Unsere heutige Gesellschaft leide an pauschaler Erschöpfung. In seinem neu erschienenen Buch führt Bernhard Brändli-Dietwyler viele Übel auf die generelle Hektik zurück und gibt Anleitung für regelmässige Ruhepausen im Alltag.
Vor allem einfach da sein. Zehn Stunden pro Nacht schlafen, tagsüber mehrere Pausen einschalten und sich immer wieder treiben lassen. So das Ideal, das Bernhard Brändli-Dietwyler in seinem Buch entwirft. Wer sich im neunten Level der Energiebalance befinde, sei gesund und vital, habe eine wache Erotik und eine liebevolle Grundstimmung. Seine Aktivitäten seien unglaublich effizient.
Der Ratgeber «Ruhe!Punkt» fordert einen radikalen Paradigmenwechsel: Nicht Aktivität sei das Lebensziel, sondern das Ruhen. Ruhen als ursprüngliche, natürliche Orientierung im Leben, wie es viele Tiere praktizieren: Der Löwe, der die meiste Zeit des Tages döst und nur für kurze Zeit aktiv wird – dann aber umso intensiver; wenn er eine Gazelle jagt, explodiert er förmlich vor Energie. Eine kurze, konzentrierte Aktion.
In früheren Zeiten war es die Unterschicht, die sich für die Privilegierten zu Tode schuften musste. Heutzutage kommen auch die Führungskräfte kaum zur Ruhe und arbeiten rund um die Uhr. Das Burn-out ist zur Volkskrankheit geworden.
Der Autor findet das paradox: Obwohl die Industrialisierung den Menschen viel harte Arbeit abgenommen hat, kommen wir weniger denn je zur Ruhe. Anstelle der Arbeit sind andere Aktivitäten getreten: Ausgang, Medien, Sport und Socializing in der «Chill-out-Lounge». So würden die meisten Menschen unter permanentem Notstrom leben: Ein Zustand, in den Tiere dann umschalten, wenn es ums nackte Überleben geht. Dem Körper wird signalisiert: keine Zeit für Pause.
Auch Mittagspausen und Toilettenbesuche lässt Brändli-Dietwyler nicht als eigentliche Pausen gelten. Die Nahrungsaufnahme zum Beispiel sei kein Akt der Regeneration, sondern eine der bedeutendsten Aktivitäten des Tages überhaupt. Deshalb empfiehlt der Autor, sich bereits vor dem Essen 20 Minuten für eine Mittagspause hinzulegen und verspricht: «Ihr Essen schmeckt besser, wirkt besser und kann besser verdaut werden.» Lesen, Musik hören und fernsehen sind gemäss Brändli ebenfalls Aktivitäten, die nicht als Ruhepausen betrachtet werden sollen. Durch einen Wechsel der Aktivitäten würden nur Teilsysteme des Organismus entlastet; das Gesamtsystem jedoch bleibe unter Spannung und verbrauche Energie. Was der Körper braucht, sind – will man dem Autor glauben – mehrmalige tägliche Ruhepunkte.
Das Buch ist einfach zu lesen. Der Autor schreibt in der Ich-Form und wendet sich direkt an seine Leser, wobei er streckenweise in einen vertraulichen Plauderton verfällt. Ob Brändli dramatisiert oder ob alle Übel der Gesellschaft tatsächlich auf die pauschale Erschöpfung zurückzuführen sind, liegt schlussendlich im Ermessen der Leserinnen und Leser.
Unbestritten ist wohl, dass die zahlreichen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung viele Leute zu einer hektischen Lebensgestaltung antreiben. Einmal innezuhalten und über die eigene Zeitgestaltung nachzudenken kann deshalb kaum schaden.