Nicht können ist nicht gleichzusetzen mit nicht wollen: Menschen in einer akuten depressiven Phase sind oft nicht mehr fähig, die erwarteten Leistungen zu erbringen – auch wenn sie noch so sehr möchten. Das, was einmal selbstverständlich war, geht einfach nicht mehr. Dies müssen nicht nur sie, sondern auch Angehörige und Arbeitskollegen akzeptieren. Das ist für alle Beteiligten ein schwieriger, steiniger Weg. Gerade die Partner und Partnerinnen von depressiven Menschen leiden mit.
Im neu erschienenen Buch «Seele am Abgrund» geben die Autoren Ruedi Josuran, Thomas Knapp und Rolf Heim Ratschläge für Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen. Am Mittwoch stellten sie ihr Werk in der Buchhandlung Lüthy vor.
Mit dabei war auch Marc Dietrich vom Trio «Peter, Sue und Marc». Sein Song «Börnaut-Bluus» ist dem Buch beigelegt. Was der Sänger singend beschreibt, hat er am eigenen Leib erlebt. Er war nicht die einzige bekannte Stimme in der Runde. Auch Ruedi Josurans Stimme kennen viele Leute als Moderator beim Radio DRS. Der Hauptteil des Ratgeber-Buches stammt aus seiner Feder. Er litt über 15 Jahre unter Depressionen. Für Josuran ist es wichtig, dass bekannte Persönlichkeiten zu ihrem Leiden stehen: «Ich hatte lange Zeit Angst davor, dass jemand anderer meinen Platz einnimmt. Heute wissen alle, dass ich unter Depressionen litt und ich kann mir erlauben, ein Buch darüber zu schreiben.» Unsere Gesellschaft sei sehr stark auf Leistung ausgerichtet, da nicht mehr zu reichen, löse enorme Ängste aus, so Josuran. «Ich musste lernen, dass ich auch wertvoll bin, ohne die volle Leistung zu erbringen.»
Doch was ist eine «volle Leistung erbringen»? Co-Autor und Psychotherapeut Rolf Heim weist darauf hin, dass viele Menschen mit depressiven Störungen zu Perfektionismus neigen. Je höher die eigenen Erwartungen seien, desto grösser sei der Druck. Der Körper und die Seele würden darauf oft reagieren.
Heim nannte bei der Buchvorstellung einige typische Symptome: «Depressionen künden sich oft mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen und Antriebslosigkeit an.» Nicht jeder Frust am Arbeitsplatz sei gleich eine Depression oder ein Burn-out. Ein guter Arbeitgeber könne die Unterschiede erkennen. Auch der dritte Autor des Buches schreibt aus eigener Betroffenheit. Thomas Knapp arbeitete als Journalist und Produzent bei verschiedenen Tageszeitungen. Nach einem Burn-out orientierte er sich neu und ist heute als Verleger und Kommunikationsspezialist tätig. «Seele im Abgrund» wurde von seinem Verlag «Textwerkstatt» herausgegeben. Er hat selber erlebt, wie hilflos sich Angehörige und Betroffene fühlen können. In einem Kapitel lässt er eine Partnerin von einem Betroffenen zu Wort kommen. Helene umschreibt ihre Gefühle, ihre Ängste und auch ihren zunehmenden Frust. Sie zeigt im Buch aber auch auf, wie sie lernte, mit der Situation umzugehen, ohne selbst depressiv zu werden. «Seele am Abgrund» ist ein Ratgeberbuch. Doch es ist auch ein Buch das Tabus anspricht, etwa die verlorene Lust auf Sex oder das stille Leiden in der Partnerschaft. Die Ratschläge sind nicht als Schritt-für-Schritt-Handbuch zu verstehen, im Buch werden vielmehr Zusammenhänge aufgezeigt, und mögliche Wege zur Verbesserung aufgeführt.