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Presseschau: Beobachter, 9. Dezember 2005

Ratgeber

Burn-out

Weile ohne Eile

Müde, abgespannt und lustlos? Im Job plötzlich überfordert? Solche Signale sind ernst zu nehmen. Manch einer merkt gar nicht, dass er auf ein Burn-out zusteuert. Wer lernt, mit seinen Kräften zu haushalten, kann den Zusammenbruch verhindern.

«Burn-out? Das wird mich nie betreffen.» Darauf hätte der Journalist Thomas Knapp vor zwei Jahren jede Wette abgeschlossen. Er dachte an Manager, die gestresst und resigniert wirkten. Mit diesen hatte er nichts gemeinsam. Er liebte seine Arbeit, glaubte, den tollsten Job im besten Team der Welt zu haben. Er war ein Vollgas-Typ. «Ich war selbstbewusst, hatte nie Angst vor Prüfungen oder Jobwechseln», sagt er rückblickend und fügt hinzu: «Ich ignorierte alle Signale, die mir mein Körper gab.»

Knapp war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er scheinbar unvermittelt ausgebrannt war: Ein Burn-out setzte ihn ausser Gefecht. Er hatte mit einem Chefposten in der «Blick»-Redaktion einen der begehrtesten Jobs im Sportjournalismus. Gearbeitet hatte er schon immer sehr viel.

Plötzlich nicht mehr funktionsfähig

Doch jahrelang hatte er sich wunderbar gefühlt, war voller Enthusiasmus und Tatendrang gewesen. Bis sein Körper und sein Geist plötzlich nicht mehr mitmachten. Auf einmal war er todmüde und erschöpft, trotzdem schlief er schlecht. «Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, fühlte mich leer, einsam und überfordert.»

Der heute 44-Jährige zog sich zurück, errichtete eine hohe Mauer um sich herum. Er verstand nicht, was mit ihm los war.

Als er schliesslich einen Arzt aufsuchte, schrieb ihn dieser zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Im Nachhinein sagt Knapp: «Das Schwierigste war für mich zu akzeptieren, dass ich nicht mehr funktionsfähig war.» Damals wusste er auch noch nichts über körperliche Begleitsymptome wie Schlafstörungen, Durchfall, Muskelschmerzen und Schwindelanfälle. Knapp hielt tagebuchartig fest, was er in den zweieinhalb Monaten, in denen er krankgeschrieben war, durchlebte. Beschrieb die bleierne Müdigkeit, die innere Leere, die Angst. Daraus entstand sein Erfahrungsreport, den er im Eigenverlag herausgegeben hat.

Ein Burn-out ist eine Belastungsreaktion auf chronischen Stress am Arbeitsplatz, zu der drei Kernsymptome gehören: emotionale Erschöpfung, eine veränderte, distanziertere Einstellung zur Arbeit und ein Gefühl des beruflichen Versagens. Typisch sind Aussagen wie: «Ich schaff das alles nicht mehr.» Wer spürt, dass seine Leistung nachlässt, versucht dieses Defizit durch Überstunden und Mehrarbeit zu kompensieren.

Hinzu kommt die Angst vor Jobverlust

Dadurch gerät der Teufelskreis jedoch erst so richtig in Gang. Thomas Knapp erzählt: «Ich strengte mich immer mehr an. Trotzdem liess die Qualität meiner Leistung nach.» Der Sportjournalist vergleicht das Gefühl, das er beim Arbeiten hatte, mit einem Formel-1-Auto: «Obwohl die PS-starken Motoren weit höhere Tempi zuliessen, kam ich nicht schneller voran als ein Kleinwagen.» Die Arbeit kostete ihn enorm viel Kraft, er wurde zum Zauderer. Manchmal, wenn er vor dem Bildschirm sass, verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen. Seine Batterien waren leer, und auch in der Freizeit konnte er nicht mehr auftanken.

Seit dem Rücktritt des FDP-Präsidenten Rolf Schweiger wegen eines Burn-outs wird das Thema öffentlich diskutiert. Am Arbeitsplatz sieht es anders aus: Betroffene Mitarbeiter haben Angst, als Schwächlinge angesehen zu werden oder als nicht belastbar zu gelten ­ und schweigen deshalb. Die Furcht vor einem Arbeitsplatzverlust ist gross. Und der Druck nimmt zu: Laut einer im Jahr 2000 durchgeführten Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft fühlen sich in der Schweiz 83 Prozent aller Arbeitnehmenden gestresst.

