Zuweilen sagen mir die Leute, worüber ich eine Geschichte schreiben soll. Darüber freue ich mich, und manchmal versuche ich es auch, aber meistens schreibe ich dann doch etwas anderes. Herr Zeltner zum Beispiel, dem ich häufig auf meinem allmorgendlichen Gang zum Postamt begegne, empfahl mir kürzlich, doch etwas über den schwarzweissen Kater der Familie Köpfli zu schreiben, der in sämtlichen Häusern der Altstadt ein und aus geht, als wäre er der König von Olten. Ich versprach, mir die Sache zu überlegen, denn Herr Zeltner ist der gütigste Stadtpolizist, den Olten je gehabt hat. Generationen von Kindern haben bei ihm Verkehrsunterricht gehabt, und alle haben ihn geliebt und niemand musste ihn fürchten. Seit er pensioniert ist, fliegt er zweimal jährlich nach New York, weil seine Tochter da mit einem Kadermann der UBS verheiratet ist. Dann spielt er mit den Enkeln und macht sich im Haus nützlich, und manchmal besucht er aus beruflicher Neugier die Kollegen von der New Yorker Polizei, zeigt seinen alten Oltner Polizeiausweis und lässt sich auf der Wache herumführen. Einmal durfte er sogar in einem amerikanischen Polizeiwagen fahren. In letzter Zeit aber gefällt ihm Amerika nicht mehr. Die Kontrollen, das Misstrauen, die Bürokratie. Letztmals musste er am Airport stundenlang Durchsuchungen und Verhöre über sich ergehen lassen, weil er eine metallene Fischerspule im Handgepäck hatte. Drei, fünf, sieben Sicherheitsmänner hintereinander musste er mühsam von der Harmlosigkeit des Gegenstands überzeugen, der original in Zellophan verpackt in seinem Koffer lag, und immer kam noch ein Sicherheitsmann zum Vorschein, der die Fischerspule misstrauisch beäugte, während die Abflugzeit bedrohlich näher rückte. In höchster Not griff Herr Zeltner in die Brieftasche und wies sich mitten im Kennedy Airport als pensionierter Oltner Stadtpolizist aus – und dann war plötzlich alles in Ordnung: Die Fischerspule war keine Bombe mehr und Herr Zeltner kein Terrorist, und der Flug verlief ruhig und Herr Zeltner traf wohlbehalten wieder in Olten ein. Was nun die schwarzweisse Altstadtkatze, den König von Olten, betrifft, so wäre die ein ergiebiges Thema, da hat Herr Zeltner recht.
Alex Capus – Weltenbummler und Oltner
«Über die Jahre habe ich festgestellt, dass meine Helden allesamt gewöhnliche Menschen sind, die ungewöhnliche Dinge tun. Was mich beschäftigt, ist der Mensch, der sein Leben in Würde zu leben versucht.» Diese Aussage von Alex Capus über sein Schreiben trifft für seine neues Buch ebenso zu wie für seinen ersten Erzählband Diese verfluchte Schwerkraft (1994). Literarisch auf sich aufmerksam gemacht hat Capus vor allem mit historisch verankerten Romanen und Erzählungen. Begonnen mit Munzinger Pascha (1997) über Die Patriarchen (2006) bis zu Eine Frage der Zeit (2007). Capus wurde 1961 als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Seine ersten fünf Lebensjahre verbrachte er in Paris. Sein Grossvater war Polizeichemiker, vielleicht nicht unerheblich für den König von Olten. 1966 zog er mit seiner Mutter nach Olten. Dort lebt er heute mit seiner Familie.