Mit Ruedi Zahner* sprach David Wiederkehr
Ruedi Zahner, wie interpretieren Sie als Sportpsychologe die Körpersprache von Roger Federer, die Gestik und Mimik?
Bis auf die verständliche Enttäuschung nach einer Niederlage ist mir nichts Negatives, Besorgniserregendes aufgefallen.
Selbst einer Auftaktniederlage gibt sich Federer scheinbar unaufgeregt hin. Müsste er nicht einmal der Choleriker sein, der er früher gewesen war?
Das glaube ich nicht. Grosse Sportler und generell ausgeglichene Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine gesunde Balance zwischen Ruhe und Entschlossenheit gefunden haben. Und Federer hat sich diese Qualität erarbeitet, da er ja eben der Choleriker gewesen war. Ihn zeichnet mentale Stärke aus.
Trotzdem scheint er sich damit abgefunden zu haben, demnächst von Rafael Nadal als Nummer 1 beerbt zu werden – wäre dieser Zeitpunkt eine Erlösung?
Das ist definitiv das falsche Wort. Aber die psychische Belastung, die seit viereinhalb Jahren auf ihm lastet, ist enorm. Immer der Gejagte zu sein, kostet immens Kraft, vor allem psychische. Er weiss, dass sein Mythos als Unbesiegbarer jetzt gebrochen ist. Dieser Druck ist weg, das ist sicher eine Erlösung. Die mögliche Rolle als Herausforderer wird bei ihm sicher neue Kräfte freisetzen.
Was bleibt jetzt für die Zeit nach der Wachablösung zu tun?
Jetzt wäre bei Federer wie bei einem Computer ein Neustart nötig, abschalten, neu hinauffahren. Ruhe, Klarheit, Leichtigkeit, Entschlossenheit – diese Fähigkeiten hat er jahrelang unter Beweis gestellt. Es war immer um die Freude am Tennis gegangen. Doch zuletzt war aus seinen Statements zu hören, wie sehr er auf diesen Kampf um die Nummer 1 und die zu brechenden Rekorde fixiert ist. So hat er sicher ein Stück seiner Unbekümmertheit und Frechheit verloren.
Gerade in Toronto griffen gegen Gilles Simon auch die Automatismen nicht mehr, die ihn einst auszeichneten.
Sobald man verliert, leiden die Automatismen. Das ist normal und wird sich ändern, wenn er zum Siegen zurückkehrt.
Und falls die Krise andauert?
Die weltbesten Sportler zeichnen sich besonders aus, indem sie mit Niederlagen umzugehen wissen, sie akzeptieren und gestärkt aus ihnen hervorgehen. Darin besteht genau der Unterschied zwischen mental starken und mental extrem starken Sportlern wie Roger Federer. Die Frage wird spannend zu beobachten sein: Wie geht er mit der Situation als zweitbester Spieler der Welt um? Ich bin überzeugt, dass er uns allen zeigt, wie mit solchen schwierigen Situationen umzugehen ist und er so ein neues Kapitel schreiben wird. Jetzt geht es für ihn darum, eine weitere Qualität zu beweisen, die Champions ausmacht.
Nämlich?
Aufzustehen und die Chance zu nützen, zu alter Stärke zurückzufinden.
Die dramatische Niederlage gegen Nadal im Wimbledon-Final rief landesweite Sympathiebekundungen für den Sportler des Jahres hervor.
Wer ein solches Spiel verliert, ist ein tragischer Held. Doch der tragische Held zu sein, tut extrem weh. Ich versichere Ihnen: Für einen Sportler auf diesem Niveau gibt es nichts Schlimmeres als Mitleid.
* Der frühere Fussballer Ruedi Zahner liess sich nach der Karriere zum Sportpsychologen ausbilden und arbeitete als Motivationscoach und Referent. Soeben erschienen ist sein erstes Buch «Frechheit siegt».