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Presseschau - Luzerner Woche, 10. September 2008

Ein Leben voller Abschiede

Sie lebte als Nonne in Afrika und als Ehefrau in Horw. Maria Gämperles Lebensgeschichte ist geprägt von Abschieden. «Wer nicht loslässt, ist nicht offen für Neues», sagt sie. Nun hat sie ihre Biographie veröffentlicht.

Der Titel der Pressemeldung «Nonne heiratet Kapuziner» habe ihr nicht so gefallen, sagt Maria Gämperle. Und gleichwohl: «Es stimmt, das war ja auch ein wichtiger Teil meines Lebens.» Das schmucke Mehrfamilienhaus in Horw liegt hinter der verkehrsberuhigten Hauptstrasse. Im Hausgang hängen ihre Bilder – «Sie malen auch?» – «Ja, schon länger.». Im Lift hängt ein Flyer, ihr Gesicht lächelt den Aufzugsgästen entgegen. «Klosterleben inbegriffen», auf dem Titel ein Schwarzweiss-Bild, wo man sie als junge Baldegger-Schwester sieht.

Das Buch, Ende August im Verlag Textwerkstatt erschienen, ist knapp 180 Seiten stark. Zwischen den starken Buchdeckeln: Ein Leben, von der Geburt weg am 22. April 1933 bis zu jenem Tag, als ihr Mann starb. Es sind Etappen in ihrem Leben, die sie beschreibt. Die ersten Jahre in der Familie mit 14 Kindern. Der Umzug der Familie aus dem Voralberg ins Appenzellische, wo ihr Vater als Naturarzt arbeitete. «Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, was für Zeiten das waren», sagt sie, «manchmal gabs kaum etwas zu essen.» Das Heizmaterial sammelten die Kinder im Wald zusammen. Und dann kam die Zeit, als ihr Vater keinen Bogen ums Wirtshaus machen konnte. Sie musste ihn, als sein «Härzchäfer», oft heimbringen.

Kerns – London – Daressalam

Maria Vetter, so heisst sie damals noch, arbeitet als Lehrerin und Gemeindeschwester in Kerns. Und da reift der Entschluss, in die Mission zu gehen. Ein zweiter Abschied. Erst macht sie Zwischenhalt in London – Sprachen pauken: Englisch und Bantu. Reiseziel: Tansania. Im Sozialzentrum gibt sie Nähkurse, aber irgendwie findet sie, das sei zu wenig: «Wir entschlossen uns, eine richtige Haushaltungsschule einzurichten.»

Dass es auch unter Klosterfrauen nur menschelt, muss Maria in Afrika unter der schikanösen Oberin erfahren. «Heute würde man das Mobbing nennen», sagt sie. Die junge Nonne wurde angewiesen, möglichst oft den sonntäglichen Gottesdienst zu besuchen. «Einmal genügte mir. Sie fand, ich hätte das Beten nötig.» Unterstützung erhält Schwester Maria bei ihrem Chef im Sozialzentrum, dem Kapuzinerpater Lukas, der das Sozialzentrum aufgebaut hat. Aus der Nähe wird Freundschaft und Liebe. Das Zölibat war die Grenze.

 

Nach acht Jahren in Tansania kommt der erste Heimaturlaub. Erst jetzt kann sie die Gräber von Vater und Mutter besuchen, die in diesen Jahren gestorben waren. Eine Art verspäteter Abschied. In der Schweiz vertraut sie sich einer Mitschwester an. «Das hätte ich nicht tun dürfen», erinnert sie sich. Ihr wird mitgeteilt, dass sie in Tansania nicht mehr erwünscht sei. Sie wird Lehrerin am Semi Baldegg. Unterdessen ist Lukas in Tansania Generalvikar des Erzbischofs von Daressalam. Zur oft beschwerlichen Arbeit kommt die Erkenntnis, dass die Aufbruchstimmung der Synode 72 in der katholischen Kirche versandet. Im Gegenteil: «Das Rad wurde langsam, aber sicher zurückgedreht », sagt sie. Eines Tages besucht Lukas das Kloster Baldegg und teilt Maria mit, er habe sich entschlossen, aus dem Orden auszutreten. Abschied Nummer 3, vom Klosterleben.

Draussen im Leben

An einem sonnigen Junitag 1976 findet in der Schosswaldkapelle in Emmenbrücke die Trauung statt. «Nachdem wir ein Vierteljahrhundert im Kloster gelebt hatten, wollten wir unser Leben gestalten.»

27 Jahre waren sie zusammen. Sie leitete das Kinderheim Hubelmatt, er fand im kantonalen Fürsorgedepartement eine Anstellung. Im Verlauf des gemeinsamen Lebens zeigte sich, dass jemand anderer die Führung übernommen hatte – unvermittelt traf Lukas 1995 eine erschreckende Diagnose: Parkinson plus, jene Form der Krankheit, die das ganze Gehirn betrifft. Ihr Mann konnte lange nicht mehr reden, das war etwas vom Schlimmsten für ihren Partner. «Er war einer, der gerne diskutierte, aber je länger je mehr hatten die Leute keine Geduld mehr.» Er zog sich zurück, verlor am Schluss alle Worte. «Nicht einmal mehr ja oder nein, das war schwierig für mich», sagt Maria Gämperle, «ich war hilflos, wusste nicht mehr, ob das, was ich machte und sprach, überhaupt ankommt.» Im Alter von 75 Jahren starb ihr Mann. Das war 2003, ihr vierter grosser Abschied.

«Es war ein gutes Leben»

Das Buch entstand unmittelbar nachdem Lukas gestorben war. «Ich machte alles selber am Computer», sagt sie und nimmt ein einfaches, spiralgebundenes A5-Buch zur Hand. Sie nahm es zu ihren Ausstellungen mit und gabs interessierten Leuten mit. Eine Leserin reichte das Manuskript an Thomas Knapp weiter, der den kleinen Oltener Verlag Textwerkstatt leitet. Ende August waren 3000 Bücher gedruckt. Biographien haben es an sich, dass man sein Leben offen hinlegt – eben wie ein offenes Buch. «Ich realisierte das erst so richtig, als die Echos zurückkamen.» Nun wurde ihr ein bisschen «gschmuech»: «Alle können nun lesen, was ich erlebt, gefühlt und durchgemacht habe». Aber dann kam die Erkenntnis: «Ich will niemanden verletzten, auch mich nicht. Und eigentlich: Es war doch ein gutes Leben.»

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