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Presseschau - Luzerner Woche, 17. Mai 2006

Janine F. oder «Einmal Hölle und zurück»

Die 38-jährige Janine F., Mutter von drei Kindern, hat die Hölle hinter sich. Die in der Umgebung von Luzern lebenden Frau hat ihren Fall ins Burn-out und ihren langen (Um-)Weg aus der Krankheit in einem Buch niedergeschrieben. Sie will Betroffenen mit ihrem Bericht Mut machen. Und Angehörigen das Verstehen der Krankheit und den Umgang damit erleichtern.

«Ich befand mich in einem Zustand, der dem Tod sehr nahe sein musste.» Mit diesem Satz beginnt das Buch «Ich will frei sein» von Janine F., Marketingfachfrau, 38-jährig, dreifache, allein erziehende Mutter.

Autorin Janine F. und ihr Verleger Thomas Knapp stehen an der Druckmaschine und begutachten die ersten Bogen des Buchs. Man sieht Janine F. heute nicht mehr an, dass sie körperlich und psychisch so weit war, sich aufzugeben – einen Schlussstrich zu ziehen. «Nein», sagt sie, «ich fühle mich nicht mehr krank.» Aber sie hat einen langen, dunklen Weg hinter sich.

«Rückblende: Vor sieben Jahren. Den ganzen Januar verweilte ich auf einer Reise in Indien und meine Welt war noch vollkommen in Ordnung. Ich war gesund, hatte einen hervorragenden Job, genügend Geld und vor allem: Ich war verliebt. Im Februar wurde ich schwanger.» Die (meist) logische Folge: Heirat, Geburt der Tochter (die behindert zur Welt kommt), darauf Zwillinge. «Aber neue Probleme tauchten auf: Mein Mann verlor seinen Job und unsere Partnerschaft wurde auf eine harte Probe gestellt.» Zu hart letztlich: Das Paar trennt sich.

Die Hölle – und der Rückweg

Ihr Leben wird zunehmend enger, die Ansprüche der Familie und jene, die sie an sich selbst stellt, steigen. Irgendwann beginnt sie mit Rauchen. Später kommt der abendliche Rotwein fürs bessere Einschlafen dazu. Und dann noch der Heuschnupfen-Spray, den sie sich permanent in die Nase sprüht. Sie verabscheut sich dafür – und sieht sich in ihrer Selbstzersörung zu. «Ich sah schlecht aus – und es störte mich überhaupt nicht. Besser noch. Ich sah endlich aus, wie ich mich fühlte.» Eines Tages entscheidet sie sich zum Handeln. «Ich brauche Hilfe», sagt sie ihrem Hausarzt. Der rät zum Psychiater. «Ich brauchte eine Woche, um mich zu überwinden.»

Janine F. wird nicht nur einmal eine Klinik von innen sehen – Hoffnung auf Genesung und Rückfälle geben sich die Hand. Existenzangst, Kinder, die sie brauchen (und selbst krank sind) und Abschottung gehören zu dieser Zeit, die sie ohne jede Tränen drückende Schuldzuweisung und in «straight talk» in ihrem Buch schildert.

 

Luzerner WocheUnd schliesslich jener Moment, der ihren Aufstieg aus dem Wellental bedeuten sollte. «Sie kommen mir vor, wie wenn Sie in einem Rennauto durch das Leben rasen, und ich komme bestenfalls mit dem Fahrrad hintennach», sagt ihr Psychotherapeut. Und hat damit den Schlüssel zu ihrem Dilemma gefunden. Der Schrecken hatte für Janine F. plötzlich einen Namen: Aufmerksamkeitsdefizitstörung und Hyperaktivität (ADHS). Und was einen Namen hat, mit dem kann man umgehen. Sie wandte sich an die ADHS-Therapeutin Terry Rotherham, und gemeinsam fanden sie den Rückweg ins Leben.

Befreiendes Schreiben

Janine F. wollte und konnte sich in ihrer dunklen Zeit gegenüber ihren Freunden und der Verwandtschaft nicht erklären. Sie schottete sich ab, liess Hilfsangebote unbeantwortet, meldete sich nicht mehr. «Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass jene, die mir nahe sind, auch ein Recht darauf haben, meine Geschichte zu erfahren.» Ihr fiel das Buch «In den Krallen des Raubvogels» von Thomas Knapp in die Hände. Knapp schildert darin seinen Weg vom erfolgreichen zum ausgebrannten Journalisten. In die gleiche Zeit fiel auch der Rücktritt von FDP-Schweiz-Präsident Rolf Schweiger und seinem öffentlichen Bekenntnis zum Ausgebranntsein. Eine Initialzündung: Janine F. setzte sich hin und schrieb. Fast pausenlos, drei Tage lang. «Es war wie eine Befreiung. Eine Verarbeitung meiner Schmerzen. » Die Fähigkeit, über Gewesenes aus einer gewissen Distanz zu berichten, war für sie auch das Zeichen, über den Berg zu sein. Und als schliesslich ein Freund meinte, sie solle ihr Manuskript veröffentlichen, nahm sie mit Verleger Thomas Knapp Kontakt auf. «Ich finde ihr Buch wichtig», sagt er.

Die Druckmaschinen geben die ersten Bogen aus. Janine F. gibt zu: «Ein bisschen stolz bin ich schon.»
Erwin Rast

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