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Presseschau - Zofinger Tagblatt, 23. Februar 2009

«Stand vor emotionalem Bankrott»

Rothrist Krisencoach und Ex-Radiomoderator Ruedi Josuran spricht am Sonntag über Burn-out

Immer mehr Menschen leiden unter einem Burn-out oder Depressionen. Der Ex-Radiomoderator Ruedi Josuran weiss, wie es ist, mittendrin und nicht dabei zu sein. Am Sonntag spricht der selbstständige Krisencoach in Rothrist über seine Erfahrungen und wie er damit umgeht.

Vor 17 Jahren veränderte sich Ihr Leben, als eine Überlastungsdepression diagnostiziert wurde. Wie kam es so weit?
Ruedi Josuran: Eigentlich ist es eine einfache Rechnung - ich habe mehr Energie verbraucht als getankt. Die Faktoren, die im Einzelnen dazu geführt haben, zu analysieren, ist schwierig. Ich habe es versucht, aber ich bin nicht hinter alle Ursachen gekommen. Das ist auch gut so.

Was waren die Anzeichen, die auf eine Depression hinwiesen?
Ich wurde zunehmend lustloser, träger und verlor immer mehr meine Lebensfreude. Körperlich fing es mit leichten Beschwerden wie kalten Händen und Füssen oder Schlafstörungen an. Um den Alltag zu bewältigen, benötigte ich eine wahnsinnige Energie. Ich zog mich von Freunden und Bekannten zurück. Gefühle der Wertlosigkeit kamen immer mehr auf. Ich fühlte mich gegenüber meiner Umgebung klein, minderwertig und nutzlos. Ich stand vor dem emotionalen Bankrott.

Sie hatten also zuerst ein Burnout, das schliesslich in eine Depression mündete?
Im Prinzip sind die Schnittpunkte zwischen Burnout und Depression nicht genau definierbar. Richtigerweise müsste man von Depression reden. Doch dieser Begriff hat immer noch einen schlimmen Nebengeschmack. Eigenartigerweise lässt es sich leichter über ein Burn-out reden. Es ist gesellschaftsfähiger, wird aber auch inflationär gebraucht.

Weshalb haben Sie Ihre Erkrankung öffentlich gemacht?
Aus eigenem Antrieb hätte ich es nicht getan. Der Auslöser war eine Verlegerin, die einen Mann gesucht hat, der offen über Depressionen schreibt und spricht. Sie hat mich von der Wichtigkeit überzeugt, aus meinem Kokon auszubrechen und damit auch eine öffentliche Diskussion zu entfachen.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Am Anfang konnte ich das nicht so gut. Obwohl ich lange in den Medien tätig bin, war ich mir der Folgen nicht bewusst. Es ist ein Unterschied, wenn man plötzlich selber in den Schlagzeilen steht. Es hat auch zu Rück-schlägen geführt. Heute kann ich besser mit Kritik umgehen.

Können Sie sich gegen einen Rückfall wappnen?
Das geht eigentlich nicht. Ich kann mich nur versuchen zu schützen, weil ich gelernt habe, besser mit der Krankheit umzugehen. Wichtig ist, dass ich meine Anforderungen runtergeschraubt habe. Vor allem habe ich mich vom Anspruch der Syndromfreiheit gelöst. Ich habe eingesehen, dass ich mich der Krankheit und dem Thema Depression wohl nie ganz entziehen werden kann.

War das ein Grund, dass Sie sich 2007 als Krisencoach sebstständig gemacht haben?
Bestimmt, denn ich habe in den letzten Jahren viel über mich herausgefunden. So beispielsweise, dass es für mich gut ist, wenn ich den Arbeitsrhythmus selber bestimmen kann. Obwohl ich stundenmässig heute zwar viel mehr arbeite. Die Weiterbildung zum Krisencoach und der Schritt in die Selbstständigkeit geschah fliessend.

 

Wie und wen unterstützen Sie?
Ich mache keine Therapie, sondern helfe Betroffenen und Angehörigen praktisch weiter. Dabei sind meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema und die fachliche Ausbildung ein unbezahlbares Kapital. Ein grosses Anliegen von mir ist der Aufbau einer kostenlosen Dienstleistung im Internet. Das Ziel ist es, Menschen für eine bessere Arbeits- und Lebensqualität zu sensibilisieren. Nach Schätzungen gerät hierzulande jeder vierte Mensch irgendwann in eine depressive Phase. Auf der neuen Plattform sollen Betroffene schnell Hilfe finden und sich austauschen können. Offene Gespräche könnten manche Erkrankung verhindern. Träger der Dienstleistung wird eine Stiftung sein, die mit namhaften Politikern gegründet werden soll.

Ihr drittes Buch «Seele am Abgrund» richtet sich an Angehörige und Freunde von depressiven Menschen. Wie stark hat Ihre Familie unter der Krankheit gelitten?
Ich habe das Glück, dass meine Frau Krankenschwester ist. So gerät sie nicht so schnell in Panik. Unser Familienalltag ging relativ normal weiter. Meinen damaligen Arbeitgeber, die SRG, habe ich grosszügig erlebt. Es wurde mir ermöglicht, den Job zu behalten. Das Zeichen, dass man trotzdem auf mich setzt, war sehr wichtig.

Was kann man als Angehöriger tun, um nicht auszubrennen?
Ja nicht den Therapeuten spielen, sondern unbedingt Fachleute beiziehen. Für eine Partnerschaft ist es eine wahnsinnige Zerreissprobe. Es ist unvorstellbar, wie schwierig es ist, seinen Partner nicht mehr zu erreichen - plötzlich einen Fremden vor sich zu haben. Beziehungen können dabei in die Brüche gehen, wenn man sich nicht Hilfe und Entlastung holt. Kein Partner kann und muss einen Depressiven alleine tragen.

Was haben Sie aus Ihrer Krankheit gelernt?
Einen Gewinn konnte ich der Depression in Krisenzeiten nicht abgewinnen. In so einem schwarzen Loch zu stecken, macht keinen Sinn. Im Nachhinein habe ich aber sehr viel dazugelernt. Ich lebe viel bewusster. Für mich zählt das Hier und Jetzt viel mehr. Vor allem akzeptiere ich meine Grenzen.

 

zur person
Ruedi Josuran (1956) war von 1992 bis 2007 Radio-Moderator, zuletzt bei DRS 1. Nun arbeitet er als Krisencoach und Autor. Letzten April erschien im Oltner Verlag Textwerkstatt das Buch «Seele am Abgrund». Den Ratgeber hat er mit Thomas Knapp (Autor von «Burn-out - In den Krallen des Raubvogels) und Rolf Heim vom Institut für Arbeitsmedizin in Baden verfasst. Josuran ist verheiratet, zweifacher Vater und lebt in Stäfa. Ab 11. April moderiert er die Sendung «Fenster zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen. (egu)

 

«10 nach 10» Am Sonntag, 1. März, 10.10 Uhr, spricht Ruedi Josuran im Zehntenhaus der Evangelisch-methodistischen Kirche zum Thema Burn-out.

 

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