Der erste Schock war Zürich. Nach meinem Austritt nahm ich dort eine Stelle bei Jelmoli als Verkäuferin an, in der Mercerie. Die 5000 Franken, die mir das Kloster mitgegeben hatte, reichten gerade mal für zwei Monate. Es war verstörend. 25 Jahre lang hatte ich die Ordenstracht getragen. Plötzlich musste ich mich anders kleiden. Was war modisch? Wie frisiert man sich? Vorher sahen mir alle an, wer ich war. Jetzt schwand jedes Gefühl von Sicherheit.
Nicht, dass ich als Ordensschwester vom weltlichen Leben abgeschottet gewesen wäre. Das Kloster Baldegg, in das ich 1950 mit 17 Jahren eingetreten war, ist kein geschlossenes Kloster. Die Schwestern sind sozial tätig, machen Krankenpflege, geben Schulunterricht. Ich wurde Lehrerin. Zu Hause war ich mit 13 Geschwistern aufgewachsen, das Klosterleben versprach Ordnung. Mit 32 war ich reif für die Mission. Ich wurde Hauswirtschaftslehrerin in Dar es Salaam, Tansania. Dort lernte ich 1965 Lukas kennen, einen Kapuziner. Lukas war mein Chef. Er leitete das Sozialzentrum, das er auch aufgebaut hatte. Ja, und dann machte es irgendwann klick.
Es brauchte viel, uns die Gefühle einzugestehen. Ich war ihnen in keiner Weise gewachsen. Die Schranken des Zölibats übertraten wir nicht. Für Lukas war klar, dass er Kapuziner bleibt. Ich litt. Ich vertraute mich einer Mitschwester an, die mein Geheimnis den Obern meldete. Nach einem Heimaturlaub durfte ich nicht mehr nach Afrika zurückkehren.
Wir sahen uns nach drei Jahren wieder. Es war das Jahr 1975. Lukas besuchte mich im Kloster Baldegg und eröffnete mir: Er werde aus dem Orden austreten und sein Priesteramt niederlegen. Nach dem Konzil, das eine Öffnung der Kirche gebracht hatte, waren zunehmend wieder rückläufige Tendenzen spürbar. Sein Glaube war nicht mehr mit den Gesetzen des Vatikans vereinbar. Ich traute meinen Ohren nicht. Und sofort war mir klar: Lukas kann sein Leben nicht ohne Partnerin verbringen. Und ich liebte ihn. Wir erhielten von Rom Dispens von unseren Gelübden.
Die erste Zeit war hart. Der Abschied von meinen Mitschwestern im Kloster tat weh. Der Job bei Jelmoli, mit dem ich mir in den ersten Monaten eine Existenz aufbauen wollte, erledigte mich. Nach drei Wochen bewarb ich mich als Heimleiterin im Kinderheim Hubelmatt in Luzern, wo ich zehn Jahre blieb. Anfangs wollten die Kinder nichts von mir wissen. Sie hängten mir Schimpfnamen an, die ich mein Leben lang nicht gehört hatte.
Ein Jahr nach unserem Klosteraustritt heirateten wir, im Juni 1976. Bis es so weit war, lebten wir in getrennten Wohnungen in Horw. Lukas bestand darauf. Nicht vor der Ehe! Mit dem Leben als Paar betraten wir Neuland. Es ist wohl wie bei der ersten Liebe, nur dass er schon 48, ich 43 Jahre alt war. Wir holten vieles nach. Haben reiten gelernt, Tennis gespielt, in einem Chor gesungen. Wir machten Reisen. Bauten ein soziales Netz auf, wir hatten ja keine Freunde, 25 Jahre lang nur zu Mitschwestern und -brüdern engeren Kontakt gehabt. Das waren aber keine Freundschaften, die sind im Kloster verpönt. Man könnte sich ja zu nahe kommen.
1995 erhielt Lukas die Diagnose Parkinson. Innerhalb von acht Jahren baute mein Mann vollständig ab. Ja, wir haben gehadert mit Gott. Fragten nach dem Warum. Ob ich Lukas’ Krankheit je als Strafe Gottes betrachtet habe? Nein. Das ist nicht Gottes Art, mit Menschen umzugehen.
Hätte ich den Ausbruch nicht gewagt, würden mich viele Dinge reuen, die ich nie kennen gelernt hätte. Der klösterliche Rahmen ist eng abgesteckt.
Manchmal, wenn es wieder zu einem Klostertreffen kommt und ich Einblick in diese Welt habe, denke ich: Hast du Glück gehabt, dass deine Spiritualität wachsen durfte.
Mir wird nicht langweilig. Eben liess ich ein Hörbuch mit Gedichten aufnehmen. Neuerdings binde ich Bücher. Ich organisiere Ausstellungen mit meinen Bildern und Kunstkarten. Seit Januar bin ich sogar Franchisepartnerin einer Firma, die Nahrungsergänzungsprodukte und Kosmetika vertreibt. Nach wie vor reise ich viel. Letztes Jahr habe ich in Wimbledon Roger Federer gesehen.