Werner De Schepper
Karl’s kühne Gassenschau bringt die Massen nach Olten. 150 000 Besucher genossen schon das Freiluft-Spektakel auf dem rückgebauten Areal des früheren Zementwerks. Mit 24 Hektaren ist es die grösste Siedlungsbrache mitten in einer Schweizer Stadt. Das weckt nicht nur bei Gauklern und Künstlern kühne Fantasien. Vieles hätte dort Platz: eine Sport- arena, ein Vergnügungspark, eine grüne Event-Oase oder einfach ein durchmischter Wohn-, Arbeits- und Freizeitplatz.
Kein Wunder, regten die Stadtväter vor zehn Jahren einen Ideenwettbewerb an. Doch als die Besitzerin des Riesenareals vor zwei Jahren eine Denkpause verkündete, legten auch die Politiker eine Pause beim Denken ein. Bei den Wahlen im Frühjahr war Südwest kein Thema mehr.
Nun wurde bekannt, dass der national tätige «Schnellbauer» Leopold Bachmann das Gelände vom Betonfabrikanten Holcim kauft, um dort billige Wohnungen für bis zu 6000 Personen hinzustellen. Olten hätte so innert weniger Jahre einen Drittel mehr Einwohner.
Im Stadthaus rieb man sich die Augen und liess treuherzig verlauten, man freue sich sehr, dass ein Investor bereit sei, hier Geld auszugeben. Auch im Volk rieb man sich die Augen. Nur tönte es da ganz anders: Das kann doch nicht sein, dass ein einziger Mensch ein ganzes Stadtviertel nach seinem Gusto «schnell und billig» hochziehen darf.
Für jeden Velounterstand und jeden Sonnenkollektor brauchts ein Baugesuch. Aber ein Projekt, welches das Gesicht der ganzen Stadt verändert, geht durch wie Butter. Das wollte der Oltner Schriftsteller Alex Capus nicht akzeptieren. Die kleine Stadt ist seine grosse Liebe, sein Buch «Der König von Olten» seine Liebeserklärung.
«Der König von Olten» ist auf Platz 1 der Schweizer Buchhitparade und wer im Städtchen vom «König von Olten» spricht, meint oft auch den Schriftsteller. Aber Capus will nicht als «König von Olten» der Hofnarr der Stadt sein. Am Tag, als die SP die Gemeindewahlen verlor, trat er der Partei bei. Der «König» zeigte, wo er steht.
Worüber sich mein Freund Capus abends bei Rotwein aufregte, darüber nervte er sich jetzt auch am Tag. Besonders über die einfallslosen Pläne zu Olten Südwest. Zusammen mit seinem ehemaligen Schulkameraden und FDP-Gemeinderat Stefan Nünlist lancierte er die Volksmotion «Kein Ghetto in Olten Südwest». 480 Bürger unterschrieben innert Tagen. Alle Jungparteien ausser der SVP kämpfen jetzt für ein anderes, buntes Südwest. Dieser Protest ist ein Test der direkten Demokratie. Wird Olten Südwest ein Fest?