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Presseschau - Oltner Tagblatt / MLZ, 18. Mai 2007

Stadt/Region Olten

«Ich musste mich frei schreiben»

Martin Klöti - Der Fachhochschuldozent ruft mit dem Buch «2026» zu einer besseren Welt auf

Im Herbst 2007 marschieren die USA in Iran ein. China bekämpft die Invasion erfolgreich, die Ölpreise explodieren und das ganze westliche Wirtschaftssystem bricht zusammen. Martin Klöti entwirft in seinem sehr persönlichen Buch «2026» eine Krise, die zur grossen Chance für die Wende zu einer nachhaltigen Wirtschaft wird.

Der 48-jährige Dozent am Institut für Business Engineering an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Windisch kennt Olten von seiner Lehrtätigkeit. So ergab es sich, dass Martin Klöti den hiesigen Verleger Thomas Knapp kennen lernte, der ihn zur Herausgabe des Buchs ermunterte. Das in 365 Tagen entstandene Werk mit dem Untertitel «Rückblick auf die Zeit nach dem Ölschock» ist keine schreierische Katastrophenstory. Der am Mittwoch an der Fachhochschule in Olten präsentierte Doku-Roman nimmt das dramatische Szenario nur als Aufhänger, um mit der ausbeuterischen Globalisierung «tabula rasa» zu machen. Der Aufruf zu einem menschlicheren Kapitalismus ist zugleich eine persönliche Lebensbilanz des Autors.

Letztlich eine Autobiografie

Der Protagonist Simon, der je fünf Tage in der Schweiz und in China im Jahr 2026 tagebuchartig beschreibt und dabei in der Rückblende die heutigen Verhältnisse einstreut, lebt zu 100 Prozent von den Erfahrungen und familiären Verhältnissen des Verfassers. Martin Klöti projiziert sich mit seiner Autobiografie als Hochschulprofessor in die Zukunft und hält Rückschau auf seine bewegte berufliche Vergangenheit vor 2007. Von Haus aus ETH-Kulturingenieur, verschlug es ihn zuerst zu einer Grossbank, wo er für den Webauftritt verantwortlich zeichnete. Trotz gesicherter internationaler Karriere fand er nach einer Weiterbildung in Betriebswirtschaft erst in der Lehre und Forschung an der Fachhochschule seine Erfüllung.

Nach 15 China-Reisen im Rahmen seiner aktuellen Tätigkeit drängte es ihn zum Schreiben. «Meiner Familie und meinen Kollegen war ich viele Erklärungen schuldig. Ich musste mich frei schreiben von allen Eindrücken, die sich aufgestaut hatten.» Zur Druckreife verdichtet hatte sich in Martin Klöti der Eindruck, dass die Globalisierung so nicht weitergehen kann. Nur eine kleine Minderheit von Politikern und skrupellosen Wirtschaftsführern profitierten vom derzeitigen System. Die grosse Abzockerei einiger Manager finde auf dem Buckel der übrigen Menschen statt.

Hauptdarsteller Simon blickt 2026 zurück auf die mörderische Hektik, welche die Welt seit 1990 ergriffen hatte. Im Westen hatte der Stress das Burn-out-Syndrom zu einer Volkskrankheit der 40- bis 50-Jährigen gemacht und die Gesundheitskosten in die Höhe schnellen lassen. Das Heil suchten westliche Unternehmen mit ihren arroganten Vertretern in China, das sie bei miserablen Arbeits- und Umweltbedingungen als billiges Produktionsland auserkoren hatten.

Regionalisierung statt Globalisierung

Während sich das Reich der Mitte bis 2007 weltweit Erdölreserven in genügender Zahl gesichert hat, triff der von Präsident George W. Bush angezettelte Feldzug gegen Iran die westlichen Volkswirtschaften durch den Ölschock noch härter. Der nach dem Irak-Debakel erfolgshungrige amerikanische Präsident rennt in die nächste Niederlage gegen die intervenierende chinesische Armee und provoziert so den Zusammenbruch des westlichen Wirtschaftssystems.

Klöti stellt das Ende der Globalisierung als reinigendes Gewitter dar, das den Weg zu einer neuen Wirtschaftsweise öffnet. Das Ende der Mineralölgesellschaft lässt Staus, Offroader und andere Energiefresser vom Erdboden verschwinden. Anstelle der fossilen Energieträger treten erneuerbare Energien. Mit dem Automatischen Logistikfördersystem (ALF) verschwinden die Materialtransporte in einem Rohrpostsystem im Boden, womit Lieferanten Produktionsbetriebe zeitgerecht bedienen können, ohne dass Lagerkosten anfallen. Überflüssig gewordene Verkehrsflächen können begrünt oder neu genutzt werden. Der individuellen Bewegungsfreiheit wird trotzdem Rechnung getragen: Mit dem Betara erobert ein mit Biomasse betriebenes Fahrzeug die Strassen, das auch den Ansprüchen an den Lifestyle entspricht. Insgesamt organisieren sich die Volkswirtschaften auf regionaler Ebene menschengerechter und umweltschonender. Zwischen West und Ost findet eine Angleichung der Lebensverhältnisse statt.

