Ein Leben in Gehorsam, Armut und Keuschheit gelobte Maria Gämperle, als sie im August 1957 nach dem Noviziat im Kloster Baldegg die Profess ablegte. Mit 17 Jahren war sie, die im Appenzellischen mit 13 Geschwistern aufwuchs, ins Kloster eingetreten. Knapp 60 Jahre später sitzt die sanfte und selbstbewusste Frau in ihrer Wohnung in Horw. An der Wand hängt ein Foto von Lukas. Er war ihre grosse Liebe. 2003 ist er nach langer Krankheit gestorben.
Es war eine Liebe, die nicht sein durfte: die Liebe zwischen zwei Menschen, die sich mit ihrem Gelübde Gott verpflichtet hatten. Maria als Baldegger Schwester, Lukas als Kapuziner. Sie begegneten einander auf einer Missionsstation in Tansania, in der Blüte ihrer Jahre. Lukas leitete ein Sozialzentrum, das er aufgebaut hatte. Maria richtete dort eine Hauswirtschaftsschule ein, wo sie auch unterrichtete.
«Ich hatte diese Liebe nicht gesucht, sie passierte, und das hat mich total verunsichert. Man hat sich vorher ja so sicher gefühlt, es war alles klar.» Maria Gämperle durchlebte eine Zeit voller Gewissensbisse. Sie schwankte zwischen Skrupel und Verdrängung. Doch die Liebe war stärker, auch wenn sie nicht gelebt werden durfte. Das ging über Monate und Jahre. Schliesslich vertraute sich Maria einer Mitschwester an. Diese ging zu den Oberen.
Als Maria nach dem ersten Heimaturlaub nach Tansania zurückkehren wollte, wurde ihr mitgeteilt, sie sei nicht mehr erwünscht. Der Brief wurde in der Nacht losgeschickt, als Lukas, der ebenfalls in Europa Ferien gemacht hatte, nach Afrika zurückflog. Der Vorwurf: Sie habe ein Verhältnis mit dem Kapuziner. «Das hat mich sehr verletzt. Unsere Liebe war stark, aber wir haben klare Grenzen eingehalten. Dass man mir ein Verhältnis unterschob, hat mich unglaublich zornig gemacht.»
Maria blieb in Baldegg, unterrichtete, lebte den Klosteralltag. Bis sich eines Tages Lukas meldete und ihr sagte, dass er aus dem Orden austrete. «Er hatte sich während Jahren mit den Neuerungen des Konzils auseinandergesetzt und sich für die Offenheit der Kirche engagiert. Doch wie der Vatikan den Aufbruch verhinderte, das konnte und wollte er nicht mehr mittragen.» Maria entschied sich, mit Lukas zu leben und verliess das Kloster. Sie wurde Leiterin des Kinderheims Hubelmatt in Luzern. Lukas trat eine Stelle im Fürsorgedepartement an. 1976 heirateten die beiden.
«Wir haben beide unsere Austritte nicht bereut. Es war das Beste, das wir tun konnten», sagt Maria Gämperle. Auch spirituell habe der Bezug auf ein Du neue Dimensionen geöffnet und eine Weiterentwicklung ermöglicht. «Unser Zusammensein war für meine religiöse Einstellung eine Bereicherung. Lukas war ein brillanter Denker und sehr bewandert in spirituellen Fragen.» Umso schmerzlicher war es, als ihr Mann 1995 die Diagnose Parkinson erhielt und ihn die Krankheit über Jahre hinweg immer stärker einschränkte, bis selbst eine Kommunikation nicht mehr möglich war.
Der Tod ihres Partners, mit dem sie erst spät zusammenkommen konnte, war ein harter Schlag für die ehemalige Klosterfrau und liebende Ehefrau. Sie hatte ihn, unterstützt von Fachkräften, immer selber zu Hause gepflegt. «Ich bin oft an die Grenzen gekommen. Aber es war mir wichtig, und ich habe es gerne gemacht.» Die grosse Einsamkeit ist geblieben, aber sie hat besser gelernt, damit umzugehen. «Ich habe zum Glück viele Bekannte und bin noch gesund. So kann ich aus dem Haus und Leute treffen, wenn ich will.»
Seit Jahren malt Maria Gämperle und hat ihre Bilder schon mehrmals an Ausstellungen gezeigt. Auch ein kleines Gedichtbändchen hat sie selber herausgegeben. Und jetzt hat sie sich in zwei Monaten die Geschichte mit Lukas von der Seele geschrieben. Ihre spirituelle Ausrichtung hat sich mit dem Tod ihres Mannes weiter vertieft, auch wenn sich ihre religiösen Vorstellungen und ihr Gottesbild im Vergleich zur Klosterzeit stark gewandelt haben.
Heute sagt sie: «Es ist wichtig, zu wissen, dass man auf dem Weg ist und dass man sucht. Das ist eine tägliche Aufgabe. Finden kann man erst, wenn man in die nächste Dimension eintritt vielleicht.» Ein kleines Lächeln. Maria Gämperle hat zu viel erfahren, um absolute Wahrheiten zu verkünden. Sie spürt, dass es mit dem Tod nicht vorbei ist. «Es erscheint mir fast logisch, dass sich mit dem Ablegen des Körpers eine nächste Dimension öffnet. Ich vertraue und hoffe darauf, dann in einer lichtvollen Umgebung zu sein, wo man liebenswürdig aufgenommen wird.»