«Die Arbeit frisst dich auf», hat meine Frau immer wieder gesagt. «Du hast dich verändert», bemerkte ein guter Kollege. Ich habe alle Warnungen in den Wind geschlagen. Und alle Signale, die mir der Körper gab, einfach ignoriert: Sehprobleme, Nackenschmerzen, einen Bänderriss, Stimmungsschwankungen, tagelange Niedergeschlagenheit. «Ich doch nicht.» Das sagen viele. Ich habe verdrängt, was nicht sein durfte. Nämlich Schwäche zeigen.
Schweizer Uhren haben den Ruf, besonders gut zu funktionieren. Schweizer Uhren sind pünktlich und zuverlässig. Das weiss jedes Kind. Schweizerinnen und Schweizer haben diesen Ruf auch. Aber sie funktionieren nicht so zuverlässig wie eine Schweizer Uhr.
Jede vierte Schweizerin und jeder vierte Schweizer leidet an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. In der Schweiz nehmen sich jährlich 1500 Menschen das Leben. Jeder zehnte Schweizer unternimmt im Laufe seines Lebens einen Suizidversuch.
Der Alltag ist kompliziert geworden. Angst ist ein ständiger Begleiter. Angst vor dem Jobverlust, Angst vor einer Beziehungskrise, Angst vor Krankheiten, Angst vor dem Bankrott. Viele Menschen leben in permanenter Angst. Wir sind einem ständigen Druck ausgesetzt. Nicht nur der Arbeitnehmer erwartet von uns vollen Einsatz, auch Lebenspartnerin oder Lebenspartner, Kinder und Kollegenkreis wollen uns nicht entbehren. Die eigenen Erwartungen an uns selbst sind ebenfalls hoch.
Immer mehr Arbeitnehmer halten dem permanenten Druck, dem sie ausgesetzt werden und den sie sich selber auferlegen, nicht mehr stand. Eine der möglichen Folgen ist das so genannte Burn-out-Syndrom - ein psychischer und physischer Zusammenbruch. Es trifft Leute, die sich engagieren, die gerne arbeiten, die für andere da sind, die sich stark mit ihrem Arbeitgeber identifizieren. Die guten Mitarbeiter also. Es trifft Manager, Lehrer, Krankenschwestern, Journalisten, Hausfrauen, Banker, Ärzte und auch Spitzensportler. Der Erschöpfungszustand breitet sich in allen Berufssparten und Gesellschaftsschichten aus.
Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass niemand von heute auf morgen ausgebrannt ist. Es ist das Ergebnis monate- oder jahrelanger Überbelastungen. Dauerstress spielt bei der Entstehung des Burn-out-Syndroms eine zentrale Rolle. Es gibt klare Symptome: etwa körperliche Schmerzen, Verdauungsprobleme, emotionale Erschöpfung, Veränderung der Persönlichkeit, Schlafstörungen, Depressionen, Bluthochdruck, Angstzustände, soziale Phobie oder verminderte Leistungsfähigkeit. Die Symptommuster sind jeweils von individuellen Faktoren und der eigenen Persönlichkeit abhängig. Die Diagnose ist aber immer die gleiche: Burn-out ist eine Bankrotterklärung des bisherigen Lebensstils.
Früher wusste ich, was ich zu leisten im Stande bin. Das war die Messlatte, an der ich mich immer orientiert habe. Zwar spürte ich, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte. Was zählte, war aber der Blick in den Rückspiegel – ein trügerischer. Damals sah ich keine Grenzen. Ich hielt mich für unentbehrlich. Belastungen habe ich locker weggesteckt.
Was damals war, hat heute keinen Wert mehr. Das musste ich erkennen. Spätestens dann, als meine Leistungen trotz grösstem Einsatz rapide abnahmen. Ich sah keine Perspektiven mehr im Job, auch nicht im Leben. Ein Hochspringer, der einmal 2,30 Meter übersprungen hat, wird sich nicht mit 2,15 zufrieden geben wollen. Bis er resigniert feststellen muss, dass er es nicht mehr packen wird. Er wird sich nach dem dritten Versuch fragen, was er falsch gemacht hat. Er wird seinen Trainingsplan überprüfen, er wird über sein Leben nachdenken.
