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Presseschau - Tagesanzeiger, 28. April 2007

Aktuell - LSE Linkes Ufer und Sihltal

«Dieses Buch ist aus mir hervorgebrochen»

Ein Dutzend Reisen nach China, und sein Weltbild stand Kopf: Martin Klöti, ehedem Thalwiler FDP-Präsident, schreibt in einem Doku-Roman gegen den globalen Kapitalismus an.

Mit Martin Klöti sprach Andreas Jäggi

Es braucht bestimmt viel Energie, ein Buch zu schreiben.
Nach all dem, was ich gesehen habe, wäre es mir schwerer gefallen, das Buch «2026 - Rückblick auf die Zeit nach dem Ölschock» nicht zu schreiben.

Wie meinen Sie das?
In den letzten drei Jahren war ich rund ein Dutzend Mal in China. Ich habe die Armut gesehen, die oft katastrophalen Arbeitsverhältnisse, Orte, wo das berühmte «Überleben mit weniger als einem Dollar pro Tag» Realität ist. Und ich kenne die Gegenwelt: In der Schweiz erlebe ich täglich das Gebaren von Grossunternehmen und Handelsketten.

Welche Schlüsse haben Sie gezogen?
Ich habe verstanden, woher der immense Stress kommt, dem die Welt heute ausgesetzt ist im Spannungsfeld zwischen Ost und West: China will und muss aufholen, was es unter dem Kommunismus verpasst hat. Das geschieht nun auf Biegen und Brechen unter brachialem Einsatz aller Ressourcen. Das ist an sich verständlich. Gleichzeitig gefährdet diese Entwicklung unsere Kultur und unsere Arbeitsplätze. Beides ist problematisch, hier wie dort. Wenn wir nicht bald eingreifen, werden unter diesem Druck wohl beide Erdteile in die Knie gehen.

Ihren ersten Besuch machten Sie anlässlich einer Studienreise. Danach wurden Sie von Projektpartnern gerufen und sind auf eigene Faust und auf eigene Rechnung immer wieder nach China gereist. Sie waren wohl richtig angefressen.
Das war ich. Fast schon missionarisch habe ich versucht, bei Projekten zu helfen, Wissen zu transferieren. Ich bin zum Beispiel zu Kläranlagen und Wasseraufbereitungsanlagen geführt worden. Die Verantwortlichen haben mir immer die gleichen Fragen gestellt: «Warum funktioniert bei uns nicht, was bei euch schon lange klappt?» Es hat mich schockiert, wie hilflos die Menschen mit Dingen waren, die für uns selbstverständlich sind.

Das haben Sie ohne Gegenleistung getan?
Ich fragte mich nie, was der Aufwand dereinst bringen sollte. Ich war getrieben. Seit einem Jahr bin ich nun auch mit der Fachhochschule Nordwestschweiz, wo ich Dozent bin, für ein Schweizer Industrieunternehmen in China unterwegs; und wir helfen, neue Produktionsstandorte zu errichten. Nachhaltig und regional verankert sollen sie sein. So ist mein Vorinvestment doch noch von gutem Nutzen.

Wann haben Sie sich entschieden, das Buch «2026» zu schreiben?
Auf einem Rückflug im April 2006.

Nach einem Schlüsselerlebnis?
Da war kein Schlüsselerlebnis, mein Empfinden hatte sich über die Zeit aufgebaut. Das Schockierendste habe ich im September 2005 erlebt. Ich war damals in der ländlich armen Anhui-Provinz, in die sich selten jemand aus dem Westen verirrt. In eigenartiger Übertreibung wurde mir dort zuteil, was meine Begleiter unter einer Fünfsternebehandlung verstanden. Wir brausten in Limousinen auf der Autobahn vorbei an Bauern, die ihren Mais über Kilometer auf dem Pannenstreifen zum Trocknen auslegten. Begleitet von Polizeieskorten preschten unsere Fahrzeuge durch einen Strom von Schülern, die auf dem Weg nach Hause waren. Ich sagte: Hört auf. Das ist Wahnsinn. Ich will nicht, dass noch ein Kind überfahren wird, nur weil ihr denkt, ich sei so wichtig.

Weshalb diese absurde Behandlung?
Es war der Ausdruck einer völlig verzerrten, überrissenen Erwartungshaltung, ein verzweifelter Versuch, sich an jemanden aus dem Westen anzuhängen.

In Ihrem Buch schildern Sie ausführlich, was Ihnen nicht gefällt an der globalisierten Welt.
Die Globalisierung war ein Fehler. Der Traum, die Globalisierung würde zu mehr Völkerverständigung führen, ist ausgeträumt. In der globalen Wirtschaftstätigkeit geht es doch nur um eins: dort zu produzieren, wo es am billigsten ist, und davon möglichst viel in möglichst grossen Märkten abzusetzen. Es gewinnt, wer als Eigentümer das Geschäft führt. Wie heute mit Produktionsstandorten und Märkten umgegangen wird - das ist wie das Abgrasen von Schafweiden. Solange es noch andere Weiden gibt, zieht die Herde weiter. Die Weiden bleiben abgefressen zurück, die Wurzeln ausgerissen. Auch die Konsumentinnen und Konsumenten verlieren: Sie kaufen oft Schrott, den sie gar nicht benötigen und der weder von Nutzen noch von Dauer ist. Das ist ein irrsinniger Kreislauf ohne grosse Wertschöpfung, geschweige denn Wertschätzung. Es handelt sich um eine globale Ausbeutung der Gesellschaft durch einige wenige Skrupellose.

