«So viele Rosen, warum das? Wer heiratet?»
«Das Glück.»
«Und wen heiratet es?»
«Das Glück.»
Ein Dialog zwischen einem Buben und der Betreuerin im Lernatelier des Ostschweizer Kinderspitals in St. Gallen; in der Mitte des Raumes steht eine grosse Vase voller Rosen. Die jugendlichen Patienten dürfen sich eine für sich aussuchen, dann auch überlegen, wem sie eine zweite schenken wollen. Die Rose als Glücks- und Liebesbote, ein starkes Symbol, das mit anderen über der Projektwoche zum Thema Glück steht, welche das Lernatelier organisiert hat. Eine Woche lang soll sich Glück zu Glück gesellen. Doch Glück ist nicht planbar. Franziska Matzig, eine der Lernbetreuerinnen, bezieht ihre Feststellung sowohl auf die Projektwoche wie auf das Glück im Allgemeinen. «Das Thema Glück an einem Ort, wo man es nicht unbedingt vermutet, das faszinierte uns.»
Die Kinder und Jugendlichen im Lernatelier sind in den wenigsten Fällen einfach nur wegen eines Beinbruchs oder einer Blinddarmoperation im Spital. Auch Kinder und Jugendliche aus dem Kinderschutzzentrum sind in diesem Raum anzutreffen. Im Schlupfhuus sind Kinder und Jugendliche untergebracht, welche in einer Krisensituation stecken, im Romerhuus sind Jugendliche mit psychosomatischen Leiden, wie zum Beispiel Essstörungen, stationiert. Junge Menschen, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Die das Glück nicht gepachtet haben.
Das Lernatelier will den Weg auf die Sonnenseite weisen, an die Sonne erinnern zumindest. «Das ist ein Raum zum Sein, zum Sichzurückziehen, hier gibt es keine Ärzte, keine Pflegerinnen mit weissen Kitteln», sagt Thomas Vogel, der Leiter Spitalpädagogik am Kinderspital. «Nicht die Krankheit ist das Thema, wir arbeiten quasi am gesunden Teil», ergänzt Franziska Matzig. «Das Lernatelier ist wie eine Insel im Spitalalltag.» Ist es Zufall, dass sich die grosse Tür nur schwer öffnen lässt? Als wollte sie sagen: Hier betrittst du eine andere Welt.
Am Morgen gibt es Prozessunterricht, da können die Kinder und Jugendlichen ein Thema wählen, das sie interessiert. Zum Angebot des Lernateliers gehören weiter schulische Arbeit, aber auch Werken und Spielen; manche Jugendliche verbringen Wochen und Monate in einer der Abteilungen des Kinderspitals. Sporadisch wird ein Themenunterricht eingeschoben. «Da verwöhnen wir sie, wir bereiten ein Thema vor, bieten Nahrung auf verschiedenen Ebenen», sagt Thomas Vogel. Das Glücksprojekt ist eine Ausweitung eines solchen Themenunterrichts: eine ganze Woche zu einem einzigen Thema.
Realisiert wurde die Projektwoche zusammen mit Ursula Wolf, der Gestalterin, und Cornelia Hofer, der Autorin des Kinderbuchs «Benjamin und der Glücksdrache». Einfach nur ein Buch zu machen, das dann in den Buchhandlungen liege, das sei ihnen zu wenig spannend gewesen, sagt Cornelia Hofer. So suchten die beiden Sponsoren, um das Buch zu verschenken, und sie suchten den Kontakt zu Kindergärten, Kinder-Selbsthilfegruppen, Spitälern. Nun reisen sie von Ort zu Ort, gehen «mit dem Glück auf Wanderschaft». Im Gepäck haben sie eine grossformatige Nachbildung des Buches, an welchem überall weitergeschrieben und -gezeichnet wird. Denn das Glücksbuch hat nach jeder bedruckten Doppelseite leere Seiten. «Die Kinder und Jugendlichen sollen selber ihre Glücksmomente festhalten können», sagt Cornelia Hofer.
StichwortLernatelierDas Lernatelier existiert seit einem Jahr. Es steht Kindern und Jugendlichen des Ostschweizer Kinderspitals in St. Gallen und des Kinderschutzzentrums offen und verfolgt pädagogische Ziele. Es soll aber auch eine Abwechslung zum Spitalalltag sein. Die sechs Lernbetreuer sind ausgebildete Lehrpersonen, teilweise mit Zusatzausbildung. Geboten wird Prozessunterricht mit selbst gewählten Themen, Werken und Spielen, aber auch schulischer Unterricht, wo einzeln oder in Gruppen Sprachen oder Mathematik vermittelt werden. Das Lernatelier ist eine Gegenwelt zum Spital. Die Krankheit der Kinder und Jugendlichen (das Spektrum reicht vom Kindergartenalter bis gegen zwanzig) wird hier nicht thematisiert – und ist unterschwellig natürlich dennoch präsent. «Über eine Zeichnung oder das Thema eines Vortrages kommt die persönliche Situation doch zum Tragen. Das hilft uns, Kanäle zu öffnen, sodass die jungen Menschen an ihre eigenen Ressourcen kommen», sagt Thomas Vogel, der Leiter Spitalpädagogik. |
Mit Benjamin, dem kleinen Buben, der den Glücksdrachen Cilly trifft, machen sich auch die Kinder und Jugendlichen im Kinderspital auf den Weg zum Glück. Sie pflanzten Glückssamen in die Erde, eine Reihe kleiner Tontöpfe steht auf der Fensterbank. «Wenn man zum Glück schaut und es pflegt, dann wächst es», sagt Cornelia Hofer. «Glück hat verschiedene Facetten, Warten gehört dazu, Geduld, auch Vorfreude auf das Glück kann Glück sein.»
Neben den Rosen, die das Glück ins eigene Herz und zu anderen Menschen bringen – zur Sekretärin, zur Ärztin, zur Putzfrau, zum Mami –, steht ein Glücksrad, noch eines dieser starken Symbole. «Das Glück bleibt nicht stehen, es geht vorbei, kommt wieder», sagt Franziska Matzig. Und gerade hier zeigt sich dann auch, dass Glück und Spital nicht nur Widersprüche sind, sondern einen logischen Zusammenhang haben. Glück kann nur wahrnehmen, wer auch das andere erlebt hat, wer auch die dunkle Seite des Lebens kennt.
Die kleine Provokation bleibt dennoch. Am Ende des Buches, nach vielen Glückserfahrungen mit anderen Menschen, fragt Benjamin, was er denn mache, wenn er einmal ganz alleine sei. «Keine Angst, auch dann wirst du das Glück finden», antwortet Cilly. Und beim Umblättern erblickt der Leser in einem Spiegel sich selbst. «Das Glück ist in einem selber», sagt Cornelia. Hofer.«Das ist doch relativ provokativ, wenn man bedenkt, in welchen Situationen die jungen Menschen hier stecken», sagt Thomas Vogel.
Und doch ist gerade das die versöhnliche, hoffnungsvolle Botschaft. Jeder kann das Glück erleben. An der Wand hängen Fotos von der Projektwoche: die Jugendlichen beim Werken, Schreiben, Reden. «Glücks-Montag» steht da, bei einer anderen Bildergruppe «Glücks-Dienstag», dann «Glücks-Mittwoch». So ist am Ende jeder Tag ein Glückstag.