Was als erstes an Erika Bättig auffällt, sind ihre strahlend blauen Augen. Spricht man mit ihr, kommt schnell ihr klares Lachen hinzu. Zwei Markenzeichen. Als Ort für unser Gespräch hat sie eine Brücke gewählt, einen Ort, der verbindet, aber auch den Übergang beinhaltet. Das hat für sie eine klare Symbolik: «Ein Pendeln zwischen Leben und Tod – aber auch zwischen Schul- und Komplementärmedizin.»
Der Wind fährt durch ihre roten Haare. Wenn man ihr begegnet, würde man kaum ahnen, dass sie seit sieben Jahren gegen den Krebs kämpft und lernen muss, mit ihrer Krankheit zu leben. Und immer wieder zwischen Hoffen und Verzweifeln schwankt. «Manchmal ist es wirklich schwierig, mich damit abzufinden, dass mich die Krankheit auffrisst», sagt sie aus der Tiefe ihres Herzens. Aber sie versuche, sagt sie, sich nicht durch den Krebs bestimmen zu lassen. Nicht immer gelingt ihr das.
«Was habe ich in meiner Brust?» Mit dieser Frage beginnt ihr Weg durch die Maschinerie der Schulmedizin. Erika Bättig war damals, vor sieben Jahren, 35 Jahre alt, und die Diagnose schlug ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ihre Ärztin, sagt sie heute rückblickend, habe es verschlampt, seriös zu diagnostizieren. Im Buch beschreibt Erika Bättig diesen Moment so:
«Es ist vermutlich eine Zyste.» Und schon wollte sie wieder abrauschen. Ich hatte gerade noch Zeit, sie zu fragen, ob man die Zyste behandeln müsse. «Man kann, muss aber nicht.» Das war ihre Antwort.
«Ich hätte nie gedacht, dass es mich trifft. Die drei Tage, bis das definitive Resultat aus dem Labor eintraf, waren ein Horrortrip.» Hegt sie keinen Groll gegen die Ärztin? «Manchmal überlege ich mir, wie es herausgekommen, wenn der Krebs früher erkannt worden wäre – aber nein, Groll habe ich nicht.» Sie habe der Ärztin geschrieben, ihr ihre Gefühle mitgeteilt. Mehr nicht.
Den Weg vom Moment der Diagnose bis heute hat sie aufgeschrieben: «Kurz nach Ausbruch meiner Erkrankung, schenkte mir meine Freundin Manuela ein Buch mit leeren Seiten. Damit begann ich mit der Aufzeichnung meiner Geschichte. Anfänglich schrieb ich für mich, dann für meine Freunde.» Ihr Buch «Diagnose Krebs – Das gewonnene Leben» ist in diesen Tagen fertig gestellt worden. «Manchmal habe ich Bedenken, was nun die Leute daraus machen, jetzt, wo sie alles über mich und meine Krankheit erfahren. Ich fühle mich schon ein bisschen wie ausgezogen.» Sie denkt nach. «Ich betrachte es mehr als Geschenk. Ja, vieles preis zu geben und offen zu sein ist kein Verlust – im Gegenteil.» Sie spricht ungefiltert von ihren Gefühlen, den Ängsten und Verletzungen, vom Verliebtsein und von der Trauer, wenn ein Freund, eine Weggefährtin sterben. Man merkt, sie hat nichts zu verlieren: «Seit ich so mit der Wahrheit konfrontiert bin, ertrage ich keine Lügen mehr.»
Es ist paradox. Sie fühlt sich als Persönlichkeit gefestigter als vor der Diagnose. «Ich war lange Zeit eher ein verschlossener Mensch. Mit der Krankheit und meiner Therapie bin ich offener geworden.» Aber der Prozess, jene Frau zu werden, die sie heute ist, war für sie mit Schmerzen, Hoffen und Bangenverbunden. Und ist es heute noch.
Hat sich das Verhältnis zur Schulmedizin im Lauf ihres Kampfes verändert? «Ja, auf jeden Fall», sagt sie, «heute sind Ärzte in meinen Augen nicht mehr unfehlbare Autoritäten, sind einfach Menschen, die nach bestem Wissen ihre Arbeit machen, als Berater und Helfer.» Seit sie in der Komplementärmedizin jene Unterstützung erhalten hat, die ihr das Leben mit dem Krebs erleichterte, ist ihr klar «dass nur eine Miteinander von Schulmedizin und alternativen Ansätzen Sinn macht.»
In den sieben Jahren hat Erika Bättig gelernt zu unterscheiden: «Ich spüre sofort, was mir hilft und gut tut, ich wähle aus und breche die Behandlung ab, wenn es für mich nicht stimmt.» Viel stärker als früher nimmt sie wahr, dass sie vollkommen auf sich selbst zurückgeworfen ist: «Den Weg durch die Krankheit, durch die Therapien, die Suche nach Heilungsformen – all dies muss ich alleine machen.» Der Prozess hat sie zu einer neuen Form von Glauben geführt: «Die wichtigen Fragen wurden für mich plötzlich hautnah – es ging ans ‹Läbige›.» Die Antworten darauf findet sie in Begegnungen mit Menschen, Kraft geben ihr Spaziergänge in der Natur.
Neben dem Kampf um ihr Leben geht es auch um den Kampf um ihren Lebensunterhalt. «Es macht müde, um alles kämpfen zu müssen.» Sie hat in den sieben Jahren ihrer Krankheit so gut es ging Musikunterricht gegeben. Heute sind davon ein paar Stunden übriggeblieben. Mit dem Honorar, der IV und Versicherungsleistungen hält sie sich über Wasser. Und sie weiss, dass das Buch sie nicht reich machen wird.
Erwin Rast