Am 30. November stimmt die Schweiz über eine Volksinitiative ab, welche den vorzeitigen Bezug der AHV-Rente erleichtern will. Es geht um eine kleine Justierung der staatlichen Altersversicherung – zumindest wenn man es in der historischen Dimension sieht. Vor hundert Jahren gab es nämlich noch keine Rentenversicherung. Wer alt wurde, dem drohte Armut. Noch 1920 war jeder dritte Betagte hilfsbedürftig, und viele Menschen mussten bis ins hohe Alter arbeiten.
Der Staat war damals noch schlank, er leistete kaum Hilfe. So taten sich idealistisch gesinnte Bürger zusammen. So auch 1891 in Olten: Dort widmete sich der private, später auch von der Stadt mitgetragene «Hilfsverein Olten» der Bekämpfung der Armut. Er stand über den Parteien und Konfessionen, und im Vorstand waren beide Geschlechter gleichermassen vertreten.
Der Hilfsverein war nötig geworden, weil die Heimatgemeinden damals zwar für ihre eigenen Bürger sorgten, nicht aber für Zuzüger, die in der stark wachsenden Bahn- und Industriestadt Olten zahlreich waren. Ihnen leistete der Hilfsverein individuelle Hilfe. Er betrieb aber auch eine Mütterberatung, ein Brockenhaus, einen Mittagstisch für ärmere Schüler oder veranstaltete Ferienkolonien für schlecht ernährte Kinder (deren Erfolg gemessen wurde, indem man die Kinder vor und nach der Reise auf die Waage stellte – die durchschnittliche Gewichtszunahme lag 1896 bei 1,699 kg).
Ruedi Studer (34), ausgebildeter Historiker und heute als BaZ-Bundeshausredaktor in Bern tätig, zeichnet die Geschichte des Hilfsvereins Olten auf der Grundlage von Jahresberichten in einem soeben erschienenen Buch nach. Der Verein war ein Verbund karitativer Bürger, wie er in anderen Schweizer Gemeinden in ähnlicher Form bestanden haben mag. anschaulich. Studers Studie ist nicht nur ein Stück Oltner Lokalgeschichte. Der Autor stellt die Tätigkeit des Hilfsvereins in den Kontext der Schweizer Sozialgeschichte seit dem späten 19. Jahrhundert – und veranschaulicht, wie der «Rechts- und Polizeistaat» schrittweise in den Sozialstaat überging. Denn stand der Hilfsverein bei seiner Gründung allein auf weiter Flur, wurden seine Aufgaben später vom Staat beziehungsweise von den Sozialversicherungen übernommen: mit der Schaffung der Kranken- und Unfallversicherung (1912), der AHV (1947) und später der Invalidenversicherung, den Pensionskassen oder der Arbeitslosenversicherung.
Bei alledem wuchs der Sozialstaat Schritt für Schritt. Bereits in den späten 1930er-Jahren entstand eine provisorische AHV (und mit ihr die Festlegung des Rentenalters auf 65 Jahre). Studer zeigt auch, dass die Renten schon in den frühen Jahren der AHV nicht existenzsichernd waren, denn beim Hilfsverein gingen weiter Hilfsgesuche ein. Letztlich aber bekam der Sozialstaat Oberhand. «Der Hilfsverein verlor mit dem Ausbau des Sozialstaats an Bedeutung», stellt Studer fest. 2005 wurde er aufgelöst. Im Jahresbericht von 1912 hatte der Hilfsverein staatliche Hilfe noch abgelehnt mit dem Hinweis: «Der Bureaukratie fehlt das Herz.» Mit dem Sozialstaat wurde Hilfe jetzt tatsächlich nach fachlichen Kriterien geleistet. Ein Vorzug, denn sie hing nicht länger vom paternalistischen Entscheid wohltätig gesinnter Bürger ab. faktenreich. Studers Buch ist eine sorgfältig redigierte, faktenreiche Abhandlung, bisweilen so faktenreich, dass eine erzählende Passage oder ein Erinnerungsbericht den Lesespass erhöht hätte. Am Schluss bleibt das Staunen, wie die arme Schweiz innert eines Jahrhunderts zu diesem reichen Land wurde, das sie heute ist. War es trotz – oder gerade wegen – des Sozialstaats?