Man hatte mich gewarnt. Er sei ein «unsympathischer» Zeitgenosse, meinte eine Kollegin vor dem Treffen. Der erste Eindruck schien das Urteil zu bestätigen. Auf meine telefonische Anfrage antwortete Alex Capus mit schallendem Gelächter. Dann sagte er zwar zu, machte aber Auflagen: «Sie wollen mit dem Auto nach Olten kommen? Das ist unnötig.» Eine eher unnötige Bevormundung, möchte man meinen. Ich studierte den Fahrplan, entdeckte, dass die Fahrt von Zürich nach Olten nur 30 Minuten dauert, stieg, den Stachel des automobilen Stolzes niederhaltend, in den Zug, traf Capus, reiste nach drei Stunden wieder zurück und muss gestehen: Der Mann hatte recht.
Und meine Kollegin unrecht. Denn Alex Capus ist einer der umgänglichsten, leutseligsten Schriftsteller des Landes. Eine gewisse Volkstümlichkeit, eine menschenfreundliche Nähe zu den Leuten auf der Strasse – in ihrer grossen Mehrheit weder Schriftgelehrte noch Szenegänger der Kultur – zeichnen ihn aus und müssen mitbedacht werden beim Versuch, den phänomenalen Erfolg zu erklären.
«Der König von Olten» stellt die literarische Schweiz vor ein Rätsel, es ist ein Frühsommermärchen, wie es nicht alle Tage vorkommt. Niemand hatte den Sturm an die Spitze erwartet, nicht einmal der Autor selber. Das schmale, winzige Bändchen (115 Seiten, 11 × 17,5 cm) ist vermutlich eines der unscheinbarsten Bücher, die es je auf Platz eins der Schweizer Bestsellerliste schafften. Erschienen Ende April, war die Auflage von 10'000 Stück vier Wochen später weg. Bis heute sind über 15'000 Exemplare verkauft worden. Capus verwies Donna Leon, Nicholas Sparks, Judith Hermann, Martin Suter auf die Plätze.
Der Erfolg ist umso überraschender, als die im «König von Olten» versammelten Geschichten bis auf zwei Ausnahmen alle schon irgendwo erschienen sind. Der Schauplatz der Handlung ist ebenso beschränkt wie der Wirkungsradius und die Werbemöglichkeiten des Verlags (Knapp). Das Buch handelt von Olten, und es ist von A bis Z von Oltnern gemacht.
Am Bahnhof kommt mir Capus entgegen, in ein spontanes Gespräch mit Passanten verwickelt, ein gestikulierender, blondgelockter Bär in Flip-Flops. Der 1,90 Meter grosse und 100 Kilogramm schwere Mann trägt ein weisses Leinenhemd, darüber ein Tweed-Jackett, Bluejeans. Mit seiner imposanten, vom Aare-Strandbad gebräunten Erscheinung entspricht er so gar nicht dem Bild eines blassen Schreiberlings. Man nähme ihm auch den Grosswildjäger ab oder den Holzfäller.
Bevor wir über Literatur reden, spricht Capus, Sohn eines aus Frankreich eingewanderten Lehrers, von Olten. Wir machen eine kleine Tour durch die Stadt, zu deren Chronist er mit dem neuen Buch endgültig geworden ist (schon in seinem Debütroman «Munzinger Pascha» fällt der Name des Städtchens auf der ersten Seite). Der Autor führt mich zur Rosengasse, einer Arbeitersiedlung aus dem späten 19. Jahrhundert. Eines der Häuser ist sorgfältig restauriert, gleich daneben überlässt man ein anderes dem Verfall, eine bewohnte Ruine. Pikant: Das Schandmal gehört der Bürgergemeinde, das Bijou dem Verein «Rettet die Rosengasse», einer Gruppe von «Freaks und Künstlern», darunter Alex Capus. Die Idealisten sind durchaus handfest vorgegangen: Sie haben eine Aktiengesellschaft gegründet, vermieten die Häuser zu günstigen Konditionen und verdienen erst noch ein bisschen Geld damit. Auch bei der Gestaltung eines Nachbarareals, das ein Immobilienhändler übernommen hat, haben sich die «Rosengässler» Mitspracherechte erkämpft.
Schnell wird deutlich: Alex Capus ist nicht nur eine Art freiwilliger, unbezahlter Stadtschreiber von Olten, er mischt sich auch in planerische Belange ein. Mit einem ehemaligen Schulkollegen hat er eine regelrechte Volksbewegung ins Leben gerufen, um ein weiteres Grossgrundstück, das Areal Olten Südwest, dem Zugriff eines Zürcher Investors zu entziehen. Der Fall sorge für «helle Aufregung» in der Stadt, berichtet Capus, nun ganz in seinem Element. Der Freisinn, in Olten traditionellerweise eher linksorientiert, hat verlangt, dass die Stadt das Grundstück kaufe – wogegen sich die damalige sozialdemokratische Baudirektorin, das «Hohelied der freien Marktwirtschaft singend», gewehrt habe. «Wenn sich die Grenzen verwischen», freut sich Capus, «wird die Politik interessant.»