Ausserhalb des Sports gibts leider mehr als drei Versuche. Sonst würden wir eher merken, dass wir längst an einem kritischen Punkt angelangt sind. Schuld daran ist nicht der Arbeitgeber, der Partner oder sonst wer. Schuld daran ist der Betroffene. Natürlich gibt es im Alltag viele Zwänge. Menschen, die zur sogenannten Risikogruppe gehören, auferlegen sich selber den grössten Druck. Ein arbeitsscheuer Mensch kriegt kein Burn-out. Auch ist der Begriff «Burn-out-Opfer» falsch. Wer von dieser heimtückischen Krankheit niedergerissen wird, befindet sich keineswegs in der Opferrolle. Hätte er die vielen Signale beachtet, wäre ihm vieles erspart geblieben.
Der Mensch ist ein Meister im Verdrängen. Es braucht viel, um sich eine Schwäche einzugestehen. Ich habe meine letzten Energiereserven während Wochen verschwendet, nur um mein Nichtfunktionieren zu kaschieren. Das ging nicht lange gut. Ich musste mich von Vorstellungen verabschieden, die bisher der Garant für meinen beruflichen Erfolg waren. Es braucht wenig, um gegen die innere Leere und ständige Erschöpfung zu Schlaftabletten, Medikamenten, Alkohol oder anderen Drogen zu greifen. Um nicht als Versager dazustehen. Zum Glück hat mich ein befreundeter Arzt vor diesen Missgriffen bewahrt. Ohne Hilfe von Fachpersonen findet niemand aus diesem Teufelskreis.
Mein Arzt hat mir die Zuversicht vermitteln können, die es braucht, um aus der Dunkelheit zu entfliehen. An erster Stelle steht aber die Eigenverantwortung. Und vor allem das Eingeständnis: «Ich kann nicht mehr.» Erst als ich meine Schwäche akzeptiert hatte, konnte ich gegen sie ankämpfen. Zuerst aber musste ich mein Selbstmitleid überwinden. Ich musste lernen, dass vielleicht nichts mehr so sein würde wie früher.
Ich musste auch lernen, wegen meiner Krankheit kein schlechtes Gewissen zu haben. Es gab jene Momente, in denen ich es als angenehmer empfunden hätte, in einem Spitalbett zu liegen: mit einem Gipsbein, einem Kopfverband oder mit Schläuchen an eine Maschine angeschlossen. Dann wäre ich nämlich sofort als kranker Mensch erkannt worden. Ich hätte Genesungswünsche und keine bohrenden Fragen erhalten. Ich hätte keine Erklärungen abgeben müssen. So musste ich mich für etwas rechtfertigen, was ich lange Zeit selber nicht einordnen konnte.
Manchmal braucht es schmerzliche Erfahrungen, um seine Lebensgewohnheiten zu hinterfragen oder gar zu ändern. Es ist für einen erfolgreichen Menschen nicht einfach, sich hinzusetzen und Bilanz zu ziehen. Was habe ich erreicht, wohin soll mein Weg noch führen? Viele wollen sich die Zeit nicht nehmen, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Dabei kann ein neuer Lebensweg eine Chance sein. Aber ohne Kompromisse geht es nicht. Wer verzichtet schon gern auf den Luxus, den er sich in den letzten Jahren erarbeitet hat? Es ist auch die Angst vor dem Verlust von Statussymbolen, die unser Denken einengt.
Es gibt ein einfaches Rezept, um einem Burn-out vorzubeugen: ausgeglichen leben, die «Work Life Balance» finden. Die Balance zwischen Familie, Arbeit und Gesundheit ist der Schlüssel zu einem stressfreieren Leben. Geraten zwei oder gar drei dieser Pfeiler über längere Zeit ins Wanken, kann dies zu einer totalen Erschöpfung führen. Ich rate deshalb jedem, Warnzeichen wie Müdigkeit, Lustlosigkeit oder Erschöpfung ernst zu nehmen. Wer vom Burn-out-Syndrom niedergerissen wird, reisst auch sein Umfeld mit: Partnerin oder Partner, Kinder, Freunde, Kollegen. Es ist hart, ansehen zu müssen, wie die eigene und die Welt um einen herum auseinanderfällt und langsam zerbricht.
Vorbeugen ist besser als ausbrennen: mehr Freizeit, mehr Familie, mehr Faulenzen, mehr Spass, mehr Leben. Auch wenn mir die Arbeit nach wie vor wichtig ist, haben andere Dinge Priorität.