Man sieht es der vitalen Frau nicht an, die selbstsicher und schonungslos offen erzählt, was ihr in den letzten Jahren widerfahren ist. Janine F. wurde von einem Burn-ou getroffen, einer so genannten Erschöpfungsdepression, die sie an den Rand des Selbstmordes trieb. «Ich erinnere mich gut an jenen Novembermorgen im Jahr 2004», erzählt die Frau am Reider Frauenmorgen einem sehr aufmerksamen Publikum. «Ich erwachte und hatte einfach überall Schmerzen. Der Kopf tat weh, die Glieder schmerzten, mein Magen spielte verrückt, ich hatte Gleichgewichtsstörungen; alles an mir war krank. Das Schlimmste waren die seltsamen Wahrnehmungsverschiebungen: Ich konnte nur noch verzögert sehen, die Bilder drangen erst nach Sekunden in mein Bewusstsein, wenn ich den Blick schon längst auf etwas anderes gerichtet hatte. Und mein Gehör nahm überdeutlich alles wahr – jedes Geräusch war für mich eine Qual.
Janine F. wusste nicht, was los war. Die Marketingfachfrau und alleinerziehende Mutter von drei Kindern – davon zwei mit einer Behinderung – war unfähig, das Bett zu verlassen, geschweige denn den Alltag zu meistern. Der Arzt schrieb sie krank. Nach Tagen dämmerte ihr, dass hinter ihrem Zustand keine Grippe steckte; weitere Abklärungen ergaben die Diagnose Burnout.
DER ZUSAMMENBRUCH WAR NICHT ZUFÄLLIG gekommen. Jahrelang hatte Janine F. mit scheinbar unversiegbarer Energie die Kinder betreut, den Haushalt geschmissen, als Marketingfachfrau bis zum Umfallen gearbeitet, im Schnitt vier Stunden pro Nacht geschlafen. Dann kam die Trennung von ihrem Mann, und Janine F. schlug über die Stränge – Ausgang, Zigaretten, Alkohol kamen zum sonst schon stressigen Leben dazu. Die Geldsorgen türmten sich auf, für die behinderte Tochter waren Operationen nötig. Janine F.'s Körper reagierte mit einem Kollaps. Es gab keinen anderen Weg mehr: Sie musste fremde Hilfe annehmen.
DREI WOCHEN THERAPIE folgten, dann kehrte Janine F. an Silvester 2004 zu ihren Kindern zurück, doch der lebensbedrohliche Zustand ihrer Tochter führte erneut zum Zusammenbruch der Mutter; wieder war ein Therapieaufenthalt nötig. «Das folgende Jahr 2005 war der Horror», erinnert sich die Referentin. Ständig ging es auf und ab. Janine F. traute sich nicht aus dem Haus, war unfähig unter Menschen zu gehen, meisterte den Alltag mit Schulkindern ohne fremde Hilfe nicht. Besserung war nicht in Sicht. «Ich sagte meinem Psychiater oft: Da muss doch mehr dahinterstecken, das kann nicht nur ein Burnout sein.» Und endlich stellte die Psychiaterin Terry Rotherham die richtige Diagnose: Janine F. litt nicht nur unter Burnout, sondern auch unter der Aufmerksamkeitsstörung ADHS.
«Heute geht es mir gut», sagt die Frau, die in der Nähe von Luzern lebt. Mit viel Willen hat sie den Weg aus dem dunklen Tal geschafft – beinahe, wie sie sagt. «Man braucht genau so lange, um aus einem Burnout herauszukommen, wie man zuvor gebraucht hat, um da hineinzuschlittern», sagt sie – bei ihr warens fünf Jahre, «noch dauerts bei mir also ein Jahr», sagt Janine F. und lacht ein ansteckendes Lachen. Janine F. hat zudem im Buch «Ich will frei sein» ihren Leidensweg beschrieben. Heute sehe sie ihre Erkrankung durchaus auch positiv, denn «jede Krankheit ist auch eine Chance.» Trotzdem rät sie allen, zu handeln, bevor es zu spät ist:
«Wenn Sie so schlecht drauf sind wie ich damals, wollen Sie nur noch sterben» – und diese Erfahrung wünsche sie niemandem.
Burnout als Reaktion auf chronischen Stress «Burnout», übersetzt «Ausgebrannt-Sein», ist eine psychische und körperliche Reaktion auf chronischen Stress. Der Krankheitsverlauf dieses Erschöpfungszustandes kann bei verschiedenen Personen ganz unterschiedlich sein und Depressionen, Rückzug, Schuldgefühle, schwere körperliche Störungen, Schlaflosigkeit sowie weitere Symptome beinhalten.
Ein Burnout kann jeden Menschen treffen – vom Manager bis zur Hausfrau. Einige Tipps, um diese schwerwiegende Erkrankung verhindern zu können: Man sollte sich nicht isolieren und und sich nicht ständig überarbeiten, auch lernen, einmal «Nein» zu sagen. Auf der anderen Seite sollte man sich selbst auch genügend Ruhe und ausreichend Entspannung gönnen, auf die Warnsignale des eigenen Körpers achten – und bei Bedarf auch nicht zögern, Hilfe von anderen Personen anzunehmen.