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Presseschau - Migros Magazin, 21. August 2006

WENN DIE BATTERIEN GANZ LEER SIND

Die Balance zwischen Familie und Firma droht viele Männer zu überfordern. Auch der Journalist Thomas Knapp scheiterte beinahe an dieser Doppelbelastung. Burn-out lautete die Diagnose.
«Die Arbeit frisst dich auf.» Mehr als einmal mahnte Fränzi Knapp (45) ihren Mann. Doch Thomas Knapp (45) wollte es nicht wahrhaben, kein Versager sein. Ausserdem liebte er seinen Job: Gemeinsam mit anderen baute er das «Solothurner Tagblatt» auf. Das war für den Journalisten das Grösste. Das Team war hoch motiviert – wollte es der Konkurrenz zeigen und arbeitete nonstop. Auf der Strecke blieben seine Frau Fränzi und Tochter Nina (10). Die Liebsten, die er auf der Welt hat.

Der Familie entfremdet

Fränzi Knapp ging in dieser Zeit oft allein an Geburtstagspartys oder andere Anlässe, weil ihr Mann bis spät in die Nacht auf der Redaktion war. Auch Tochter Nina hatte sich daran gewöhnt, ihren Vater nur an Wochenenden zu sehen, «und da war er oft zu müde, um mit mir zu spielen.»
Thomas Knapp kam immer erschöpfter von der Arbeit nach Hause, sprach kaum noch mit seiner Frau und merkte nicht, dass er sich von seiner Familie entfremdete. Er verdrängte die Probleme aber meisterhaft. Dann kam das neue Jobangebot: ein Chefposten auf der Sportredaktion beim «Blick». «Ich hoffte, dass sich jetzt etwas ändere», gesteht Fränzi Knapp. Aber es wurde alles noch schlimmer. «Drei Monate arbeitete ich beim Blick. Dann kam der Zusammenbruch», erinnert sich Knapp. Zu lange hatte er die Nackenschmerzen, Seh- und Schlafstörungen ignoriert. Zum Schluss schlief er keine Nacht mehr durch, und obwohl er sich im Job immer mehr anstrengte, gelang ihm immer weniger. Als er sich beim Joggen im Wald verirrte, stand fest, dass etwas nicht mehr stimmte. Er kannte den Wald doch wie seine Hosentasche. Die Diagnose des Hausarztes brachte es an den Tag: Der damals 43-Jährige litt an einer Erschöpfungsdepression, hatte ein Burn-out. Von einem Tag auf den anderen musste er seinen Traumjob an den Nagel hängen. Das war vor zwei Jahren.

Die Leistungsgesellschaft treibt heute viele Väter unbarmherzig in den Stress: Einerseits werden die Erziehung der Kinder und der Job immer anspruchsvoller, anderseits tragen die Männer die Hauptlast als Ernährer. 90 von 100 Vätern in der Schweiz arbeiten 100 Prozent. 
Karriere machen kann aber nur, wer totalen Einsatz zeigt und jederzeit erreichbar ist. Davon betroffen ist die ganze männliche Gesellschaft. Laut einer im Jahr 2000 durchgeführten Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft fühlen sich 83 Prozent aller Arbeitnehmer gestresst. Wer sich voll für das Unternehmen einsetzt, sein Bestes gibt und hohe Ansprüche an sich stellt, ist am stärksten gefährdet, ein Burn-out zu erleiden. Egal, ob Bauer, Anwalt oder Filialleiter. 

 

Migros Magazin

Der Spagat zwischen Familie und Karriere wird für Männer immer schwieriger. «Der Zusammenbruch ist aber vermeidbar», ist Dieter Kissling, Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin in Baden, überzeugt. Das Zauberwort heisst Work-Life-Balance, also der richtige Ausgleich zwischen Arbeit und Familie. Dabei ist eins ganz wichtig: auf seinen Körper und seine Familie hören. Auch bei Thomas Knapp haben die Warnlampen früh geblinkt, doch er hat sie schlicht zu lange ignoriert. Bei Stress reagiert der Körper wie bei einem realen Angriff: Er schüttet Hormone aus. Macht er dies permanent, kann jedes Organ mit der Zeit verrückt spielen: Gehirn, Augen, Herz, Magen. Was zuerst reagiert, ist individuell verschieden. In jedem Fall gilt es, die Symptome ernst zu nehmen und einen Arzt aufzusuchen. «Oft kommen Männer viel zu spät. Sie stecken dann schon tief in einer Depression mit Selbstmordgedanken und allem Drum und Dran», sagt Kissling. 

In einer ersten Sitzung klärt der Arzt ab, ob die Störung psychosomatischen oder organischen Ursprungs ist. Ist der Stress sehr stark, wird der Patient für drei Wochen in eine Burn-out-Klinik eingewiesen. Häufig reicht aber eine Verhaltenstherapie, bei der in zehn bis zwanzig Sitzungen grosse Fortschritte erreicht werden können. Auch ein Gespräch mit dem Hausarzt kann nützen. Dabei wird unter anderem die Situation am Arbeitsplatz analysiert: Sind die Kompetenzen geregelt, wird die Leistung anerkannt, möchte der Patient mehr Verantwortung?
Thomas Knapp hat es ohne Klinik und ohne Psychotherapie geschafft: «Ich hatte eine verständnisvolle Familie und einen guten Hausarzt.» Dieser schrieb ihn für zweieinhalb Monate krank, und Knapp kurierte sich in dieser Zeit, indem er für seine Frau und seine Tochter alles aufschrieb, was ihn bewegte. 
Aus diesen Notizen wurde ein Bestseller. Beim «Blick» liess er sich freistellen, nach vielen erfolglosen Bewerbungen konnte er wieder beim «Solothurner Tagblatt» einsteigen – mit einer Fünfzigprozentstelle. Heute arbeitet Thomas Knapp wieder voll. Er hat sich als Verleger und Texter selbständig gemacht, arbeitet von zu Hause aus und nur noch einen Tag wöchentlich für das Tagblatt. «So habe ich meine Gelassenheit, Lebensfreude und Freunde wieder gewonnen.» Finanziell musste die Familie aber zurückstecken. Sie verzichtet aufs auswärts Essen oder auf Ferien. Dafür verbringt sie jetzt mehr Zeit zusammen. «Wir sind viel glücklicher als vorher», erklären Thomas und Fränzi Knapp einhellig. Das bestätigt auch Nina, die ihren Vater jetzt jederzeit im Büro umarmen kann. 

TEXT ANITA MARGADANT / BILDER NICOLE BACHMANN

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