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Presseschau - Luzerner Zeitung, 29. Oktober 2008

Der Experte

Wenn sich Fussballer gedemütigt fühlen

Ruedi Zahner* über die Psyche des Profifussballers

Der deutsche Profifussballer Kevin Kuranyi wurde vom Bundestrainer Joachim Löw für immer aus der Nationalmannschaft verbannt. Kuranyi hatte beim WM-Qualifikationsspiel gegen Russland (2:1) ohne Rücksprache mit Löw das Stadion verlassen, nachdem er aus dem 18-Mann-Kader gestrichen worden war.

Auch in der Schweiz gibt es solche Beispiele. Ich erinnere mich noch gut an die Geschichte um Johan Vonlanthen im Jahr 2003: Der heutige Salzburg-Profi war sich damals zu schade, bei einem EM-Qualifikationsspiel der U-21-Nationalmannschaft die Bank zu drücken, worauf ihn der damalige Trainer Bernard Challandes auf die Tribüne verbannte.

Der Fall Kuranyi ist der jüngste in einer langen Reihe von Fällen, in welcher Mannschaftssportler durch ein solches Verhalten in negativer Weise auf sich aufmerksam machen. In ihrem Dilemma sehen diese Profis keinen anderen Ausweg mehr, als sich unverständlich zu verhalten. Doch wie kann es überhaupt zu solchen Kurzschlusshandlungen kommen?

Für den betroffenen Spieler müssen gewichtige Gründe vorliegen. Im Fall von Kevin Kuranyi ist das sogar eine Kette von Ereignissen, die ihren Anfang bei der Nichtberücksichtigung für die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land nahm und ihren Höhepunkt im Eklat vom letzten Wochenende fanden. Das Davonlaufen des Sportlers zeugt von Feigheit und einer fehlenden inneren Stärke. Er nimmt diesen Rückschlag nicht als Herausforderung an, sondern erlebt ihn als Demütigung. Kuranyis Situation ist noch etwas komplexer, neigt er doch als Stürmer von seinem Naturell her eher zum Egoismus als Akteure auf anderen Positionen. Er wird praktisch nur an Toren gemessen. Dafür braucht es ein gewisses Mass an Egoismus, oder, wie ich es etwas weniger negativ nenne, eine gesunde Portion Frechheit. Ein freches Auftreten, wie es auch Ottmar Hitzfeld vor dem WM-Qualifikationssieg in Griechenland gefordert hat, hat nichts mit Arroganz zu tun. Ich definiere es durch ein gesundes Selbstbewusstsein, das nicht durch einen Rückschlag sofort verloren geht, und die Fähigkeit, mutig an eine Sache heranzugehen. Allerdings ist der Grat zwischen gesundem und schädlichem Selbstvertrauen sehr schmal, denn im Scheinwerferlicht dieses Millionengeschäfts verliert manch einer den Bezug zur Realität und so auch die Solidarität und den Respekt gegenüber dem Team.

 

Südländertypen wie Kuranyi legen durch ihre überdurchschnittliche Sensibilität oft ein zu grosses Ego an den Tag. Sich einem Team unterzuordnen fällt diesen Spielern schwerer als anderen, und Zurückweisungen wie eine Nichtberücksichtigung nehmen sie zu persönlich. Ich gebe zu, diese Balance zwischen Egoismus und mannschaftsdienlicher Denkweise zu finden, ist nicht einfach.

Sportler und ihr Umfeld sind heute wie kleine Unternehmen, da hängt viel Geld vom sportlichen Erfolg ab. Im Zusammenspiel mit den Medien wird die ganze Situation noch heikler. Mit dem Hype, den die Medien um eine Person veranstalten können, muss man erst einmal umgehen können. Ganz allgemein kann man sagen, dass es im europäischen Mannschaftssport noch immer an entsprechender mentaler Betreuung fehlt. Diese wird oft erst in Krisenzeiten zugezogen, doch dann ist es meist zu spät. Die Fachperson muss auch die Sprache der Profis sprechen und Ahnung von der Sportart haben, sonst ist die Zusammenarbeit ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Der Trainer ist aus zeitlichen Gründen nicht in der Lage, diesen Bereich für alle Spieler optimal abzudecken, er kann höchstens punktuell darauf eingehen.

Eines darf man bei der ganzen Diskussion jedoch nie vergessen: Es geht hierbei um Menschen, nicht um Roboter. Die allgemeine Annahme, dass jeder Profisportler eine reife Persönlichkeit sei, ist falsch. Und auch wenn im Idealfall der Spieler während seiner gesamten Karriere mental optimal betreut wurde, kann es vorkommen, dass sein wirklicher Charakter in einer Extremsituation durchbricht. Da nützt auch die beste Balance nichts.

* Ruedi Zahner (51) ist Autor des Erfolgsbuches «Frechheit siegt». Als ehemaliger Profifussballer, Trainer und Unternehmer kennt er Erfolg und Misserfolg aus eigener Erfahrung. Als Berater und persönlicher Coach von namhaften Spitzentrainern, Führungskräften und Teams kennt er deren Erfolgsstrategien und entwickelte daraus sein Coachingkonzept «SWISS». Heute ist er als Berater, Referent und im Coaching tätig.

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