Eva Neumeyer (Name geändert), Beraterin an der Informationsstelle für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen, hat einen radikalen Wandel vollzogen. «Irgendwann in der Lebensmitte habe ich mich gefragt: Was soll das alles? Für wen arbeite ich eigentlich?» Sie zog im Alter von 40 Jahren die Konsequenzen, weil sie spürte, langsam in einen Burn-out zu schlittern. Als die depressiven Stimmungen stärker wurden, nahm sie sich eine Auszeit auf unbestimmte Zeit, wanderte auf dem Jakobsweg, suchte die Nähe zur Natur und lebte äusserst bescheiden.
Nach 18 Monaten Auszeit ist Neumeyer ruhiger und ausgeglichener geworden. Sie trennte sich vom Partner und arbeitet noch 50 Prozent. «Mein früherer Lebensstil kommt mir jetzt so vor, als ob ich damals eine innere Leere hätte füllen müssen», sagt die 45-jährige Frau heute. Statt zuhause vor dem Fernseher zu sitzen, geht sie ins Kino, sie liest mehr Bücher und achtet darauf, so oft wie möglich mit Menschen zusammen zu sein.
Die Frau ist kein Einzelfall. Das Phänomen Burn-out hat in den letzten Jahren eine unrühmliche Karriere erfahren. Unzählige Menschen werden von dieser Krankheit heimgesucht. Wer mit Burn-out-Menschen spricht, bekommt oft ähnliche Antworten. «Ich habe zu meiner Arbeit oft keine rechte Lust» – «Ich habe nicht selten ein Gefühl innerer Leere» – «Ich fühle mich abgearbeitet und verbraucht» – «Ich fühle mich von der kleinsten Aufgabe überfordert.»
Was ist Burn-out? Das aus dem Englischen stammende Wort bedeutet «ausbrennen». Der Psychoanalytiker Herbert Freudenberger hat den Begriff in den Siebzigerjahren erstmals verwendet und meinte damit das berufsbedingte seelische Leiden. Anzeichen für einen Burn-out sind leicht zu erkennen in der körperlichen, geistigen und emotionalen Erschöpfung. Die Mediziner sprechen von einem «psychovegetativen Erschöpfungszustand». Emotionale Erschöpfung und reduzierte Leistungsfähigkeit werden meist durch zu viel anfallende Arbeit und zwischenmenschliche Konflikte hervorgerufen. «Der Burn-out-Patient entwickelt seiner Arbeit und seinen Tätigkeiten gegenüber eine zunehmend negative oder zynische Haltung und ist körperlich und gefühlsmässig erschöpft», sagt die Burn-out-Spezialistin Barbara Hochstrasser, Chefärztin in der psychiatrischen Privatklinik in Meiringen BE.
Doch aufgepasst: Es sind nicht in erster Linie die wenig belastbaren oder mangelhaft motivierten Menschen am stärksten gefährdet. Besonders einsatzfreudige, engagierte und motivierte Mitarbeiter tragen ein viel grösseres Risiko, vom Burn-out heimgesucht zu werden.

Burn-out bekommt einer nicht von einem Tag auf den anderen. «Die körperliche und seelische Erschöpfung kann jeden treffen. Sie kommt schleichend und schlägt dann zu, wenn es der Betroffene nicht erwartet», schreibt der Solothurner Journalist Thomas Knapp in seinem Buch «In den Krallen des Raubvogels» (Verlag Textwerkstatt, Olten, 2005) aus eigener leidvoller Erfahrung. «Die körperlichen Symptome wie Schlafstörungen, Durchfall, Muskelschmerzen, Schwindelanfälle oder Erschöpfung könnten auch von einer Grippe oder einem anderen Virus herrühren.»
Ab wann kippt der mit jeder Arbeit verbundene Stress zu einer behandlungsbedürftigen Erkrankung? Wissenschafter haben 130 Symptome gefunden, die mit Burn-out in Verbindung stehen. «Burn-out ist zwar mittlerweile ein bekannter Begriff, doch es ist keine medizinische Diagnose, die Anspruch auf Leistungen der Krankenkasse gibt», sagt die Psychiaterin Hochstrasser. Der Arzt bezeichnet die Krankheit normalerweise als «Erschöpfüngssyndrom». Wer nichts dagegen macht, provoziert Herz- und Kreislauferkrankungen, Magengeschwüre oder Zuckerkrankheit.
Wie bei jeder Krankheit gilt auch bei Burn-out Vorbeugen ist besser als heilen. In diesem Zusammenhang macht immer wieder das Schlagwort von der Work-Life-Balance die Runde. Das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben, das bei vielen Menschen nicht mehr richtig funktioniert. Das Familienleben und andere soziale Kontakte haben hinter der Arbeit anzustehen, die Erholungs- und Freizeit gerät mit dem Beruf immer wieder in Konflikt.
Der Berner Psychologe Herbert Kubat spricht lieber von der Lebenszeit-Balance, um nicht zu suggerieren, dass die Arbeit der mühsame und der Rest der angenehme Teil des Lebens darstellt. «Wichtig ist eine zufriedenstellende Arbeitssituation.» Befriedigen könne die Arbeit unter gewissen Bedingungen auch dann, wenn sie hohen Einsatz fordert. Fehle die Zufriedenheit mit der persönlichen Lebensführung, sei eine Auszeit angebracht. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem schlechtes Klima, negatives Feedback und insbesondere Mangel an Wertschätzung am Arbeitsplatz zu Stress führen, was wiederum die Familie negativ beeinflussen kann. Im positiven Fall hilft das soziale Umfeld, Probleme der Arbeitswelt zu bewältigen.
Markus Rohner