Viele Menschen zerbrechen an einem psychotischen Leiden. Rolf Baumann hat seinen Weg mit Hilfe geduldiger Menschen und seiner Familie zurück in ein erträgliches, gar glückliches Leben gefunden. Ein Ausnahmeporträt. Ich erwische Rolf Baumann gegen 17 Uhr über sein Handy, gerade als er im vollbesetzten Tram unterwegs nach Hause ist. «Das ist ungünstig jetzt unter den vielen Leuten, man versteht sich kaum und ich bin auch nicht vorbereitet», vernehme ich eine leicht irritiert klingende Stimme. Am nächsten Tag ist der Termin dann aber doch vereinbart.
Und zwei Tage später stehe ich in dem kleinen Lift, der mich direkt in das Appartement der Baumanns in Arlesheim bringt. Vielleicht hatte ich einen leicht verwirrten, gehetzt um sich blickenden Menschen erwartet. Die Hand, die ich nun aber drücke, ist kräftig, bestimmt, der Blick direkt und auf eine zwar unaufdringliche, aber nichtsdestotrotz zwingende Art entwaffnend. Rolf Baumann ist gut einen Kopf grösser als ich und beeindruckend in seiner Präsenz. Nein, so hatte ich mir diesen Mann ganz sicher nicht vorgestellt.
«Wie schon erwähnt, ich musste mich auf dieses Gespräch etwas vorbereiten», sagt er entschuldigend und rückt seine kräftige Gestalt im Sessel gegenüber zurecht. «Die Medikamente, verstehen Sie, seither kann ich auch nicht mehr arbeiten.» Eine Armlänge daneben macht es sich Elisabeth bequem. Es ist dieselbe Elisabeth, die der Nationalökonom in vorzeitigem Ruhestand in seinem jüngst erschienenen Buch «An perfekten Eltern verzweifelt» öfters erwähnt, die Frau, die ihn durch die dunkelsten Stunden des Lebens treu begleitet, immer an ihn geglaubt hat. Dieselbe Frau, mit der er inzwischen zwei erwachsene Kinder grossgezogen hat, und dies, obwohl ihm vor mehr als 30 Jahren die Ehefähigkeit abgesprochen worden war.
Rolf Baumann ist an pseudo-neurotischer Schizophrenie erkrankt, so genannt, weil sie sich hinter allen Anzeichen einer typischen Zwangsneurose versteckt, was auch über 30 Jahre lang der Fall war. Seine Krankheit ist unheilbar, das weiss er inzwischen. «Aber man kann lernen, damit zu leben», sagt Rolf Baumann.
Diese Souveränität strahlte Rolf Baumann allerdings nicht immer aus. In seiner Kinder- und Jugendzeit war er sehr behütet. Überbehütet, wie Baumann heute sagt. Fast schien es, als würde ihm das Leben mit seiner problematischen Seite zunächst fast gänzlich vorenthalten. «Meine Eltern haben auch nie richtig gestritten, waren perfekt», erinnert er sich. Als der junge Rolf schliesslich in der Pubertät die von Schmerz geprägte, düstere Seite des Lebens erfahren musste, traf es ihn wie ein Schock. Die plötzlichen Gegensätze waren für ihn kaum zu ertragen. Mit knapp 18 Jahren hatte er seine erste Panikattacke, ein schreckliches Erlebnis, und nicht das letzte. Denn jetzt fing sein Leidensweg erst an. Ein Leiden, das ihn schliesslich gnadenlos in die Wüste der Verzweiflung stiess.
Zu den Panikattacken gesellte sich die ständige Angst, lebensbedrohend erkrankt zu sein. Auch überrollte ihn der erschreckende Verdacht, zur Liebe, die er doch so sehnlichst suchte, so dringend benötigt hätte, nicht fähig zu sein. Diverse einschlägige Versuche, sich zu verlieben, eine Partnerin zu finden, scheiterten, bis er 1976 Elisabeth traf.
1977 heirateten sie und bald darauf wurde ihnen ein Sohn, später eine Tochter geboren. Als die Kinder klein waren, vermied Baumann es jedoch, mit ihnen alleine zu sein, sie alleine zu geniessen. «Die Angst, ich könnte den Kindern etwas antun, den erschreckenden Impulsen aus dem Unbewussten nachgeben, hielt mich gefangen, bedrohte mein Glück. Die Angst wurde mir zum steten Schatten.»
«Ich fühlte mich nie bedroht.» Doch obwohl Rolf Baumann auch weiterhin von diesen unerklärlichen, heftigen Impulsen der Gewalt gequält wurde, fühlte sich Elisabeth zu keiner Zeit durch ihren Partner bedroht. «Ich war mir immer sicher, dass er mir niemals etwas antun würde», sagt Elisabeth Baumann. Durch das Leben und Leiden begleitet hat ihn viele Jahre lang auch ein Psychiater. Diesen nennt er in seinem Buch einfach Mario. «Mario!», heisst es denn auch als kleiner Dankesbeweis gegen Schluss seines Buches auf Seite 165, «du warst grossartig!»
Rolf Baumanns Geschichte zu lesen, lohnt sich sowohl für von Schizophrenie Betroffene wie auch für deren Angehörige und für Fachpersonen. Aber auch für Eltern, Pädagogen und alle übrigen Personen, die sich über die Situation dieser Menschen, deren Schicksal und deren Kampf mit dem Unerträglichen sozusagen aus erster Hand informieren wollen.