«BUND»: Herr Josuran, seit einigen Monaten sind Sie nicht mehr als Radiomoderator, sondern als Coach für Krisenintervention tätig. Fehlt Ihnen die Arbeit am Mikrofon?
RUEDI JOSURAN: Meine neue Arbeit ist so spannend, dass ich den Schritt in die Selbstständigkeit noch nie bereut habe. Ich geniesse es, nur noch Dinge zu tun, die ich selber aufgebaut habe. Ich arbeite heute mehr denn je, aber da mein Gestaltungsspielraum sehr gross ist, empfinde ich das nicht als Belastung.
Wenn man Sie um eine Foto bittet, schicken Sie aber ein Sujet mit grossem Radiomikrofon. Das war doch Ihr Bubentraum, Ihr Traumberuf.
Ich habe tatsächlich schon als kleiner Bub Radiomoderator gespielt: Wenn mein Vater am Tisch die Nachrichten ausschaltete, übernahm ich den Part des Sprechers und redete weiter. Ja, das Radio war meine grosse Liebe, da ist ein Talent in mir angelegt, und das wird immer ein Teil von mir bleiben. Ich hatte allerdings noch zwei weitere Berufswünsche, nämlich Arzt und Priester. In meiner heutigen Tätigkeit kann ich diese drei Berufe vereinen: Ich stehe Menschen in akuten Krisen bei, versuche ihnen zu helfen, indem ich mir ihre Geschichte anhöre, vermittle Informationen und bei Bedarf den Kontakt zu Fachleuten.
Was qualifiziert sie dazu, Menschen in akuten Krisen zu begleiten?
Erstens kenne ich meine Grenzen: Ich bin kein Therapeut und habe auch keine Ambitionen, Ärzte und Psychiater zu konkurrenzieren. Ich habe vor vier Jahren mein Radiopensum reduziert, um in Hamburg eine dreijährige Ausbildung zum Coach für Krisenintervention und Trauerbegleitung zu absolvieren. So habe ich mir das fachliche Rüstzeug geholt, um seriöse Erstgesprächsabklärungen vornehmen zu können. Dazu kommt mein persönlicher Erfahrungsschatz: Durch meine eigene Burnout- und Depressionserkrankung weiss ich nicht nur theoretisch, was jemand durchmacht, der in eine schwere Krise gerät.
Wie arbeiten Sie mit Ihren Klienten?
Die meisten rufen mich an, wenn sie in einer Sackgasse stecken, nicht mehr weiter wissen, manche hegen Suizidabsichten. Viele haben Hemmungen, sich ihrem Umfeld oder einer Fachstelle anzuvertrauen. Bei mir liegt die Schwelle tiefer: Ein Mail oder Anruf genügt, und wir treffen uns in einer Beiz oder reden am Telefon. Viele Kunden sind blockiert, weil sie merken,dass sie nicht mehr wie bisher funktionieren können. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie eine Therapie oder Medikamente brauchen. Manchmal reichen einige Treffen mit jemandem, der aufmerksam zuhört, ihnen aufzeigt, dass sie nicht allein sind und dass man sich nicht mit aller Kraft am Bekannten festhaltenm uss. Ich bin eine Art Ersatzfreund auf Zeit.
Was heisst das für Ihren Arbeitsalltag? Arbeiten Sie auf Abruf?
Ja, vieles geschieht auf Abruf. Wenn mich jemand am Sonntagabend um 22 Uhr braucht, dann bin ich da. Stellen Sie sich vor: Jemand ist verzweifelt, denkt an Suizid, und der Psychologe, den er in der Not anruft, gibt ihm einen Termin in drei Wochen. Das ist eine Katastrophe. Ich vertraue nicht in erster Linie auf eine bestimmte Methode, sondern arbeite stark mit persönlicher Präsenz. Wenn man im richtigen Moment für jemanden da ist und ihm einfühlsam zuhört, dann finden viele ganz von selber heraus, was sie brauchen.
Wie sprechen Sie Ihre potenzielle Kundschaft an?
Ich referiere relativ oft in Firmen, an Kadertagungen und dergleichen. Zudem bin ich regelmässig auf Lesereisen, derzeit mit meinem neuen Buch «Seele am Abgrund», einem Ratgeber für Arbeitgeber, Freunde und Angehörige von Menschen, die an Burnout oder Depression erkranken. Und einen Tag pro Woche bin ich im Swiss Prevention Center in Nottwil tätig.
Das einfühlsame Zuhören zeichnete Sie schon als Radiomoderator aus. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dieser Fähigkeit und Ihrer Erkrankung?
Wenn man zu stark bei den anderen ist, läuft man Gefahr, den eigenen Boden zu verlieren, das ist wohl so. Ich muss akzeptieren, dass ich in dieser Hinsicht gefährdet bin, ich kann und will mich aber nicht völlig verändern. Ich interessiere mich enorm für die Menschen um mich herum, es kommt immermal wieder vor, dass wenn mir jemand im Zug seine Geschichte erzählt, ich mich hineinziehen lasse. Solche Gespräche landen rasch auf einer sehr persönlichen Ebene. Die Leute sind erleichtert, dass jemand ihnen zweckfrei Aufmerksamkeit und Wertschätzung schenkt.