Der Lösungsansatz, den Sie beschreiben, geht von einem radikalen Bruch aus.
Mein Buch beginnt damit, dass die USA im Iran einmarschieren. Ich will nicht zu viel verraten; entscheidend ist, dass dadurch der weltweiten Wirtschaft die treibende Kraft, das Erdöl, entzogen wird. Das Gute daran ist, dass sich die Gesellschaft auf Elementares besinnt, die Wirtschaft in neue Bahnen gelenkt wird und in eine gesunde Regionalität zurückkehrt, in übersichtliche, in sich geschlossene Strukturen. Es entstehen wieder selbstständige Systeme, wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell.

 

Der Kontakt zwischen den Kulturen bringt doch auch Vorteile mit sich.
Ich spreche jetzt nur vom Materiellen – das sollten wir nicht mehr rund um die Welt schicken. Das werden wir uns auf lange Sicht so oder so nicht mehr leisten können und nicht mehr leisten wollen.

Sie plädieren also für Abgrenzung zwischen den Weltregionen.
Wie gesagt, ich spreche nur vom Güterfluss. Ganz anders verhält es sich mit den immateriellen Werten: voneinander wissen, voneinander lernen, füreinander Verständnis haben - das müssen wir unbedingt weiterhin pflegen.

Wo bleibt der Anreiz, Knowhow auszutauschen, wenn man wirtschaftlich isoliert ist?
Im Buch habe ich ja nur die fossilen Energien und die Petrochemie aus dem Spiel genommen. Das Internet lasse ich installiert. So können wir nach wie vor Informationen austauschen, nur der Warentransport ist eingeschränkt. Weltweit Informationen, Wissen und Erfahrung zu vermitteln, ist ein absolutes Muss. Das bringt uns alle weiter, da es den Regionen erlaubt, vermehrt innovativ zu sein, mit den eigenen Mitteln bewusst umzugehen und sich eine komfortable Existenz einzurichten. Ich sehe keinen Anlass, nicht weiterhin als Weltengemeinschaft intensiv in Verbindung zu stehen. Die Kommunikationstechnologie muss und wird sich noch weiterentwickeln. In «2026» kommt das so genannte RIPICI vor, ein Kommunikationsgerät, über das sich alle Medien bedienen und alle üblichen, elektronischen Funktionen im Alltag wahrnehmen lassen. Es hat die Grösse einer Armbanduhr und braucht kaum Material.

Dieses RIPICI wird ja vielleicht noch entwickelt – von der Forschungsabteilung einer global operierenden Firma, dank Milliarden, die so erwirtschaftet wurden, wie Sie es eben geschildert haben.
Ich finde es einfach erbärmlich, wenn wir davon ausgehen, dass sich Werte nur noch generieren lassen, wenn dazu Ressourcen ausgebeutet werden. Viel grössere, bleibende und tragende Werte lassen sich eben schöpfen durch Wissen und Innovation, durch neue Technologien und Verfahren, an deren Entdeckung und Entwicklung wir uns als ganze Gesellschaft endlich wieder machen müssen. Klar passiert das bereits in Forschungslabors, an Universitäten und an Hochschulen. Aber das reicht nicht.

Das alles klingt reichlich blauäugig.
Nennen Sie es, wie Sie wollen. Die Zeit geht schnell, ich bin mit meiner Meinung längst nicht mehr allein. Abgesehen davon, hat sich diese Auffassung über die vergangenen Jahre in mir aufgestaut und ist schliesslich in Form des Buchs «2026» aus mir hervorgebrochen. Es kümmert mich herzlich wenig, wie ich rüberkomme. Man muss einfach mal Klartext reden. Ich will nicht besser und nicht schlechter sein als andere, aber ich habe eine Wut auf gewisse Entwicklungen, und ich musste endlich einen Weg finden, mich davon zu befreien. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass man sich Dinge von der Seele schreiben kann. Es tut mir gut, hoffentlich anderen auch. Es ist wie bei einer Therapie.

Therapie?
Als ich mich entschied, das Buch zu schreiben, hatte ich ein Burnout. Damals war ich am Boden. Und ich habe mir gesagt: Jetzt musst du schauen, dass du das irgendwie in Ordnung bringst. Ich konnte mich nicht mehr darum kümmern, ob ich als blauäugig betitelt würde. Es musste einfach raus, es war ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit. Zu dieser Vergangenheit gehört auch, dass Sie fast zwanzig Jahre FDP-Mitglied waren, von 2001 bis 2004 gar Präsident der Thalwiler Ortspartei. Ihre heutigen Überzeugungen passen gar nicht mehr zur FDP Linie. Ich musste von der oft von einseitigen Interessen geprägten Politik deutlich auf Distanz gehen, um das Buch «2026» schreiben und meine aufgewühlten Eindrücke und Gedanken ordentlich sortieren zu können. Ich war lange nicht ich selbst gewesen. In den vergangenen drei Jahren ist mir das immer mehr bewusst geworden.

Was hat Ihnen dieser Prozess gebracht?
Ich habe einen guten Grad an Sinn und Erfüllung gefunden in dem, was ich tue. Ich war nie so zufrieden wie heute. Wie lange habe ich nur aufs Wochenende hin gelebt. Endlich gibt es für mich den berühmten Block vor dem Montag nicht mehr. Heute weiss ich, wofür ich mich einsetze, weiss, was meine Aufgabe ist. Endlich bin ich wirklich unterwegs. «Tu nur das, wovon du überzeugt bist», sage ich jeder und jedem. Alles andere lohnt sich letztlich nicht, weder persönlich noch wirtschaftlich oder gesellschaftlich. Überhaupt nicht. Das habe ich gelernt. Es ist ein schöner Ertrag.

Buchvernissage: Heute, 11 Uhr, Buchhandlung Lüthy, Sihlcity.
«2026 - Rückblick auf die Zeit nach dem Ölschock», Verlag Textwerkstatt, Olten, ISBN 978-3-9523115-6-1; www.2026.ch

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