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Presseschau - Schweizer Familie, 6. November 2008

Unheimliche Begegnungen

Eine Autostopperin löst sich in Luft auf, Spuk-Geister treiben bei einer Ruine und auf einer Alp ihr Unwesen: Übersinnliche Phänomene sorgen für Schaudern und Schlagzeilen. Wahrheit oder fauler Zauber?

Viele Jahre liegt das schauerliche Erlebnis zurück. Aber was HR Giger auf dem Waldweg hinauf zu den Ruinen der Burganlage Hohen Rätien erlebte, hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt.

Der 68-jährige Künstler, der für die Schöpfung seines Monsters im Film «Alien» einen Oscar gewann, erzählt, als sei die fünfzig Jahre alte Geschichte gestern passiert. Wie der Wind durch die Tannen und Laubbäume blies. Wie sein Blick hinunter in die Abgründe der Viamala-Schlucht strich. Mit einem Schulfreund wollte Hansruedi Giger zu jener Burgruine hochsteigen, wo im 14. Jahrhundert der tyrannische Raubritter Kuno hauste. Sie kamen nicht an. «Unvermittelt hörten wir vor uns das Knacken von Ästen. Und als ob man uns bestätigen wollte, dass wir nicht allein waren, wurden wir von herumhüpfenden Steinen überrascht. Eine unerklärliche Angst erfasste uns. Unsere Umkehr bergab wurde mehr und mehr zu einer wilden Flucht.»

Der Sage nach nahm Raubritter Kuno ein fürchterliches Ende. Er verschleppte eines Tages eine hübsche Jungfrau auf seine Burg. Die Bauern rotteten sich zusammen, um die Geraubte zu befreien. Als sie das Burgtor aufbrachen, erwartete sie Ritter Kuno hoch zu Pferd, das verängstigte Mädchen vor sich im Sattel. Den Bauern gelang es, die Entführte zu befreien. Doch dann stiess Ritter Kuno seinem Pferd die Sporen in die Flanken. Es setzte in gewaltigem Sprung über die Felsplatte. Ross und Reiter verschwanden im Abgrund.

Viele Menschen fühlen sich wie Hansruedi Giger, der im mittelalterlichen Städtchen Gruyère ein eigenes Museum hat, von Burgruinen magisch angezogen. Die uralten Gemäuer bergen die Geheimnisse der Vergangenheit. Wo, wenn nicht an solchen Orten, ist der Geist der Geschichte besonders spürbar? So erstaunt es kaum, dass sich um viele Schlossanlagen und Burgruinen Spuk-Geschichten ranken.

Auch die Bechburg im Kanton Solothurn hat ihre Geister. Die 89-jährige Solothurner Volkskundlerin und Schriftstellerin Elisabeth Pfluger sammelt seit ihrer Kindheit Sagen, Sprüche und Anekdoten aus ihrem Kanton. Auf der Bechburg, so erzählt Elisabeth Pfluger, fand einst ein Raubritter der schlimmsten Sorte seine letzte Ruhestätte. «Für seine Tyranneien wurde Kuoni im späten Mittelalter festgenommen und auf der Bechburg lebendig eingemauert. Bis heute soll er bisweilen als Spuk-Geist sein Unwesen treiben.» Das «Kuoni-Häuschen», wo der verbrecherische Junker einst Gerechtigkeit gefunden haben soll, ist übrigens weitum sichtbar und selbst von der Autobahn A1 bei Oensingen aus zu sehen.

Berichte über unheimliche Begebenheiten findet man aus allen Epochen und Kulturen. So habe sich im Belchentunnel, nur zehn Kilometer von der Bechburg entfernt, vor 25 Jahren eine Geschichte zugetragen, die damals viele Menschen in der Schweiz beschäftigte: Es war am Abend des 26. Septembers 1983, als in Härkingen zwei junge Frauen in eine Wirtschaft kamen und – innerlich aufgewühlt – eine unheimliche Begegnung schilderten: Kurz vor dem Belchentunnel, Fahrtrichtung Süden, hatten die beiden eine Autostopperin mitgenommen. Mitten im Tunnel sagte die bleiche, rätselhafte Unbekannte plötzlich, es werde etwas Schreckliches passieren. Als sich die Beifahrerin erschrocken umdrehte und nach hinten blickte, war der Rücksitz leer...

«Kann das stimmen?», fragte sich die schon damals renommierte Sagenforscherin Elisabeth Pfluger und ging der Sache nach: «Mit viel Mühe gelang es mir, die eine Autofahrerin ausfindig zu machen und sie schliesslich zu treffen. Als die Frau am 25. November 1983 im Bahnhofbuffet Olten an meinen Tisch trat, war mir sofort klar, dass sie die Wahrheit sagte.»

