Jeder dritte Berufsschullehrer ist gefährdet, psychisch krank zu werden. Bei zwei von zehn Berufsschullehrern kann sogar von einer starken psychischen Störung ausgegangen werden. Und nicht nur ältere Pädagogen sind davon betroffen. Überdurchschnittlich oft sind Berufsschullehrer emotional erschöpft. Die Ergebnisse einer Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) sind auch auf die Schweiz übertragbar: In der Untersuchung wurden Daten von 520 Berufsschullehrern ausgewertet, die aufgrund vorzeitiger Dienstunfähigkeit begutachtet wurden. 53 Prozent der Lehrer hatten eine psychische Erkrankung, ein Drittel davon eine Depression und ein Sechstel ein Burn-out-Syndrom.
Niemand brennt aber über Nacht aus. Es ist ein schleichender Prozess, der zu einer Erschöpfungsdepression führt. Er kann über Monate oder gar Jahre dauern. Und es trifft vor allem die Engagierten, die sich für die Arbeit begeistern, die Verantwortung übernehmen, die sich in hohem Mass mit ihrem Job identifizieren. Menschen also, die bei der Arbeit aufblühen und sich für andere einsetzen: Ärzte, Hausfrauen, Krankenschwestern, Journalisten, Unternehmer oder eben Lehrer. Das Burn-out-Syndrom ist eine Erkrankung der Leistungsträger. Der psychische und physische Zusammenbruch trifft die ehrgeizigen, pflichtbewussten und helfenden Menschen. Auch solche, die sich für unentbehrlich halten. Am Druck, den sie sich selber auferlegen, zerbrechen viele.
Burn-out – ein Erfahrungsreport von Thomas Knapp Das Burn-out Syndrom ist eine heimtückische Krankheit, die sich schleichend in allen Gesellschaftsschichten ausbreitet. Immer mehr Menschen leiden unter seelischer und körperlicher Erschöpfung. Der Burn-out Report von Thomas Knapp ist beim Verlag Textwerkstatt, Olten (www.textwerkstatt-knapp.ch) erhältlich. Im Frühjahr 2006 erscheint die Fortsetzung: «Burn-out: Mutmacher für Firmenbosse und Angestellte» |

«Irgendwann hat mich die Arbeit so sehr eingenommen, dass andere Bedürfnisse keinen Platz mehr hatten», erzählt Karl Weiss (Name geändert). Der ehemalige Berufsschullehrer will anonym bleiben. Er musste vor drei Jahren wegen einer Erschöpfungsdepression die Schulstube für immer verlassen. Und er schämt sich dafür, dass er heute eine Invalidenrente bezieht. Er wohnt zusammen mit seiner Frau in einem Einfamilienhaus irgendwo im Mittelland. «Meine Nachbarn wissen, dass ich nicht arbeite. Aber sie wissen nicht, dass ich psychisch krank bin.» Er hatte damals nicht den Mut, hinzustehen und seine Schwäche zu thematisieren. So glauben selbst Freunde und Bekannte bis heute, dass Karl Weiss eines Rückenleidens wegen arbeitsunfähig ist.
Psychische Störungen werden noch immer tabuisiert. Der Mensch ist ein Meister im Verdrängen. Es braucht viel, um sich eine Schwäche einzugestehen. Es ist ein langer Weg bis zur Feststellung: «Ich kann nicht mehr.» Betroffene stürzen sich in die Arbeit. Sie investieren immer mehr Energie. Der Einsatz steigt, die Leistung sinkt. Wie bei einem unerfahrenen Sportler, der verbissen trainiert und trainiert, aber dann im Wettkampf kläglich versagt. Die Kluft zwischen eigenem Anspruch und der Wirklichkeit wird immer grösser. Ausgebrannt!
Burn-out-Kranke werden von Selbstzweifeln geplagt. Einige isolieren sich, andere werden intolerant. Arbeitskolleginnen und -kollegen können in dieser Phase als dumm, faul oder undiszipliniert wahrgenommen werden. Mit dem Rückzug macht sich auch eine innere Leere breit. Die depressiven Stimmungen werden zum täglichen Begleiter.
Es gibt ein Rezept, um einem Burn-out vorzubeugen: ausgeglichen leben. Die Balance (Schlagwort: «Work Life Balance») zwischen Familie, Arbeit und Gesundheit ist der Schlüssel zu einem stressfreieren Leben. Geraten aber zwei oder gar drei dieser Eckpfeiler über längere Zeit ins Wanken, kann dies zu einer totalen Erschöpfung führen. Warnzeichen wie Müdigkeit, Lustlosigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen oder Veränderung der Persönlichkeit sind ernst zu nehmen.