Elisabeth Pfluger ist Volkskundlerin und Sagenerzählerin. Ihre Geschichten, die sie in zahlreichen Büchern publiziert hat, sind längst zu einem Volksgut geworden. Von ihrem Wissen profitiert der ganze Kanton Solothurn. Ihr grösster Wunsch ist es, das dieses Wissen nicht verloren geht. «Ich will meine Geschichten nicht mit ins Grab nehmen», sagt die bald 88- Jährige Härkingerin. Der Oltner Verlag Textwerkstatt will Elisabeth Pflugers Wunsch gerne erfüllen. Denn in ihrem reichhaltigen Fundus gibt es noch zahlreiche unveröffentlichte Erzählungen, die nur darauf warten, veröffentlicht zu werden.
Die Volkskundlerin, die in Solothurn lebt, ist eine begnadete Erzählerin. An ihren regelmässigen Erzähl-Lese-Abenden unterhält sie ihr zahlreiches Publikum mit viel Witz, Wissen und Spontaneität glänzend. Von A wie Aedermannsdorf bis Z wie Zullwil weiss sie aus allen Solothurner Gemeinden viele Geschichten und Anekdoten zu erzählen. «Viele Leute tragen mir spannende Sachen aus ihren Dörfern zu», sagt die aktive Frau. Bei ihr sammelt sich also das Volkswissen eines ganzen Kantons. Zu jeder Solothurner Ortschaft hat sie eine Mappe angelegt. Darin bewahrt sie fein säuberlich Notizen und Wissenswertes auf. Das Archiv in ihrer Wohnung ist eine Fundgrube von unschätzbarem Wert und wird von ihr mit neuen Geschichten ständig erweitert und «aufgefrischt». Was nicht schriftlich festgehalten werde, gehe im Laufe der Zeit verloren, sagt die Volkskundlerin. «Nur so können die Geschichten einmal unters Volk kommen.»
Elisabeth Pfluger, die ehemalige Lehrerin, ist ein wandelndes Lexikon, wenn es um Überlieferungen, Sagen, Traditionen, Brauchtümer und wahre Begebenheiten geht. Seit über sieben Jahrzehnten widmet sie sich dem solothurnischen Kulturgut. Schon seit ihrer Kindheit interessiere sie das. Aufgewachsen ist sie in einer Grossfamilie im Härkinger Gasthaus Pflug. «Als Kind machte ich meine Hausaufgaben an einem Tisch in einer Ecke der Gaststube. Damals lauschte ich fasziniert den Geschichten, die sich die Männer am Stammtisch erzählten», erinnert sie sich. In ihrem neuen Buch «He nu so de» stehen einige dieser Stammtisch-Geschichten drin. Den Titel des Buches «verdankt » sie übrigens dem Berner Kunstmaler Paul Klee. Diese Episode erzählt Elisabeth Pfluger gerne. Natürlich in unverwechselbarer Pflugerschen Mundart:
«Au di begabtiste Künstler chöne ihri Wärch nid eifach usem Ermel schüttle. Ussert der Fantasie, em Wüsse und Chönne bruuchts villmol au no Geduld und geistigi Schweerarbeit. Der Bärner Kunstmoler Paul Klee hed einisch ame Bild müese chnorze. Es hed und hed em eifach nid wölle groote, si Idee soo ufd Lynwand z bringe, wien er se im Chopf gha hed. Ändlig isch em doch es Liecht ufgange, und er hed der Rank gfunge. S Bild isch fertig gsi. Zfride hed der Künstler der Pämsel abgleit. Er hed s Bleistift gnoo und hed drunger gschribe: HE NU SO DE.
Das Bild isch z Münche ane Usstellig choo. Sprochlos si di meiste Bsuecher vor däm Bild gstange und hei am Dargstellte und a dene acht Buechstabe umegrätsled. E berüemte Kunstkritiker hed das Rätsel glöst. I der gröschte Münchner Zytig isch näbe vile subtile Betrachtige gstange: «Eines der anspruchsvollsten Werke Paul Klees ist seine Henus Ode.»
Und noch ein Beispiel aus dem Buch, aus Laupersdorf, zum «gluschtig» mache (nächste Woche gibts mehr):
Däm Müsterli muesi öppis voruus schikke: A der Fasnecht heds albe im Dorf e Hootschiball gee. Ohni grossen Ufwand hed men eim mid altem Züg als Hootsch, als Vagant oder als Häx verchleidet. Gärn hed men eim au als dick Blüttere usgstopfed oder als Vogelschüüchi agleit. Hed men aber ganz abschüüchlig wüest ad Fasnecht welle goo, so hed me gseit: «I mache nes Mönsch!»
Einisch am Schuelexame z Lauberschdorf hed d Lehrerin mid ihrne Erstklässler e Sproochüebig gmacht. Jedes Ching hed uf öppis im Schuelzimmer dörfe zeige und denn es schriftdütsches Sätzli derzue säge, zum Byspil: «Das ist ein Tisch.» – «Das ist die Wandtafel.» – Der chly Dolfeli hed uf di jungi – nid bsungers hübschi – Lehrerin düüted und hed verchündet: «Das ist ein Mönsch!»
Di vile Examelüüt, luuter Manne, hei ne Lachafall überchoo, und d Lehrerin isch güggelrot agloffe. D Schüelerli aber hei vo eim zum angere gluegt und hei nid begriffe, wiso as di Erwachsene ufsmol so blöd tüei.
Die Wurzeln von Elisabeth Pfluger liegen im Gäu, im ehemaligen Gasthaus Pflug in Härkingen. Als der Anzeiger sie anfragte, ob Auszüge aus ihrem neuen Buch «He nu so de» veröffentlicht werden dürften, hat sie spontan zugesagt. «Das ist auch Werbung für das Buch», sagt sie mit einem Schmunzeln. In den nächsten Wochen werden die Anzeiger-Leserinnen und -Leser, also Thaler, Gäuer und Oltner, Müsterchen exklusiv serviert bekommen; quasi als Vorgeschmack auf das Buch «He nu so de», das im Oktober 2007 im Oltner Verlag Textwerkstatt erscheinen wird und dann in allen Buchhandlungen erhältlich ist. Ulrike Frentzel aus Rüttenen hat zehn aussergewöhnliche Illustrationen für das Buch gemacht. Gestaltet wird das Werk von Bruno Castellani. Der Grafiker hat bekanntlich auch zum neuen Erscheinungsbild des Anzeigers beigetragen.