Die Natur hat mit dem Verkehr nicht gerechnet. Immer wieder werden Tiere von Autos angefahren und unter Umständen tödlich verletzt. Ein Dachs überlebte. Und hatte Glück, dass ihn Lena fand, ein kleines Mädchen, das ihn in seinen geräumigen Garten mitten in einer Grossstadt brachte, um ihn gesundzupflegen. Das ist der Ausgangspunkt des Kinderbuches «Flügel für den kleinen Dachs», das durch seine unaufdringliche, schnörkellose Geschichte aus der Dutzendware von seinesgleichen herausragt und jedem Kind grosse Freude bereiten wird. Buben und Mädchen ab frühem Lesealter werden sich für den sparsamen, aber fürs Verständnis stets klar ausreichenden Text der Autorin Simone Schmid begeistern und ebenso für die filigranen, gleichzeitig grosszügigen Illustrationen von Deborah Azer aus Wabern, Studentin an der Hochschule der Künste. Azers Arbeit wird auch als Blickfang für jüngere Altersgruppen (ab etwa vier) dienen, denen die Handlung vorgelesen wird.
Während im Märchen Tiere sehr oft einen Aspekt eines Helden verkörpern und deshalb richtigerweise mit der Gabe der menschlichen Sprache ausgestattet sind oder sonst eine Symbolik ausdrücken sollen, ist diese Geschichte um den Dachs bewusst nicht märchenhaft konzipiert, sondern schildert eine reale mögliche Begebenheit unserer Alltagswelt. Autorin Simone Schmid hat deshalb folgerichtig darauf verzichtet, das Tier zu vermenschlichen.
Die Kommunikation zwischen dem Tier und dem Mädchen läuft auf anderer Basis ab: Der Dachs spürt die Zuwendung, er «dankt» es Lena damit, dass er sich wohlfühlt, die Kleine wiederum fühlt, dass sie genau das Richtige für ihren vierbeinigen Freund tut. So verstehen sich Mensch und Tier. In direkter Rede spricht der Dachs nur mit seinesgleichen; das ist aber keine Inkonsequenz des Buches. Denn wir Menschen können letztlich nicht wissen, wie sich Tiere unterhalten. Besuch erhält der Dachs regelmässig. Für eine Feldmaus ist ein Zaun kein Hindernis, die Katze kann sich bequem neben sein Gehege setzen. Und namentlich für jene Geschöpfe, welche die Luft als Lebensraum haben, ist das eingegrenzte Territorium des Dachses völlig frei zugänglich ...
«Flügel für den kleinen Dachs»: Auch da ist sich Schmid, die in Biel als Texterin und Journalistin arbeitete, bei der Porträtierung dieses Geschöpfes treu geblieben. Dieser Dachs erlebt keine anatomische Verwandlung, die es ihm auf fadenscheinige Weise erlaubte, seinem jäh aufgetretenen Fernweh nachzugeben, dessen Ursache er erst nach und nach zu erkennen vermag. Keine Entwicklung im Handlungsablauf also, die in diesem Zusammenhang als billig zu werten wäre. Und dennoch stimmt die Aussage des Titels. Man lasse sich überraschen. Es geht um Loslassenkönnen, Loslassenmüssen, um Risikobereitschaft und Abenteuer. Damit richtet sich das Buch auch an Erwachsene. Und die Kleinen werden diese Erfahrungen gerne mit Lena und dem Dachs teilen.