Glauben und Zweifel

Hatte die rätselhafte Begebenheit mit einem Unfall im Tunnel zu tun? Als Rita Müller aus Freiburg die Belchen-Geschichte im Buch «Orte des Grauens in der Schweiz» gelesen hatte, schrieb sie den Autoren, ihr sei eine vergleichbare Geschichte bekannt, die sich im Autobahntunnel unweit der Raststätte Gruyère im Kanton Freiburg ereignet habe. Und Rita Müller hat auch einen Verdacht, womit das Ereignis zu tun haben könnte: «Einige Jahre zuvor gab es dort einen schlimmen Unfall, wobei mindestens eine Person verbrannt ist.»

 

Der Psychiater Jakob Bösch, der bis 2006 Chefarzt der Externen Psychiatrischen Dienste Baselland war und heute ein Institut für spirituell orientierte Therapie führt, glaubt «solche Sachen» wie die Belchen-Geschichte durchaus: «Durch alle Jahrhunderte gibt es Erscheinungen von Verstorbenen. Es sind aber nicht alle Menschen sensibel genug, um solche Erscheinungen wahrzunehmen.»

Zweifel hingegen äussert der Physiker und Psychologe Walter von Lucadou, der seit 1989 im deutschen Freiburg eine parapsychologe Beratungsstelle führt und jedes Jahr rund 3000 Anfragen von Menschen erhält, die seltsame Dinge erlebt haben. Walter von Lucadou geht den Geschichten nach. Nur ein Drittel davon, sagt er, lassen sich nicht mit konventionellen Methoden erklären. Der Parapsychologe hat die Theorie entwickelt, dass jene Menschen, die einen Spuk erleben, diesen oft unbewusst selber auslösen (Lesen Sie dazu das Interview auf Seite 34).

Es muss wohl offenbleiben, welche der beiden Erklärungen für die Spuk-Ereignisse auf der Alp Ramsen im Berner Oberland zutreffen. In der alten Ramsenhütte im Diemtigtal riss im 18. Jahrhundert eine heftige Explosion den Alpsenn jäh aus dem Leben, als dieser daran war, Enzianschnaps zu brennen. Noch heute sind die Grundmauern der alten Hütte zu sehen, die damals ausbrannte.

«Das habe ich nicht geträumt»

In der neuen, mittlerweile auch schon wieder alten Ramsenhütte daneben bewirtschaftet heute Lorenz Kunz die Alp. Mit eigenen Augen hat er einen Lichterspuk beobachtet im völlig abgedunkelten kleinen «Gaden» unter dem Dach, wo er sich in einer mondlosen, bewölkten Nacht zum Schlafen hinlegte: «Ich sah ein bläulich leuchtendes Quadrat auf dem Boden, vielleicht 20 auf 20 Zentimeter gross», erinnert sich der Senn. Furcht verspürte er keine, schlief sogar wieder ein, nachdem er sorgfältig geprüft hatte, ob ihm nicht jemand ein Scherz spielte. «Als ich etwa eine Stunde später nochmals aufwachte, war das leuchtende Quadrat immer noch da. Doch es zog sich nun zu einem Strich zusammen, wie ein Tuch, das gefaltet wird, und dann war es nur noch ein Punkt, bevor das Licht allmählich erlosch.» Lorenz Kunz ist sich ganz sicher: «Das habe ich nicht geträumt, sondern absolut real gesehen. Jeder andere hätte es auch gesehen.»

Noch heute zeugen «Bannzapfen» in den Holzwänden der Sennhütte davon, dass mehrmals Kapuzinermönche aus dem katholischen Wallis zur Alp Ramsen gerufen wurden, um «Geister zu bannen» und mit «Bannzapfen» zu «verbohren».

Ein heftigeres Spuk-Erlebnis hatte Armin Kunz, der Onkel von Lorenz Kunz, einige Jahre früher in derselben Hütte. Eine Tür öffnete sich immer wieder wie von selbst, sogar nachdem er diese mit einem Keil gesichert hatte. Den Rest der Nacht verbrachte Armin Kunz, ohne ein Auge zu schliessen, mit einem Beil griffbereit neben seinem Bett.

Als Ruth Burri aus Seftigen BE diese Geschichte im Buch «Orte des Grauens in der Schweiz» las, stieg in ihr eine alte Erinnerung an eine ähnliche Nacht auf: «Ich war allein in der Alphütte auf Silleren», berichtet sie. «Da ich ein wenig ängstlich war, schloss ich mich für die Nacht ganz gut ein. Die Türe zwischen Küche und Stall verriegelte ich dreimal. Zweimal drehte ich den grossen Schlüssel und schob den Eisenriegel vor. Fast belustigte ich mich über die eigene übertriebene Vorsicht. Etwa eine halbe Stunde nach Mitternacht musste ich aufs Häuschen. Dieses ist draussen, also musste ich durch den Stall. Was sah ich da im Schein meiner Stirnlampe? Die Küchentür, die ich so zuverlässig dreimal verriegelt hatte, stand weit offen.» Auch Ruth Burri versichert: «Das habe ich wirklich und wahrhaftig erlebt. Heute noch, jedesmal, wenn ich diese schwere Holztür öffne und schliesse, denke ich daran, wie es damals war, vor etwa 20 Jahren. Ich würde nie mehr allein in der Hütte sein wollen!»

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