Noch in den achtziger Jahren beschrieben Fachleute das Burn-out als eine Belastungsreaktion, die vorwiegend in sozialen Berufen auftritt. Mittlerweile breitet sich das Phänomen langsam, aber sicher auf alle Berufssparten und Gesellschaftsschichten aus. Dabei trifft es häufig gerade die Engagiertesten und Motiviertesten, die ihr Bestes geben und sehr hohe Anforderungen an sich selbst stellen.

Was es heisst, völlig ausgebrannt zu sein, ist für Aussenstehende nur schwer nachvollziehbar. Dieser Zustand lässt sich nicht mit zwei Wochen Strandferien kurieren. Manch einer findet den Anschluss an die Arbeitswelt nie mehr.

Die Prävention hat auch deshalb einen enorm hohen Stellenwert. «Der einzelne Mensch kann viel tun, um einem Burn-out vorzubeugen», sagt die Soziologin Beate Schulze, die das Empowerment-Programm für Stressmanagement und Burn-out-Prävention an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich leitet.

 

Beobachter

Es entwickelt sich schleichend

Vorbeugen bedeutet unter anderem: sich selbst beobachten und auf Alarmzeichen achten. Denn ein Burn-out überrollt die Betroffenen nicht wie eine Lawine, sondern entwickelt sich schleichend. Geht man morgens auf einmal mit einem unguten Gefühl zur Arbeit, lohnt es sich zu fragen: Woran liegt das? Wer aktiv versucht, eine belastende Situation zu verändern, ist deutlich weniger Burn-out-gefährdet, als wer diese einfach hinnimmt. Weitere Faktoren, die vor einem Burn-out schützen können, sind ein positives Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, mit Stress gelassen umzugehen.

Beate Schulze hat sich intensiv mit der Frage auseinander gesetzt, was der Einzelne tun kann, um einem Burn-out vorzubeugen. Ihre Tipps:

Bei Burn-out-Opfer Thomas Knapp war der Weg zurück ins Alltagsleben beschwerlich. Er liess sich beim «Blick» freistellen; zwei Monate später trat er beim «Solothurner Tagblatt» eine 50-Prozent-Stelle an und baute sich daneben eine Teilselbstständigkeit als Texter und Verleger auf. Seine Arbeit liebt er noch immer. Doch ist für ihn heute anderes ebenso wichtig.

So zum Beispiel die Familie, genügend Bewegung oder ein Buch lesen ­ Bereiche, die er während Jahren sträflich vernachlässigt hatte

 

Prävention am Arbeitsplatz

Auch Vorgesetzte und Arbeitskollegen können einiges tun, um Mitarbeiter vor einem Ausbrennen zu bewahren.

  • Jobprofil: Die wichtigste Präventionsmassnahme ist laut der Burn-out-Spezialistin Beate Schulze das «Matching» zwischen einem Mitarbeiter und seinem Job: Der Arbeitsinhalt sollte zu den Fähigkeiten des Mitarbeiters passen, so dass dieser weder über- noch unterfordert ist.
  • Anerkennung: In vielen Unternehmen wird viel kritisiert und wenig gelobt, was die Arbeitszufriedenheit schmälert. Eine Befragung des Zürcher Empowerment-Programms ergab, dass sich eine grosse Anzahl der Mitarbeitenden mehr Anerkennung für ihre Arbeit wünscht.
  • Verantwortung: Förderlich ist ferner ein kooperativer Führungsstil. Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Arbeiter, die in ungelernten Positionen tätig sind, gerne mehr Verantwortung übernehmen würden. Demgegenüber gehen lediglich zwei Prozent der Vorgesetzten davon aus, dass Angestellte auf dieser Hierarchiestufe mehr Verantwortung möchten.
  • Arbeitszeit: Hellhörig werden sollten Kollegen und Vorgesetzte, wenn ein Mitarbeiter plötzlich viel mehr Zeit am Arbeitsplatz verbringt, obwohl die Arbeitsmenge stabil geblieben ist.

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