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Presseschau - Solothurner Tagblatt, 29. September 2008

Volkskundlerin Elisabeth Pfluger

«Ich müsste 120 Jahre alt werden»

Die Volkskundlerin und Sagenerzählerin Elisabeth Pfluger wird nächstes Jahr 90 Jahre alt. Gerade hat sie ein Hörbuch herausgegeben. Um all ihre Geschichten zu erzählen, müsste sie noch mindestens 30 Jahre leben, sagt sie.

Mitte September ist Ihr Hörbuch «He nu so de» erschienen. Obwohl es gleich heisst wie Ihr Buch aus dem Jahr 2007, sind darauf teils auch neue nachdenkliche und überraschende Anekdoten zu hören. Wie hat Ihnen die Arbeit als Sprecherin im Vergleich zum Schriftstellerinnen-Dasein gefallen?
Elisabeth Pfluger: Das Erzählen macht mir mehr Spass. Schon als Schülerin am Lehrerseminar mochte ich es nicht, Aufsätze zu verfassen. Das Problem war deshalb nicht das Sprechen, sondern dass ich während der Aufnahmezeit wegen Rückenpro-blemen weder gehen noch stehen konnte. Ich musste Schmerztabletten nehmen, um die Arbeit vor dem Mikrofon durchzustehen.

Haben Sie vorgängig einen professionellen Sprechkurs besucht oder einfach losgelegt?
Ich halte häufig Lesungen bei Kulturvereinen und Altersnachmittagen, bin es also gewohnt vorzulesen. Ausserdem kenne ich die Geschichten, ich habe sie ja gewissermassen «erlebt». Und schliesslich habe ich als Lehrerin gelernt, wie man vor anderen spricht, damit sie zuhören. Übrigens habe ich bereits 1972 zwei Kassetten unter dem Titel «Solothurner Sagen» veröffentlicht.

Wenn Sie das Schreiben gar nicht so mögen, weshalb haben Sie dann bisher fast ein Dutzend Bücher veröffentlicht?
Ich hatte keine andere Wahl. Denn die vielen Anekdoten und Sagen aus der Region dürfen nicht verloren gehen. Wenn die Geschichten nur in meinen Notizbüchern stecken, nützen sie nichts. Aber das anschliessende Schreiben und Formulieren ist hart. Ich habe zu Beginn meiner Arbeit als Volkskundlerin systematisch 132 Solothurner Gemeinden nach Anekdoten und Sagen durchforstet. Oft musste ich die Erzählungen dann völlig auf den Kopf stellen, weil viele Einheimische die Pointe schon am Anfang verrieten.

Sie haben mal gesagt, Sie wollten Ihre Geschichten nicht mit ins Grab nehmen. Wie viele Bücher müssen Sie noch schreiben, um alle loszuwerden?
Ich hätte noch Stoff für die nächsten 20 bis 30 Jahre, ich müsste also 120 Jahre alt werden. Sehen Sie sich all meine Notizbücher an. Überall, wo Zettel drin stecken, habe ich noch eine Geschichte zu erzählen.

Stört es Sie, wenn Sie als Solothurner Version der Ostschweizer Märchentante Trudy Gerster betrachtet werden?
Nein. Ich kenne Trudy Gerster und mag sie. Sie hat vor rund 25 Jahren mal im Solothurner Stadttheater eine Märlistunde abgehalten. In der Pause führte ich als Lehrerin zusammen mit meiner Schulklasse ein kleines Stück auf. Deshalb war ich dabei, als Trudy Gerster vor der Vorstellung um Hilfe bat. Sie hatte sich ihren Rock aufgerissen. Ich bin von Pontius zu Pilatus gelaufen, um Faden und Nadel zu besorgen. Schliesslich habe ich Trudy Gerster in den Rock hineingenäht, so dass sie aussah wie eine Cervelat.

Im Grunde trifft der Vergleich gar nicht zu. Sie erzählen keine Kindermärchen.
Das ist richtig. Ich bin eine Volkskundlerin, die Anekdoten und Sagen sammelt. Auch für Historisches und Aktuelles interessiere ich mich. Mein nächstes Buch wird deshalb «Geschichte und Geschichten» heissen.

Wie sind Sie überhaupt zur Volkskundlerin geworden?
In meiner Familie erzählte man viel. Meine Grossmutter und meine Grosstante waren mit einem guten Gedächtnis gesegnet und gaben daheim auf dem Hausbänkli Anekdoten zum Besten. Aus dem ganzen Gäu kamen Leute, wenn sie etwas nicht wussten, um meine Grossmutter zu fragen. So kamen nach und nach immer mehr Geschichten zusammen.

