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Presseschau - Sonntag, 12. Oktober 2008

Materielle und emotionale Hilfeleistung

Ruedi Studer arbeitete mit seinem Buch «Brot und Liebe» die Geschichte des Hilfsvereins Olten auf

Der Oltner Journalist und Historiker Ruedi Studer zeichnet im Buch «Brot und Liebe» die Geschichte des Hilfsvereins Olten auf, welcher im städtischen Armenwesen viel wichtige Pionierarbeit leistete und im Jahr 2005 mangels Aufgaben aufgelöst wurde.

Durch die Fusion des Frauenvereins Olten und des Vereins für Passanten-Unterstützung der Amtei Olten-Gösgen, kurz auch «Hülfsverein» genannt, resultierte mit Gründungsdatum 1. Januar 1891 der Hilfsverein Olten. Seine Aufgabe sahen die Vereinsmitglieder im Kampf gegen die Armut; dies zu einer Zeit, als die staatliche Fürsorge noch als sehr rudimentär bezeichnet werden konnte. In Stichworten: Lebensmittel- und Kleiderspenden, finanzielle Beiträge an Arzt- und Spitalkosten, Mietzinsen, Weiterbildungen oder Wohnungseinrichtungen.

Seine bedeutendste Aufgabe füllte der Hilfsverein Olten von 1913 bis 1973 aus, als er nicht nur für die freiwillige Armenpflege besorgt war, sondern auch die öffentliche Armenfürsorge der Stadt Olten übernahm. Insbesondere in dieser Zeit leistete der Verein auf zahlreichen Gebieten Pionierarbeit. So wurde die Schüler- und Volkssuppenanstalt ins Leben gerufen oder die Oltner Ferienkolonien für Kinder organisiert. Die Liste lässt sich u. a. mit der Mütterberatung, dem öffentlichen Lesesaal in der Stadtbibliothek, der Herberge für mittellose Durchreisende im alten Spittel in der Oltner Altstadt, der Brockenstube oder das Tagesheim für Schulkinder ergänzen.

Mit dem Ausbau des Sozialstaats und der Einführung der Sozialversicherungen schränkte sich der Aufgabenbereich des Hilfsvereins Olten zunehmend ein. Die grösste Zäsur erfolgte 1974, als die Stadt Olten die öffentliche Fürsorge wieder selbst in die Hände nahm. Das letzte wichtige Standbein, die Ferienkolonien, stiessen auf immer weniger Interesse, so dass 1987 die letzte Ferienkolonie (in Laax) durchgeführt wurde. Mangels konkreter Aufgaben wurde der Hilfsverein Ende März 2005 schliesslich aufgelöst. Dass dieser schon länger angebrachte Schritt erst vor dreieinhalb Jahren erfolgte, hängte mit den Emotionen zusammen, welche viele Mitglieder dem Verein immer noch entgegen brachten, wie die letzte Präsidentin Therese Frey-Viehweg in einem Interview im Buch erläutert.

 

Rund 400 Stunden Arbeit, erstreckt über 2 Jahre, hat Ruedi Studer, früher auch für das Oltner Tagblatt tätig, in das Buch gesteckt. «Die Arbeit gliederte sich in zwei Teile: zuerst lange Tage im Oltner Stadtarchiv mit dem Lesen von Protokollen und Jahresberichten und danach das eigentliche Verfassen des Buchs.» Den Auftrag erhielt er von den «Nachlassverwaltern» des Hilfsvereins, welche mit dieser Publikation die Geschichte des Vereins erhalten wollen.

Besonders beeindruckt hat Ruedi Studer bei seiner Arbeit die Erkenntnis der Vielfältigkeit der Arbeit des Hilfsvereins. Nebst der direkten Armenpflege – zuerst primär mit Naturalien, später fast ausschliesslich durch finanzielle Zuwendungen – leistete der Verein nämlich auch Präventionsarbeit. «Mit dem Lesesaal sollte die Bildung gefördert werden, mit der Suppenanstalt für Kinder oder den Ferienkolonien sollten Kinder für eine gewisse Zeit aus ihrem Armenmilieu herausgenommen werden, damit sie sich zu ‹gesunden Bürgern› entwickeln konnten.» Der Erfolg einer Ferienkolonie sei u. a. auch an der Gewichtszunahme der Kinder in diesen Wochen gemessen worden.

Auch die Pionierrolle des Hilfsvereins unterstreicht Ruedi Studer, so beispielsweise mit dem Tagesheim für Schulkinder, ein eigentlicher Vorläufer der heutigen Tagesstrukturen an Schulen oder dem Mittagstisch. «Obwohl dieses Tagesheim mehr aus der Not heraus geboren wurde, weil während des Kriegs die Männer Aktivdienst leisten mussten und die Frauen dementsprechend tagsüber deren Arbeiten übernehmen mussten. Auch andere Déjà-vu-Erlebnisse traf Studer in seinen Recherchen an. So habe sich Adolf Christen, erster Präsident des Hilfsvereins, bereits vor 100 Jahren über die seinerzeitige Jugend mokiert, welche sich nicht mehr auf die Werte besinnen würde und nur nach Vergnügen suche. Manches ändert, manches nicht.

Den Buchtitel «Brot und Liebe» wählte Ruedi Studer mit Bedacht. Zum Ausdruck gebracht wird damit einerseits die materielle, andererseits auch die emotionale Hilfeleistung, die hinter dem Engagement des Hilfsvereins Olten stand – «das karitative Motiv der Liebestätigkeit». Dies von einem Verein, welcher sich aus Vertretern aller Parteien sowie aller Konfessionen zusammensetzte. Bereits im Jahresbericht 1906 war zu lesen: «Die derbe Hand des bureaukratischen Staates würde zu tappig und zu ungelenk auf diesem Gebiete arbeiten, wenn sie nicht durch menschenfreundliche Liebe begleitet und geleitet würde. Nur dann hat die soziale Arbeit des Staates Wert und Verstand, wenn die sittlichen Kräfte des Volkes ihr fördernd zur Seite stehen. Diese Hilfstruppen können nicht durch die trefflichsten Gesetze und Verordnungen, nicht durch die gewissenhaftesten Beamten ersetzt werden.»

Buchvernissage: Mittwoch, 29. Oktober 2008, in der Stadtbibliothek in Olten.

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