Ich meinte, ich würde jetzt sterben. Nicht einmal an die Kinder konnte ich mehr denken.»
Es war ein Dienstagmorgen im November 2004. Der Wecker klingelte, doch Janine F. konnte nicht aufstehen. Hätte zur Arbeit gehen sollen. Aber konnte einfach nicht aufstehen.
Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen, Husten, Übelkeit. Nicht dass dies neu für die damals 35-Jährige gewesen wäre. «Aber diesmal funktionierte das Ignorieren nicht mehr. Ich konnte mein ferngesteuertes Triebwerk nicht mehr anlassen. Die Batterie war total leer.»
Einige Tage lag Janine F. nur da, fühlte nichts mehr, ohne zu reden, das Kurzzeitgedächtnis war weg. Ihre Mutter half, vor allem auch mit den Kindern. Dann raffte Janine sich auf, ging zum Arzt. Der schrieb sie zwei Wochen krank. Für den Job. Bei den Kindern konnte sie sich nicht krankmelden. Nach drei Wochen ohne Besserung beschloss sie zusammen mit dem Arzt, sich in die Höhenklinik Montana einweisen zu lassen.
Der Zusammenbruch war nicht aus dem Nichts gekommen. Zu aufreibend waren die Jahre zuvor gewesen. Vor sieben Jahren hatte sie geheiratet, wenig später kam ihre erste Tochter Chantal zur Welt. Die Ärzte diagnostizierten bei ihr ein «Dandy-Walker-Syndrom», eine lebensgefährliche Behinderung, bei welcher der Kopf zu rasch wächst und die schwere Operationen nötig macht. Im Folgejahr wurde Janine F. erneut schwanger, Zwillinge. Es folgten schlaflose Nächte mit drei Kleinkindern, von denen sie zwei noch stillte. Ihre Teilzeitstelle als Marketingfrau gab sie auf, ein halbes Jahr später jobbte sie wieder. Das Geld war knapp. Zudem stellte sich heraus, dass Kay, einer der Zwillinge, unter ADS litt, einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung, auch bekannt als POS. Oft schlug er sich den Kopf gegen die Wand. Und ertrug kaum körperliche Nähe. Zuweilen hatte er alle Viertelstunde Anfälle, bei denen er total ausrastete, sich zu Boden warf und laut schrie. Auch unvermittelt und in der Öffentlichkeit.
Obwohl die Behörden die Therapie für Kay bezahlten, verschlangen alleine die Fahrspesen sowie die ständigen Untersuchungen von Tochter Chantal viel Geld. Von der zeitlichen Belastung gar nicht zu reden. Janine F. erhöhte ihr Jobpensum auf 70 Prozent. «Ich übernahm mich total, fühlte mich traurig und überfordert. Ich hatte mir das Familienleben anders vorgestellt.» Eines Tages erlitt sie vor den Augen der Kinder einen Nervenzusammenbruch. Ein halbes Jahr später kam es zur Trennung von ihrem Mann. Zu sehr hatte die Beziehung unter ständiger Belastung gestanden. Ein weiterer Tiefschlag für Janine, die in der Folge immer mehr rauchte und ihre Einschlafschwierigkeiten mit Rotwein zu beheben versuchte. Und dann kam es zu jenem Dienstagmorgen.
Während der Therapie begann sich Janine intensiv mit dem Thema Burnout zu befassen. Und stiess auf einen eher unbekannten Zusammenhang: Die Fachpsychologin Terry Rotherham diagnostizierte bei ihr ADHS. Das bedeutet ADS in Kombination mit Hyperaktivität. Janine fand heraus, dass rund die Hälfte der ihr bekannten ADHS-Patienten irgendwann ein Burn-out durchlebten.

ADHS-Betroffene sind besonders aktive, impulsive Menschen, denen es schwer fällt, sich zu entspannen, die Sinneseindrücke kaum filtern können und extreme Stimmungsschwankungen haben. «Es fehlt sozusagen der Dirigent im Hirn», erläuterte Janine F. Sie können schlecht strukturieren, planen, priorisieren, haben aber auch sehr positive Eigenschaften: Sie sind begeisterungsfähig, hilfsbereit und haben einen starken Gerechtigkeitssinn. Menschen, die prädestiniert sind, immer alles zu geben und sich vielleicht zu überfordern. Menschen aber auch, denen man wegen ihrer positiven Ausstrahlung gerade dies nicht ansieht. «Man wird nicht ernst genommen», weiss Janine F. Und ist überzeugt: «Oft sind es gerade die engagiertesten, verantwortungsvollsten Leute, die ein Burn-out erleiden.»
Auch ihr hatte man das drohende Unheil nicht angesehen. Doch sie sucht die Schuld nicht bei ihrem Umfeld. «Es war in erster Linie mein Fehler, dass ich nicht viel früher Hilfe gesucht habe.»
Sie hat ihr Leben verändert. «Das war absolut nötig, um aus dem Burn-out zu kommen. Ich musste lernen, mein Tempo zu dosieren und zu akzeptieren, dass es auch mal ohne mich geht.» Eine Frage von Leben und Tod. «Während der Depression meines Burn-outs wollte ich nicht mehr leben. So gross ist die Gefahr. Aber man kann es überwinden, wenn man die Hoffnung nicht aufgibt.»
Eine Hoffnung, die sie nun weitergibt. Etwa mit dem Buch «Ich will frei sein», worin sie ihre Geschichte erzählt. «Ich finde, man müsste viel mehr über Burnout informieren. Und dass das soziale System gefährdeten Menschen schneller und unbürokratisch helfen sollte. Prävention ist letztlich auch günstiger.»
Heute geht es Janine F. besser. Viel besser. Sie hat gelernt, auf ihren Körper zu hören, auch mal Nein zu sagen, ihren Hang zum Perfektionismus und ihre euphorischen Emotionen zu zügeln. Regelmässig nimmt sie sich freie Tage, an denen sie auch das Telefon nicht abnimmt. Sie plant immer nur eine Woche im Voraus. Sie geniesst ihre Freizeit, etwa wenn die Kinder jedes zweite Wochenende bei deren Vater sind. Und sie freut sich, dass ihr Engagement gegen Burn-out viele Menschen, auch viele Frauen, anspricht. Glück? Noch ist es fragil. Diese Woche etwa ist Tochter Chantal wieder im Spital. Es ist nicht klar, für wie lange. «Das Abwarten macht mir zu schaffen.» Auch mit den Zwillingen ist es zuweilen schwierig. Glücklich? Immer öfter. Und vor allem: gelassener.
HINWEIS – Janine F. referiert am Samstag, 23. September, – Am Mittwoch, 25. Oktober, um 19 Uhr tritt Janine F. zum Thema Burn-out im D4 Businesscenter in Root auf. Co-Referenten: Thomas Knapp (Autor des Bestsellers «In den Krallen des Raubvogels»), Andreas Lüthi (Psychosomatiker) und Dr. Rolf Victor Heini, Institut für Arbeitsmedizin in Baden. |