Wann haben Sie damit angefangen, die Geschichten zu sammeln?
Schon als Bezirksschülerin. Ich bin im Gasthaus Pflug in Härkingen aufgewachsen. Der Sohn vom letzten Fehr in Boningen kam wiederholt zu uns in die Wirtschaft und sang alte Lieder, die ich aufschrieb. Später war ich dann 23 Jahre lang Redaktorin des Solothurner Kalenders. Es ist wichtig, dass die Volkskultur nicht verloren geht. Haben Sie gewusst, dass es im 19. Jahrhundert in fast allen Kantonen Sagensammlungen gab, aber in Solothurn nicht?

 

Nein, das habe ich nicht gewusst. Aber ich stelle es mir schwierig vor, an das verborgene Wissen heranzukommen. Wie sind Sie vorgegangen?
Ich habe in jedem Dorf, in dem ich jemanden kannte, gefragt, wer wohl geistig fit und interessiert sei, mir Geschichten zu erzählen. Meistens klappte das sehr gut. Nur im Niederamt hatte ich Mühe. Die Leute sagten: «Bei uns hat man nie etwas erzählt.» Ich blieb auf den Türschwellen stehen.

Was meinen Sie, woher kommt diese Zurückhaltung im Niederamt?
Ich glaube, ein falsch verstandener Liberalismus hat dazu geführt. Der Schuhfabrikant Carl Franz Bally beispielsweise stellte in seiner Fabrik keine konservativ Denkenden an. Wer Sagen erzählte, galt als rückwärtsgewandt und wurde ausgelacht. Dann hiess es: «Was, du glaubst an so etwas?» Der Kulturkampf zwischen liberalen und konservativen Kräften führte in den 1870er-Jahren auch zu viel bösem Blut. Die verschiedenen Parteien zündeten sich gegenseitig sogar die Häuser an. Da können keine schönen Sagen gedeihen.

Haben Sie eine absolute Lieblingsgeschichte unter den unzähligen, die Sie bisher gehört und geschrieben haben?
Ich habe viele Lieblingsgeschichten (lacht). Vor allem aktuelle mag ich. Die Leute erzählen mir oft lustige Episoden, wollen aber nicht, dass ich die Namen bekannt gebe. Mir gefallen auch Geschichten mit Bezug zur Gegenwart.

Können Sie eine kurze erzählen?
Ein Lehrer aus Rodersdorf sagte mir, dass er als junger Mann jeweils mit einer Tasse in den Stall zu seinem Vater hinunter gegangen sei, um noch kuhwarme Milch für seinen Kaffee zu holen. Eines Morgens hörte er plötzlich, wie jemand draussen laut «Hut, Hut!» rief. Er fand heraus, dass diese Tradition auf den 30-jährigen Krieg zurückgeht. Damals organisierten die Dorfbewohner eine Wache, die meldete, sobald ein Überfall auf Rodersdorf drohte.

Nächstes Jahr, am 21. Oktober, werden Sie 90 Jahre alt. Dann erscheint ein Buch über Sie...
Richtig. Es ist aber nicht nur eine Biografie, sondern eine Sammlung von Geschichten, Sagen, Anekdoten aus meinem Archiv. Verschiedene Autoren werden zudem über ihre Begegnungen mit mir schreiben. Das Werk steht unter der Leitung des Chronisten Hans Brunner.

Freuen Sie sich auf diesen runden Geburtstag?
Um ihre Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen. Ein Bekannter von mir hatte ebenfalls am 21. Oktober Geburtstag – genau wie seine Mutter. Beide hatten ihren Tod vorausgesagt und beide starben an einem 20. Oktober. Ich befürchte, dass ich die Dritte in dieser Reihe sein könnte. Darum atme ich jedes Mal auf, wenn der 20. Oktober vorbei ist.

Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückblicken. Gibt es dann etwas, dass Sie gerne anders gemacht hätten?
Wenn ich etwas anders machen könnte, dann wäre ich vielleicht selbstbewusster und würde mich mehr für mich wehren. Als Lehrerin habe ich immer wieder erlebt, wie die Gleichberechtigung nicht funktionierte. Zum Beispiel durften die zwei männlichen Lehrerkollegen in Neuendorf selbstverständlich in der Schulkommission mitmachen aber ich nicht.

Sie waren bis zu Ihrer Pensionierung Lehrerin. Zunächst acht Jahre lang in Neuendorf, später in der Stadt Solothurn. War das Ihr Traumberuf?
Ich wäre lieber Ärztin geworden, doch das war aus finanziellen Gründen nicht möglich. Aber ich möchte das heute nicht missen. Die Schülerinnen und Schüler haben mir mindestens so viel gegeben wie ich ihnen. Viele freuten sich, dass sie bei mir alte Lieder und Märchen aus der Region kennenlernten.

Interview: Mirjam Comtesse

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