Der Schriftsteller ist, nach der jüngsten Schlappe der Sozialdemokraten, die nur noch einen von fünf Stadträten stellen, zum zweiten Mal in seinem Leben der SP beigetreten. Die Niederlage am 19. April trifft die Partei hart: Sie hat die Macht in der Arbeiter- und Eisenbahnerstadt jahrzehntelang mit der FDP geteilt. Vor der Wahl hatte die SP im Stadtrat mit drei Sitzen die Mehrheit.
«Man hat als Citoyen eine gewisse Pflicht, sich einzubringen, gerade in einem bestimmten Alter», begründet der 48-jährige Vater von vier Kindern sein Engagement. In seinen «jungen Jahren» habe er sich «nur um die eigene Schreiberei gekümmert». Allerdings ortet Capus hier auch einen Konflikt: «Wenn ich mich im Tagesgeschäft engagiere, kann ich dann noch der ironisch-distanzierte Chronist sein?» Die Antwort lässt er offen.
Wir setzen uns an der Aare in ein Café. «Der Fluss», erklärt Capus, «ist Gravitationspunkt und gleichzeitig Niemandsland des Städtchens, eine unbetonierbare, anarchische Zone.» In der Geschichte «Mein Olten», einst für die Weltwoche geschrieben, sagt der Erzähler: «An diesem Fluss habe ich alle grossen Dinge meines Lebens getan: mein erstes Mädchen geküsst, die erste Zigarette geraucht, den Tod meines Grossvaters beweint, meine Frau erstmals geküsst und die Geburt meiner Söhne gefeiert.»
In seinen Geschichten ist Capus ganz nah dran an Olten und dessen Bewohnern, so nahe, dass nun schon Touristen mit dem Büchlein in der Hand durch die Stadt laufen. Die ortstypischen Gerüche sind ihnen nach der Lektüre ebenso vertraut wie die Lieblingsbeizen des Autors, das «Stadtbad», der «Rathskeller».
Später stösst Thomas Knapp zu uns, der Verleger. Er hatte gehofft, bis Weihnachten 4000 Exemplare verkaufen zu können was gereicht hätte, um «rauszukommen». Knapp beobachtet, dass «Leute das Büchlein kaufen, die sonst kaum lesen». Offenbar spreche das «Kleinstädtische, Einfache» viele Leser an. Capus gebe dem «Durchschnitts-Oltner» eine Stimme. Und damit dem Durchschnitts-Mittelländer. Und dem Durchschnitts-Schweizer.
Capus selber sieht sich als «eine Art volkstümlicher Autor», der vor allem eines tut: Geschichten aufschreiben. «Ich will die Welt im Indikativ erzählen, so, wie sie ist oder wie ich sie sehe.» Mit Selbstbeschreibungsprosa hat er nichts am Hut. Die Bücher des ehemaligen SDA-Journalisten sind welthaltig, ob sie nun in Olten oder in Afrika spielen. Die Leser danken es ihm: Capus gehört zu den wenigen Schweizer Schriftstellern, die ohne Subventionen auskommen.
Sein Erfolg ist auch ein Triumph der Suisse profonde, der Provinz und ihrer ganz normalen Bewohner – obwohl es «die Provinz literarisch nicht gibt»: «Die Romane von Tschechow, Dostojewski, Tolstoi, Flaubert spielen alle nicht in Metropolen.»
Olten, plötzlich wieder auf die literarische Landkarte katapultiert, kann durchaus stolz sein auf seine Tradition. Capus ist im selben Hochhaus aufgewachsen wie Rolf Lappert. Auch ein Peter Bichsel stammt von hier, ein Franz Hohler, ein Ulrich Knellwolf. Der Walter-Verlag gehörte zu den führenden Häusern im deutschsprachigen Raum, die Gruppe Olten prägte das Bild der Schweizer Schriftsteller in der Öffentlichkeit. Das Schweizer Buchzentrum ist in einem Vorort angesiedelt. Seit ein paar Jahren gibt es hier eine Buchmesse.
Der Oltner Literat der Stunde aber heisst Alex Capus. Immer wieder wird er von Passanten gegrüsst. Ein Mann fragt ihn nach dem Stand der jüngsten Unterschriftensammlung. Eine Frau in dunkler Sonnenbrille kommt an unseren Tisch, zieht die Brille aus und sagt: «Alex, ich bin deine Tante aus Amerika.»
Übrigens: Capus’ neuer Roman, der im nächsten Jahr erscheinen soll und von Insidern bereits hoch gelobt wird, spielt «ganz sicher nicht in Olten». Ziemlich sicher aber wird auch er auf der Bestsellerliste landen.