Vor 16 Jahren sind Sie kurz nach dem Wechsel zum Fernsehen an einer Erschöpfungsdepression erkrankt. Wie kam es dazu?
Ich kann es noch heute nicht genau sagen. Ich spürte eine grosse Müdigkeit, eine emotionale Erschöpfung. Sicher habe ich mich über meine Kräfte verausgabt, das Gleichgewicht stimmte überhaupt nicht mehr. Klar ist mir heute, dass ich niemandem eine Schuld zuschieben kann. Natürlich hilft es nicht, wenn der Vorgesetzte völlig anders tickt, einen ständig kontrolliert und einem kaum Freiräume lässt, aber das Hauptproblem war meine eigene Wahrnehmung der Situation und der hohe Anspruch, den ich an mich stellte – beruflich und privat. Ich wollte viel für meine Kinder da sein, meiner Frau ermöglichen, weiterhin einem anspruchsvollen Beruf nachzugehen. Ich hatte überall sehr hohe Ziele – und zahlte einen hohen Preis dafür.
Wie haben Sie gemerkt, dass Sie das nicht durchhalten?
Man will das lange nicht wahr haben. Eigentlich spürte ich schon lange, dass ich etwas ändern müsste, aber der Schnellzug fährt weiter, zieht einen mit, man redet sich ein, das sei durchzustehen und irgendwann werde es wieder besser sein. Dabei waren die Signale klar: Ich litt unter Dauermüdigkeit, ganz egal, ob ich sechs oder zehn Stunden geschlafen hatte oder aus Ferien zurückkehrte, ich wurde dünnhäutiger, hatte Mühe mit der Konzentration, beging Fehler, fühlte mich, als würde ich am Ort treten. Statt mir Hilfe zu holen, vertuschte ich alles nach Kräften: nur ja nicht auffallen.
Konnten Sie sich niemandeman vertrauen?
Nein. Der Familie mochte ich nicht viel sagen, weil ich nicht wollte, dass sie darunter leidet; ich wollte den Karren ziehen, nicht anderen zur Last fallen. Im Fernsehstudio am Leutschenbach hat es so viele Konkurrenten, dass ich mein Terrain verteidigen musste. Sobald einer eine kleine Schwäche zeigt, sind viele zur Stelle, die den Platz gerne übernehmen. Und für Hobbys oder Freundschaften hatte ich schon lange keine Energie mehr. Es war ein täglicher Kampf ums Überleben.
Wann mussten Sie sich die Niederlage eingestehen?
Am Tag vor einer Livesendung. Ich hatte die fünfte oder sechste Nacht in Folge nicht geschlafen, meine Frau überzeugte den Hausarzt, nach Feierabend vorbeizukommen. Er machte mir klar, dass an eine weitere Berufstätigkeit einstweilen nicht zu denken war.
Wie war Ihre Reaktion?
Ich war dankbar, dass mir das jemand so klar mitteilte. Aber natürlich empfand ich es als Niederlage. Und als dann noch der «Blick» mit dem Kiosk-Aushang «Die dunklen Seiten des Ruedi Josuran» warb, hätte ich mich am liebsten ganz verkrochen vor Scham. Später gingen Sie selber in die Offensive, redeten amTV über Ihre Erkrankung, schrieben ein Buch.
Half Ihnen das bei der Verarbeitung?
Ich kann niemandem empfehlen, sich so zu exponieren. Natürlich ist es befreiend, sich nicht mehr verstecken zumüssen, aber wenn man sich öffnet, tritt man eine Medienlawine los, über die man keinerlei Kontrolle hat. Und man läuft Gefahr, in eine Schublade gesteckt zu werden, unter Pauschalverdacht zu geraten. Mir wurden einige Aufgaben mit diffusen Begründungen entzogen, ich hatte das Gefühl, dauernd beweisen zu müssen, dass ich mindestens so leistungsfähig bin wie die anderen. Aber es kann auch sein, dass ich mir das eingebildet habe. Man verliert in jedemFall eine gute Portion Unbefangenheit.
Haben Sie auch etwas gewonnen durch die Krankheit?
Ja, gewisse Eigenschaften haben sich ausgeprägt, etwa das Einfühlungsvermögen. Und ich bin heute soweit, dass ich meine Anfälligkeit für Depressionen weder verstecken noch bekämpfen muss. Sie ist ein Teil von mir. Heute geht esmir gut, meine Partnerschaft ist durch die Krise sogar gekittet worden, aber ich weiss, dass ich nie sagen kann, ich sei über den Berg. Es kann sein, dass ich einen Rückfall erleide, aber ich habe keine Angst davor, weil ich mir heute rasch Hilfe holen würde.
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