühlen. Mehr und mehr gerieten andere Bedürfnisse ins Hintertreffen: seine Familie, seine Bekannten, seine Hobbys.
Nach und nach tauchten aber auch die ersten gesundheitlichen Probleme auf: Am Arbeitsplatz zum Beispiel machten ihm Nackenschmerzen und Sehprobleme zu schaffen. Beim Sport fühlte er sich rasch schlapp und müde. Auch mit dem Schlafen hatte er zunehmend Mühe. «Ich habe die Signale ignoriert», weiss Knapp heute.
Als der Journalist schliesslich vom Arzt die Diagnose Burn-out-Syndrom gestellt bekam, fühlte er sich als Versager. Er musste nicht nur gegen seine Krankheit ankämpfen, sondern auch gegen Vorurteile in der Gesellschaft. «Es gab jene Momente, in denen ich es als angenehmer empfunden hätte, in einem Spitalbett zu liegen: mit einem Gipsbein, einem Kopfverband oder mit Schläuchen an eine Maschine angeschlossen. Dann wäre ich nämlich sofort als kranker Mensch erkannt worden», schreibt Knapp. «Erst mit dem Rücktritt von Rolf Schweiger stieg das Verständnis. Das Burn-out-Syndrom wurde quasi über Nacht salonfähig.»
Der heute 44-Jährige zog schliesslich die Konsequenzen, verzichtete auf seinen Traumjob beim «Blick» und konnte wieder beim «Solothurner Tagblatt» einsteigen. Diesmal beliess er es bei einem 50-Prozent-Pensum. Daneben gründete er einen eigenen Verlag, in welchem als erstes Werk sein Erfahrungsbericht erschien. Dieser schaffte es in kurzer Zeit in die Top Ten der schweizerischen Sachliteratur.
Knapps Buch gibt einen tiefen Einblick in die Leidensgeschichte eines Burn-out-Betroffenen. Auch wenn manche Stellen redundant wirken, bringt einem das Werk eine Krankheit näher, welche für viele kaum fassbar ist. Aufgewertet wird das Buch zudem mit drei weiteren Beiträgen, in welchen ein Sportmediziner, ein Psychosomatiker sowie ein weiterer Betroffener die Krankheit aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten.
Ruedi Studer