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Presseschau - Schweizer Familie, 22. April 2009

Majestät Miau

Olten hat einen König, der jetzt schon Stadtlegende ist: Kater Toulouse. Und der König hat einen Hofberichterstatter. Schriftsteller Alex Capus hat ein Buch über den König und sein Reich verfasst.

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Will man den König treffen, geht man früh am Tag über die alte Brücke, dann die Marktgasse hoch zum Ildefonsplatz und wartet. Vielleicht hat man Glück, und er steht gerade vor der Tür der Waadtländerhalle und wundert sich, weshalb ihm noch nicht der Hof gemacht wird. Vielleicht ruht er auch im Schatten des markanten Turmes und will in Ruhe gelassen werden. Oder er blickt einen kurz an. Dann darf man sich etwas geehrt fühlen. Aber damit hat es sich denn auch. Wer auf einen freundlich hingeschnurrten Morgengruss hofft oder auf ein freundliches Aufblitzen in seinen Augen, hofft vergebens. Die Audienz ist beendet, bevor sie begonnen hat, der König kneift in hochmütiger Ablehnung die Augen zusammen, macht rechtsumkehrt und schreitet von dannen. Elegant und mit federndem Schritt, den Kopf hoch erhoben und gehüllt in eine Aura kühler Unnahbarkeit, die er trägt wie andere eine mit Zobel verbrämte Purpurrobe.

Auf dem Weg zur Stadtlegende

Was ein rechter König ist, versteht es, Distanz zu halten. Und Kater Toulouse ist ein rechter König, das weiss jeder und jede im Ort. Toulouse ist der König von Olten, eine Majestät in Schwarzweiss, ungekrönt zwar, aber, wie es regalen Gepflogenheiten entspricht, auf prätentiöse Art abweisend und eigensinnig und manchmal auch etwas verrückt. Das jedenfalls sagen jene, die ihn näher kennen. Stadtbibliothekar Rast etwa, dessen Etablissement gehobener Bildung der König in grosser Regelmässigkeit zu frequentieren pflegte. Denn Toulouse scheint ein überaus bildungsbeflissener Monarch zu sein. Deshalb wohl hatte er sich einmal in der Bibliothek einschliessen lassen. Und als dann gegen vier Uhr morgens sein ärgster Bildungshunger gestillt und der letzte Wissensdurst gelöscht war, löste er mit nonchalanter Selbstverständlichkeit Alarm aus, setzte sich auf den Teppich bei der Tür, leckte sich die Pfoten und wartete seelenruhig darauf, dass die Polizei ihm erst Tür und Tor öffnete und ihn dann in die Nacht hinaus entliess.

Seit jener Nacht hat Stadtbibliothekar Rast nicht nur etwas zu erzählen, sondern auch stets eine Riesenrätsche in Griffweite. Denn sollte den König wieder einmal der Bildungsdrang um- und in die Bibliothek treiben, würde er ihn mit einem derartigen Krach empfangen, dass ihm jegliche Lust auf Wissensaneignung auf der Stelle vergehen würde.

Der König und der Schriftsteller

Als Toulouse, König von Olten, sich in besagter Nacht auf- und davonmachte, waren dies bloss kleine Schritte für ihn, aber die ersten zu einer vielversprechenden Karriere als Stadtlegende. Und weitere folgten. Etwa jene, die ihn in die Spittelschür führten. Nicht beabsichtigt war, dass das vorab bei Fasnächtlern beliebte Säli damals nicht gerade stark genutzt wurde, worauf der Könige unfreiwillig einige Tage und Nächte hatte verbringen müssen. Als man ihn endlich aus seiner misslichen Lage befreit hatte, stellte man mit Erstaunen fest, dass der Kater sein Geschäft, auch das gröbere, stets und gewissenhaft in der Toilette erledigt hatte. Wo denn sonst? Reinlichkeit ist schliesslich eine Zier der Könige. Das hatte er vielleicht während seiner langen Nacht in der Bibliothek gelernt, wer weiss, es könnte ja durchaus sein, dass er dort im Knigge geblättert hatte.

Auch Alex Capus gehört zu jenen, die den König besser kennen. Der Oltner Schriftsteller, spätestens seit seiner literarischen Beschäftigung mit dem «Munzinger Pascha» bestens vertraut mit Paschas aller Art, ist längst selbst eine Berühmtheit, und wenn er König Toulouse in seinem neuen Buch respektvoll Reverenz erweist, tut er dies auf Augenhöhe. Doch als überzeugter Republikaner und senkrechter Demokrat richtet er sein Hauptaugenmerk weniger auf den König selbst als auf dessen Untertanen und deren Geschichten, Biografien und Lebensentwürfe. Diese hat er in einer liebevoll zusammengestellten Sammlung literarischer Miniaturen festgehalten.

Capus kennt die Oltner und deren Geschichten,
und im Ort kennt man auch ihn. Capus weiss Bescheid. Weil ihn interessiert, was im Ort läuft. Weil er ein Teil von Olten ist. Weil ihm die Stadt Heimat,
Bühne und Geschichtenfundus zugleich ist. Weil ihm der Wind jeweils die Neuigkeiten zuträgt. Und wenns der nicht tut, dann tun es eben die Leute.

Der Herr Zeltner beispielsweise, der pensionierte Polizist, von dem Capus sagt, er sei der gütigste Stadtpolizist gewesen, den Olten je gehabt habe. Der nämlich hat ihm die Geschichte von Toulouse gesteckt, dem schwarzweissen Kater der Familie Köpfli, der in sämtlichen Häusern der Altstadt ein und aus gehe, als wäre er der leibhaftige König von Olten.

