Zehn unterschiedliche Geschichten über die Angst hat die Autorin Madeleine Schüpfer in den letzten zwei Jahren verfasst. Einfühlsam erzählt sie von Menschen, die mit ihren Ängsten konfrontiert sind. Das heisst aber nicht, dass in den Texten eine beklemmende Atmosphäre vorherrscht. Vielmehr verleiht die Autorin ihren Erzählungen Pep durch eine gesunde Portion Witz und Sarkasmus.
Bisher widmete sich die Schreibende nebst ihrer journalistischen Arbeit vorab der Lyrik. Lyrik, das sind für Madeleine Schüpfer präzise Fragmente, die in entscheidenden Momenten des Lebens entstehen. Irgendwann habe sie aber die Lust gepackt, ins Erzählerische zu gehen. «Ich habe schon so viele Geschichten erlebt...», meinte sie nachdenklich. Elemente davon tauchen - neu in Bezug gesetzt und verfremdet - im Buch wieder auf. «Alles, was man schreibt, hat schliesslich einen Bezug zur eigenen Realität.»
Die Feststellung eines Zuhörers, dass ihm einige Namen in den Erzählungen «irgendwie bekannt» vorkämen, kommentierte die Autorin schmunzelnd: Es gebe durchaus Namen, «die mit den Figuren spazieren gehen», meinte sie schelmisch. Da seien Ironie und ihr «boshaftes Äderli» mit im Spiel ...
Anlässlich der Veranstaltung im Schreiber las Madeleine Schüpfer eine der stärksten Geschichten des Geschichten-Bändchens vor. Der Text mit dem Titel «Über der Schattenlinie» versetzt die Lesenden in eine Bar, besucht von Frauen und Männern, auf der Suche nach dem bequemen Abenteuer. Franziska, die Hauptfigur, provokativ und unsicher zugleich, flüchtet sich aus dem Trott des Büroalltags an diesen trostlosen Ort. Ungeliebt und hässlich fühlt sie sich. Hat ihren Hunger nach Liebe zurückgestutzt auf die Suche nach warmen Gefühlen. Nur im Tanz findet sie innere Stärke. Im Rausch der harten Rhythmen spürt sie ihre Sinnlichkeit und vergisst die Welt um sich herum. - Schön sind Madeleine Schüpfers Beschreibungen dieser Tanzszenen und die Art, wie sie die Geschichte zu einem überraschenden Ende führt.
Auch die Erzählung «Pünktlich um sieben», welche die Autorin las, ist geprägt durch das überraschende Ende. Da treffen bei einem Vorstellungsgespräch zwei Menschen zusammen. Ein Chef, der das Machtgefälle ausnutzt, und eine Bewerberin, die, von abschätzigen Worten verunsichert, zur wortlosen grauen Maus zusammenschrumpft. Fast spiegelgleich wiederholt sich das Geschehen am Ende des Arbeitstages. Nur dass nun der Vorgesetzte unter den Augen einer attraktiven, spöttischen Bardame zum verwirrten Niemand wird. Eine Geschichte um Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung, die zeigt, wie abhängig der Mensch in seinem Selbstbild von der Sicht des anderen ist.
Und schliesslich hat es die Kulturjournalistin Madeleine Schüpfer, langjähriges Mitglied in verschiedenen Kulturförderungsgremien von Stadt und Kanton, auch nicht unterlassen, die Förderpolitik der öffentlichen Hand etwas auf die Schippe zu nehmen. In der Erzählung «Die Ehrung» zeichnet sie ihr eigenes Bild einer Kunstpreisvergabe, kritische Zwischentöne inklusive...
Den Geschichten-Band «Das Porträt» ziert das Bild der Autorin selbst. Der Aarauer Maler Lawrence Lee, der nebst der abstrakten Malerei auch Porträts macht, hat Madeleine Schüpfer im Bild festgehalten. Diesem kreativen Prozess oder vielmehr dem Moment des Modellsitzens hat sie die Titelgeschichte gewidmet, welche Faszination für künstlerisches Schaffen ebenso einbezieht wie die Gedanken, die der Porträtierten bei den langen Stunden des Stillsitzens im Kopf herumflirren.
Jacqueline Lausch