Ein Drittel der Berufstätigen empfindet Arbeit als krank machend. Ist das nicht eine beunruhigende Zahl?
Dieter Kissling: Eigentlich sollte Arbeit gesund machen oder zumindest gesund erhalten. Wenn so viele das Gefühl haben, es sei umgekehrt, so ist das schon beunruhigend.
Rückenschmerzen ist das häufigste Leiden, gefolgt von Stress.
Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Wobei natürlich Rückenschmerzen auch stressbedingt sein können.
Behandeln Sie viele Stressgeplagte?
Burnout ist mein Hauptgeschäft. Vor fünf Jahren behandelten wir einen Burnout-Fall pro Monat, heute mehrere Fälle pro Woche. Kürzlich wurde ich gefragt, welche gravierenden Berufskrankheiten nach den Asbestfällen folgen werden. Ich denke, es ist Stress. Ich rechne damit, dass früher oder später Unternehmen wegen Burnout-Fällen eingeklagt werden.
Die Suva anerkennt Burnout aber nicht als Berufskrankheit.
Weil immer viele verschiedene Faktoren zu einer psychischen Krankheit führen. Das Arbeitsumfeld ist aber sicher einer dieser Faktoren.
Wird bei einem Burnout auch das Arbeitsumfeld durchleuchtet?
Das ist das Problem. Es gibt heute gut etablierte Konzepte zur Behandlung von Personen mit Burnout. Aber ein wesentlicher Teil wird nicht behandelt, nämlich die Burnout-fördernde Arbeitsumgebung. Mein Postulat ist deshalb: Psychiater, verlasst die sichere Höhle Eurer Praxis und geht in die Unternehmen!
Ist Burnout nicht ein Modebegriff geworden?
Doch, er wird überstrapaziert, er gilt heute fast als Synonym für Leistungsbereitschaft. Es kommen Leute zu mir, die sich etwas erschöpft fühlen und glauben, sie hätten ein Burnout. Burnout ist eine schwere Krankheit, viele Patienten landen in einer tiefen Depression.
Was ist denn Burnout genau?
Es gibt keine allgemeingültige Definition. Ich untersuche Symptome, Persönlichkeitsfaktoren, Beziehungsnetz, Umgebung und Arbeitsplatz. Wenn diese Faktoren «passen», dann stelle ich die Diagnose.
Was soll man denn tun, wenn man glaubt, auf ein Burnout zuzusteuern?
Gerade das spüren Burnout-Patienten in der Regel nicht, sie finden ihre Arbeit toll, haben ein sehr schlechtes Selbstempfinden und stellen ihre Bedürfnisse komplett zurück. Die Umwelt ist meist machtlos. Wer an den Rand kommt, sollte sofort professionelle Behandlung beanspruchen.
Es gibt neu auch den Begriff Boreout. Was hat es damit auf sich?
Bore-out als Folge von Unterforderung und Langeweile am Arbeitsplatz wird als Gegenteil von Burnout bezeichnet. Im Gegensatz zum Burnout hat es einen viel weniger krank machenden Aspekt.
Den Begriff Workaholic hört man nur noch selten.
Das stimmt. Wahrscheinlich wird heute einfach akzeptiert, dass viel gearbeitet wird.
Ist denn viel Arbeit allein schon ein Gesundheitsrisiko?
Schon eine 44-Stunden-Woche kann sich unter Umständen negativ auf die Gesundheit auswirken. Aber viel Arbeit bedeutet nicht per se Stress. Es ist weniger die Arbeitszeit, als vielmehr der Arbeitsdruck, der schädlich ist.
In der öffentlichen Verwaltung geben besonders viele Menschen an, unter Druck zu stehen.
Ich gehe davon aus, dass ihr Handlungsspielraum dort geringer ist und die Führungskompetenzen noch nicht so gut sind wie in der Wirtschaft.
Wo besteht denn generell Handlungsbedarf?
In den Führungsetagen. Führungskräfte sind sich viel zu wenig bewusst, wie stark sie die Gesundheit ihrer Angestellten beeinflussen können.
Sie meinen, die Chefs können für eine gesunde Arbeitsumgebung sorgen?
Ja, das auch. Aber viel wichtiger ist ihr Einfluss auf das Arbeitsklima. Wenn wir in einem Unternehmen den Stressfaktoren auf den Grund gehen, dann ist nie die Arbeitsumgebung das Problem, höchstens der Lärm in einem Grossraumbüro.
Sondern?
Das Arbeitsklima. Wenn Vorgesetzte Wertschätzung und Anerkennung zeigen, wenn sie ihren Angestellten eine ganzheitliche Arbeit und Handlungsspielraum zugestehen, wenn sie Weiterbildung ermöglichen und Sicherheit vermitteln und wenn sie auf Lohngleichheit achten, dann wirkt sich das viel mehr auf die Gesundheit ihrer Angestellten aus, als wenn sie gesunde Bürostühle zur Verfügung stellen.
Wie kann eine Firma ihre «Gesundheit» messen?
Absenzen sind eine Gesundheitskennzahl. Viele Firmen haben keine Übersicht darüber. Auch die Fluktuationsrate sagt etwas über das Befinden der Mitarbeitenden und damit den Erfolg einer Firma aus. Befragungen sind das dritte Instrument, zu prüfen, wie es den Leuten im Unternehmen geht.
Interview: Brigitte Walser