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Presseschau - Neue am Sonntag, 2. November 2008

Geschichte einer großen Liebe

Maria Gämperle (75) hat ein bewegtes Leben hinter sich. Die gebürtige Altacherin war 25 Jahre lang Ordensschwester, dann trat sie aus und heiratete einen Kapuziner.

Ihre große Liebe, ihre einzige Liebe, starb vor fünf Jahren. „Lukas war ein sehr reifer und edler Mensch. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in all den 27 Jahren einmal gestritten hätten“, so Maria Gämperle (75) zum „Sonntag“. Der Verlust traf sie schwer. „Anfangs habe ich mich wie amputiert gefühlt.“ Ihr Herz sehnt sich auch heute noch nach dem Partner. „Mit ihm war das Leben wunderschön.“ Die letzten acht Jahre seines Lebens war Lukas krank. Er litt an Parkinson. „Bevor er starb, hob er zum Abschied noch seine Hand und streckte sie in meine Richtung aus“, erzählt sie mit traurigen Augen, „und seither bin ich allein“. Dennoch: Die 75-Jährige blickt dankbar auf ihr Leben zurück. „Es war trotz allem ein gelungenes Leben. Ich bin dankbar für alles. Es hat mich so viel gelehrt und reif gemacht. Und ich habe es gemeistert.“

Mit 17 ins Kloster gegangen

Das Leben der Maria Gämperle könnte als Filmvorlage dienen. So spannend und facettenreich war es. Es begann in Altach im Jahre 1933. Sie war das elfte Kind einer Hohenemserin und eines Schweizer Naturarztes. Maria war noch ein Baby, als die Großfamilie ins appenzellerische Stein umzog.

Ihre Kindheit beschreibt sie folgendermaßen: „Wir genossen eine unerhörte Freiheit. Aber wir waren wirklich arm. Am Tisch hätten wir oft gerne mehr gegessen.“ Wenn die Mutter auf Reisen war und Stoffe verkaufte und die Kinder sich selbst überlassen waren, herrschte nicht selten Chaos im Hause Gämperle.

Hause Gämperle. Nach der Pflichtschule besuchte Maria die Haushaltungsschule der Schwestern der Göttlichen Vorsehung. Sie war an das Exerzitien- und Kurhaus angegliedert, das die Schwestern führten. Die geistliche Atmosphäre und das geordnete Leben gefielen ihr so gut, dass sie sich mit 17 Jahren zum Ordenseintritt entschloss. „Auch weil man mir eine Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin versprach.“ Ihrem Entschluss lag keine besondere Frömmigkeit zugrunde. „Ich war ganz normal fromm.“

Ans Leben im Kloster musste sie sich aber erst gewöhnen. „Es war am Anfang nicht einfach: die Regeln, die dort galten, die klösterliche Ruhe. Ich war jung, hab’ zu viel geschwatzt und zu viel gelacht.“

Dennoch legte sie 1957 die klösterlichen Gelübde ab. Maria dazu: „Ich war mir absolut sicher. Ich hatte ja sieben Jahre Zeit, um mir das zu überlegen.“

Nach der Profess leitete sie vier Jahre eine Haushaltungsschule in der Innerschweiz. Als sich eine Mitschwester für die Mission in Afrika bewarb, dachte Maria: „Das wär’ auch etwas für mich.“ Sie bewarb sich ebenfalls. Und ging dann „voller Enthusiasmus“ nach Tansania, um dort eine Haushaltungsschule für Mädchen zu leiten. Zuvor hatte sie noch in England Englisch und Kiswaheli gelernt.

 

Der Anfang dort war nicht einfach. „Ich hatte Heimweh, auch weil es dermaßen heiß war. Das hat mir sehr zugesetzt.“ Doch die Schwester aus der Schweiz hielt durch. „Ich hätte auch gar kein Rückreiseticket gehabt.“ Bald schon machte ihr die Arbeit Spaß. Ihre Freizeit verbrachte sie oft im Kinderheim, auch weil sie sich unter den Schwestern einsam fühlte. „Niemand hatte Zeit.“ Vor allem die Schwester Oberin hatte wenig Verständnis für die gebürtige Vorarlbergerin. „Sie war eine der Frommen, und ich nicht.“

Dafür empfand sie Lukas, den Leiter des Sozialzentrums, als sehr angenehmen Chef. „Er verlangte, dass gut gearbeitet wird.“ Zuerst mochte sie den Kapuziner. „Dann hat es sich einfach ereignet. Es ist einfach passiert“, beschreibt sie, wie aus der anfänglichen Zuneigung Liebe wurde. „Es war in keinster Weise Absicht dahinter. Ich war ja eigentlich zufrieden, mit dem was ich tat.“

Als sie merkte, dass er dasselbe für sie fühlte, sprach Maria mit ihm darüber. „Aber wir einigten uns darauf, dass wir uns auf diese Liebe nicht einlassen können.“

Beide hielten sich an ihre Abmachung. „Aber wir konnten die Liebe nicht aus unseren Herzen reißen.“ Jedes Mal, wenn sie einander sahen, kam Freude auf.

„Ich trete aus“

Acht Jahre arbeiteten die beiden zusammen. Dann trennten sich ihre Wege. Maria wurde von ihrem Mutterorden in die Schweiz zurückberufen, weil eine Mitschwester, der sie sich anvertraut hatte, sie verraten hatte. „Ich durfte nicht mehr nach Afrika zurück. Das war hart für mich.“ Mit Lukas blieb sie aber immer brieflich in Kontakt. Dieser war inzwischen auch in die Schweiz zurückgekehrt. „Eines Tages kam er zu mir und sagte: ,Du, Maria, ich trete aus der Kirche aus. Ich kann den Weg, den sie geht, nicht mehr mittragen.‘“ Und sie antwortete ihm: „Wenn das so ist, dann werde ich auch austreten. Du kannst nicht allein leben.“

Im Juli 1975 trat Maria aus dem Orden aus – mit gemischten Gefühlen: „Einerseits freute ich mich auf das Leben mit Lukas, andererseits brach es mir fast das Herz, meine Mitschwestern zu verlassen.“

Im Juni 1976 gaben sich die beiden in kleinem Rahmen das Ja-Wort, ein Mitbruder von Lukas traute das Paar. „Es war schön. Für mich ging ein Traum in Erfüllung. Es war das Ziel eines langen Weges“, erinnert sich die 75-Jährige gern an ihre Hochzeit.

Zu diesem Zeitpunkt hatten beide schon Arbeit gefunden. Maria leitete ein Kinderheim, Lukas war als Fürsorgeinspektor für mehrere Heime zuständig. Aber das neue Leben abseits des Ordens musste erst gemeistert werden. Maria dazu: „Ich musste ganz schnell ganz viel lernen.“ Von Bankgeschäften zum Beispiel hatte sie keine Ahnung. Selbst ganz banale Dinge wie „Was ziehe ich an?“ bereiteten ihr Probleme. „Ich trug ja 25 Jahre Habit und Klosterrock.“

Maria blickt auf ihr bewegtes Leben zurück: „Es war voller Prüfungen, einmal waren es leichtere, einmal schwerere.“ Die größte Prüfung aber war, als Lukas, ihre einzige Liebe, sie für immer verließ.

 

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