Eigentlich müssten die Stadtoberen Oltens gleich ein paar hundert Stück des Buches kaufen. Zum Verschenken, für besondere Gelegenheiten. Oder wann sind letztmals vier Seiten in der «Schweizer Familie» über Olten erschienen? Wann hat sich letztmals der Reporter einer Zeitung aus dem grossen Zürich freiwillig in die Oltner Altstadt «verirrt»? Alex Capus’ «literarische Rückkehr nach Hause», wie der Verleger schreibt, «nach ausgiebigen Reisen nach Afrika und in die Südsee», hat all dies möglich gemacht. Bleibt die Frage: Wann hat je ein Schriftsteller «seiner» Stadt eine vergleichbar schöne Liebeserklärung gemacht? Capus beantwortet sie mit dem neuen Buch und der CD gleich selber. Er zeichnet Olten in «Der König von Olten» mitnichten in rosaroten Farben oder wirft mit plumpen Komplimenten um sich. Das hätte ihm keiner abgenommen. Einheimische schon gar nicht. Im Gespräch sagt er auch, Wien, Paris, Vancouver, das seien Städte, in denen seine Frau und er sich ein Leben zu zweit sehr gut vorstellen könnten. Aber wer seine rund zwei Dutzend Geschichten gelesen hat, wer all die liebevoll erzählten Anekdoten über die braven Bürger, herzensguten Polizisten, wilden Kerle und bösen Mädchen aufgesogen hat, der hat eine ziemlich grosse Ahnung davon, wie dieses Olten funktioniert. Nach der Lektüre von Capus’ Buch hat man Olten begriffen. Per Definition nämlich, das schreibt er irgendwo, lässt sich das Oltnersein nicht wirklich erklären. «Ich habe vielfältige Empfindungen gegenüber dieser Stadt, denen man ruhig hundert Seiten widmen durfte», sagt er. Eine Stadt, die er als «im guten Sinne republikanisch» bezeichnet und deren Bewohner er mag, erst recht mit ihrer ganzen Unverblümtheit. «Das entspricht mir sehr.» Und vier Kinder, die wachsen in einer Kleinstadt nun mal besser auf als in Wien, Paris oder Vancouver.
König von Olten könnte jeder sein. Theoretisch. Weil in dieser Kleinstadt jeder mit jedem verbandelt ist. Irgendwie. Indes: Der König von Olten existiert sehr real, steckt in einem Katzenkörper und ist, oberflächlich betrachtet, nichts anderes als eine Katze. Sein Gebaren aber ist zutiefst menschlich. Etwa dann, wenn er sich, so Capus’ Schilderung, inmitten der Altstadt, in der Hauptgasse, in einer Weise hinstellt, die dem Zweibeiner suggeriert, er solle sich, ganz wie Katz’, doch bitte den Wänden entlang fortbewegen. Capus schreibt im Buch: «Wenn Toulouse ein Auto entgegenkommt, spreizt er sprungbereit die Vorderbeine und faucht, bis der erschreckte Automobilist vor dieser Machtdemonstration kapituliert und demütig den Rückwärtsgang einlegt...» Toulouse ist aber auch ein Meister im Öffnen von Türklinken (er springt aus dem Stand hoch zur Klinke, klammert sich fest und stösst sich gleichzeitig mit einer Hinterpfote vom Türrahmen ab – der Autor schwört: er hats selber gesehen) und im Auslösen von Alarmanlagen (weil er jeden Platz in der Altstadt immer und überall als den seinen erklärt, streckt er schon mal nächtens seine Glieder. Auch in öffentlichen Gebäuden – mit Sensoren...). Der schwarzweisse Kater und Namensgeber für das Buch existiert also wirklich. Die in «Der König von Olten» enthaltenen Geschichten sind zwischen 2002 und 2009 publiziert worden; Capus hat deren Inhalte mit Blick aufs Erscheinen in Buchform, was so nicht geplant gewesen war, nicht aktualisiert. Er erzählt vom alltäglichen Wahnsinn, der auch in Olten spielt. Und schreibt stets entlang der Linie zwischen Wahrheit und ein ganz klein wenig Flunkerei.
«Olten ist eine tolerante Stadt. Man hat mich hier auch in meinen unruhigen Zeiten geduldig ertragen.» Der 47-Jährige lächelt. Manchmal ists halt eben doch ein Balanceakt für einen wie ihn, in der Kleinstadt seine Unabhängigkeit zu bewahren, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Das ist ihm wichtig und dabei kommt ihm entgegen, dass er kein Vereinsmensch ist. Wie die Stadt in 20 Jahren aussehen könnte? Sie werde grüner sein als jetzt, glaubt er, die Hälfte mehr Einwohner haben, wieder eine echte Metropole der Region sein. «Die Menschen werden wieder in der Stadt leben wollen.» Auf die Frage, was er sich kurzfristig und sehr konkret für Olten wünschte, folgt keine Pause. «Eine Fussgängerzone vom Hammer bis zum Bifang, um die beiden Stadtteile zusammenzuführen. Zwei Kilometer lang, flaniert, grün. Und wenn man dafür den Winkel sprengen müsste...» Und wo er grad so schön am Planen ist: Mit grossem Zubringer zum Bahnhof statt des peinlich schmalen Trottoirs, das heute zur Fachhochschule führt. Er sagt aber auch dies, und es ist durchaus als Kompliment gemeint: Wenn der Reporter aus Zürich erst einmal in Olten sei, müsse er, Capus, sich nicht rechtfertigen. Ohne einen Franken vom Kanton «Schreiben Sie ruhig, dass wir vom Staat keinen Franken erhalten wollten», sagt Capus. «Der König von Olten» sei «durch und durch» eine Oltner Produktion. In der Tat: Capus und der Verleger Thomas Knapp sind alte Sandkastenspezies. Deshalb erscheint das Buch ausnahmsweise nicht im Münchner Knaus Verlag, sondern in Olten, bei Knapp, dessen Buchverlag in den letzten Jahren zum grössten des Kantons Solothurn gewachsen ist. Mit Jörg Binz, der den Umschlag gezeichnet hat, ist Capus von Kindesbeinen an befreundet. Und die Söhne von Tontechniker Roman Wyss gehen mit Capus’ Söhnen zur Schule. Olten eben, wo jeder mit jedem... Kein Wunder, spricht Thomas Knapp ganz ohne Koketterie von einem Meilenstein, von «grossen Gefühlen», die mit diesem Vorhaben einher gegangen seien. Natürlich sei es auch für ihn eine emotionale Angelegenheit, ergänzt Capus. Wenn man mit einem Kindergartengspänli ein solches Projekt aufgleise, sei dies von «besonderer Nachhaltigkeit», von einer «speziellen Qualität». Natürlich sei sein Buch eine Oltner Geschichte. «Aber hundert Mal Olten ist eben auch Zürich oder Berlin», erklärt der Autor, weshalb sein Buch nicht nur für Oltnerinnen und Oltner lesenswert sei. Letztlich, sagt Alex Capus, sollen die Menschen einfach Spass haben, wenn sie seine Geschichten lesen.