Technologischer Fortschritt geht weiter

Martin Klöti warnt davor, seine Geschichte als zu fantastisch zu betrachten, zumal er im Anhang zu viele Fakten zum Zustand der Welt liefert. Der Fachhochschuldozent propagiert nicht den Rückschritt ins Ökoparadies. Vielmehr holt er Innovationen aus der Schublade und greift laufende technologische Entwicklungen auf, die dazu beitragen können, die Erde so zu gestalten, dass die Menschen ihre Lebensziele, Werte und Identität wieder finden. Das Internet bleibt, wird aber ergänzt durch die Armbanduhr Ripici, einen elektronischen Alleskönner, der alle Zusatzgeräte für SMS, Telefon, Mail und auch Ausweise im Alltag ersetzt und damit zum Stressabbau beiträgt.

Martin Klöti: 2026. Rückblick auf die Zeit nach dem Ölschock. Verlag Textwerkstatt Olten. 236 Seiten. Fr. 29.80. ISBN 978-3-9523115-6-1.
Blog zum Buch: www.2026.ch

Jürg Salvisberg

 

«Gier ist Gift für den Liberalismus»

Nachgefragt - Martin Klöti plädiert für eine Wirtschaft mit Mass

Wie kommt ein ausgebildeter Kultur-ingenieur und Betriebswirtschafter dazu, einen Doku-Roman zu schreiben?
Martin Klöti: Im April 2006 war ich einem Burn-out nahe. Bei mir haben sich so viele Eindrücke und Erfahrungen überlagert, dass ich mich von den Spannungen lösen musste. Deshalb habe ich ein Buch geschrieben, was ich schon lange tun wollte.

Warum sollte man sich der Lektüre über einen möglichen Iran-Krieg und Ölschock im Oktober 2007 unterziehen?
Klöti: Ich wünsche mir nicht, dass dieses Szenario eintritt. Das Buch soll vielmehr ein Weckruf sein, ein Signal zum Umdenken, Abbremsen und Neuorientieren. Tun wird dies nicht, halten wir die aktuelle Entwicklung früher oder später nicht mehr aus. Wir können uns zum Beispiel als deren Folge die rundherum explodierenden Staatsausgaben nicht mehr leisten.

Sie waren früher FDP-Ortspräsident in Thalwil. Wo stehen Sie heute politisch?
Klöti: Ich würde mich als Grünliberalen bezeichnen, bin weder links noch alternativ, sondern durchaus wirtschaftsorientiert, aber mit Respekt vor der Schöpfung. Nach wie vor glaube ich an Freiheit und Liberalismus, aber im vollen Bewusstsein der Grenzen. Gift für den Liberalismus ist die menschliche Gier, die derzeit absolut masslos ist. So habe ich auch schon feststellen müssen, dass der Begriff der Nachhaltigkeit noch nicht zur Denkweise der älteren Generation von Industriekapitänen gehört.

Sie plädieren für eine Wirtschaft nach dem Prinzip «Aus der Region, für die Region»? Wieso sind Sie für eine Abschottung?
Klöti: Die Begrenzung gilt nur im materiellen Sinn für Güter und den Warentransport. Ich bin für Wirtschaftsräume in Form von Selbstversorger-Clustern. Diese haben vielleicht eine Grösse von 100 Kilometern Durchmesser, die das von mir vorgeschlagene Automatische Logistikfördersystem bewältigen kann. Know-how und Erfahrungen sollen dagegen grenzüberschreitend fliessen, um die Menschen zu befähigen, Produkte selber herzustellen.

Die technologische Entwicklung sehen Sie im Unterschied zur Globalisierung positiv ...
Klöti: Ich glaube an den Nutzen des Internets und einer hoch digitalisierten Gesellschaft. Die volle Digitalisierung können wir uns dann erlauben, wenn sich der Mensch nicht von Informationen überschwemmen lässt, sondern sich proaktiv jene Daten holt, die er wirklich braucht.

Die Multikulti-Gesellschaft und den Kulturaustausch betrachten Sie dagegen eher pessimistisch ...
Klöti: Man darf die radikalen Unterschiede zwischen Ost und West nicht unterschätzen. Das Yin-und-Yang-Denken der Chinesen ist völlig anders als das systemisch vernetzte Denken bei uns. Chinesen glauben mir etwa logische Zusammenhänge nicht. Wir müssen Verständnis schaffen, wo es möglich ist, zum Beispiel durch Partnerschaft vor Ort. Wir müssen den Menschen mit seinen Bedürfnissen ernst nehmen. Das tun wir in China, indem wir in die Bildung der Leute und damit in die Qualität ihrer Arbeit investieren. Doch für Multikulturalität ist der Mensch nicht gemacht, bei der interkulturellen Kompetenz sind auch CEOs überfordert.

Welches Echo haben Sie bisher auf Ihr Buch im Kollegenkreis erhalten?
Klöti: Ich habe bisher noch keine negativen Reaktionen erhalten. Von den Berufskollegen habe ich nur einhellige Unterstützung erfahren. Ich habe mich noch nie so frei und aufgeräumt gefühlt wie heute.

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