 

Intimes vom König

Nun, nimmt man es ganz genau, ist der König bloss ein Hochstapler. Denn Toulouse ist nicht etwa ein von Gott gesalbter Kater, sondern eine schlichte Hof- und Wiesenkatze aus einem Wurf Gescheckter aus dem Berner Oberländischen. Dort hat ihn Frau Köpfli von der Papeterie Köpfli aufgelesen und mit nach Olten gebracht. Weil das Kätzchen es ihr angetan hatte und weil ihr Enkel Angelo schon lange eine Katze hatte haben wollen.

Damals hiess Toulouse übrigens auch noch nicht wie der Maler oder die südfranzösische Stadt, damals war er einfach der «Luser», der Lausbub. Der noblere Name hat sich erst im Laufe der Zeit ergeben. Gut, vielleicht hat er auch schon immer in ihm gesteckt und einfach etwas Zeit gebraucht, um sich nach der Katerpubertät herauszuarbeiten, aber wer weiss das schon.

Das Lausbubenhafte ist ihm allerdings auch als König nicht abhanden gekommen. So wenig wie das Triebhafte. Eigentlich sei er ja kastriert, der Toulouse, sagt Frau Notaris, Angelos Mutter, doch irgendwie müsse er dies verdrängt haben, denn noch immer gehe er mit Inbrunst auf jedes Kissen los und auf alles Mögliche, und es sei ein Wunder, dass es noch nie zu irgendwelche Beanstandungen gekommen sei.

Nur gut, sind diese intimen Enthüllungen dem König nicht zu Ohren gekommen. Er hätte es nicht goutiert. Denn Toulouse, König von Olten, ist kein Streichelbüsi, anfassen lässt er sich nicht, und wenn ihm einer mal zu nahe oder gar mit «Büselibüseli-herzige-Chatz-du» kommt, faucht er wie ein Drache und zeigt die Krallen.

Und Capus, der es ja wissen muss, erzählt, dass der Kater auch bei normalen Begegnungen nicht etwa nach Katzenart die Wände entlanghusche, sondern mitten auf der Gasse stehen bleibe und einem herausfordernd hinterherschaue, als ob er mindestens ein Leopard wäre.

Es zieht eben nicht jeder König ständig die Herzkarte, nicht jeder will von allen geliebt und gehätschelt werden, im Gegenteil, es gibt welche, denen genügt es, mit Würde sich selbst zu bleiben, egal, wer immer sie auch sind. Das sind die wahren Könige. Und Toulouse ist einer von ihnen.

Jassen beim Tiger

Allerdings ist er ein König ohne Dach, der Schwarzweisse. Früher einmal lebte er an der Marktgasse, heute auf der Strasse. Nicht, weil er müsste, sondern weil er es will. Denn als seine Gastfamilie samt Papeterie aus der Altstadt wegzog, verdross ihn dies über alle Massen. Er streikte. Bockte. Machte nicht mit. Wann immer er konnte, büxte er aus und machte sich zurück in sein Reich zwischen Oberem Graben, Klosterplatz, Zielempgasse und Salzhüsliweg. Natürlich holte man ihn immer wieder zurück. Klar, sperrte man ihn jeweils ein, aber es half nichts. Also hatte man ein Einsehen und liess den Kater sein, wie er war – ein ungebundener Strieli, ein königlicher Freigeist, der überall wohnt und nirgends und dem auch überall aufgetischt wird.

Etwa in der Waadtländerhalle. An jenem Vormittag, als Capus und ich um eine Audienz beim König ersuchten und dessen Fussspuren bestaunten, die er einst in einen frisch gemauerten Fenstersims hinterlassen hatte, trafen wir ihn vor der geschlossenen Tür des Restaurants. Er blickte kurz zu uns, sprang dann aus dem Stand zur Türklinke hoch, hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran und stiess sich mit den Hinterbeinen von der Wand ab. Vergebens. Die Tür blieb geschlossen. Es war noch zu früh fürs Katzendinner. Leicht frustriert, aber nicht ohne Grandezza strich er die Fahne und machte sich gemessenen Schrittes davon.

Am Donnerstagabend um fünf dür e er dann im Lokal angetro en werden. Dann nämlich tre en die Stammtischler sich zum Jass, ein Spektakel, das sich der König nie entgehen lässt. Jeden Donnerstagabend hockt er in der Waadtländerhalle, beobachtet Jasser, Karten und Spielzüge, und wenn der Funke überspringt, lässt er, der sonst so Unnahbare, sich auch mal hinreissen, dem einen oder andern auf den Schoss zu springen.

Weshalb er zum Jassen ausgerechnet die Waadtländerhalle aufsucht, weiss niemand. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Besitzer Grolimund seit seiner Zeit als Wasserballer «Tiger» genannt wird.

Ein Denkmal für den König

Kein Zweifel, Toulouse, König von Olten, ist auf dem Weg, eine Berühmtheit zu werden. Wie Capus, sein Hofberichterstatter. Aber im Gegensatz zum Schrftsteller hat es der Kater bereits zu einem Denkmal geschafft.

In der Suteria, der Confiserie an der Hauptgasse, wo man mit Oltner Bsetzisteinen, Stadtbildli und anderen lokalen Spezialitäten aufwartet, gibt es den König von Olten nämlich bereits als Schokoladefigürchen. Er nimmt sich überaus putzig aus, das muss man sagen, und er soll sich auch nicht schlecht verkaufen. Herr Kaiser, der Geschäftsführer der Suteria, ist jedenfalls durchaus zufrieden. Ein Kater als König sei schliesslich auch ein Glücksfall, meint er, der Stadtpräsident als Schoggihase würde sich vermutlich weit weniger gut machen.

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