Coopzeitung: Der «König
von Olten» stand auf
Platz 1 der Schweizer
Buch-Charts – was ist da
passiert?
Alex Capus: (lacht) Das ist
die allergrösste Überraschung
für uns. Das
Buch ist ja im kleinen Oltner
Knapp-Verlag erschienen.
Thomas Knapp und
ich, wir haben zusammen
den Kindergarten besucht.
Er ist ein Oltner Verleger,
ich bin ein Oltner Schriftsteller
– wir dachten, jetzt
machen wir mal zusammen
ein Buch. Wir haben
aber nie geglaubt, dass
sich das ennet Trimbach
und Wangen auch noch
verkauft.
Die «Weltwoche» hat Sie als die «Stimme der Nichtleser» bezeichnet. Ich nehme das als schönes Kompliment. Die Leute sagen mir: «Ich lese sonst keine Bücher, aber das habe ich jetzt gelesen und es hat mir gefallen.» Gibt es etwas Schöneres?
Was hat es auf sich mit
der Katze, die der König
von Olten ist?
Das Ganze hat ja als Coopzeitung-Kolumne angefangen. Ich habe mal eine
erste Folge geschrieben
über den Herrn Zeltner,
meinen Nachbarn, und
die Katze. Daraus hat es
sich entwickelt. In der
Coopzeitung hat das eine
Eigendynamik angenommen.
Ich habe fast ein
Jahr lang über diese Altstadt-Katze geschrieben,
eben den König von Olten,
der übrigens überall seine
Prinzen hat.
Was interessiert Sie an
Figuren wie dieser Katze
oder dem Herrn Zeltner?
Es ist die grosse Nähe zu
den Menschen, die ich genau
kenne. Ich weiss, wie ihr Haus aussieht und wo
sie ihr Tessiner Brot kaufen.
Das gibt eine Vertrautheit
und Intimität, die einem
hilft, etwas Schönes
zu schreiben, das andere
nachempfinden können.
Viele Dichter werden zum
Nestbeschmutzer, wenn
sie über ihre Heimat
schreiben – sind Sie ein
Heimatdichter?
Ich bin auch schon als
Nestbeschmutzer von Olten
bezeichnet worden,
vom Stadtpräsidenten
zum Beispiel. Das kann
es schon geben. Ich glaube,
es ist wichtig für einen
Schriftsteller, dass man sich bei aller Liebe nicht
vereinnahmen lässt, dass
man unabhängig und unbestechlich
in seiner Beobachtung
bleibt. Trotz
der Nähe – das ist das
Kunststück. Wenn man
zum Heimatdichter wird
und den Ort nur noch in
einem verklärten, rosa
Licht sieht, dann hat man
als Künstler verloren.
Trotzdem: Haben Sie ein
ungetrübtes Verhältnis zu
Olten?
Ich habe ein gutes Verhältnis
zum «Schtettli» und ich
glaube, das gilt auch umgekehrt.
Manchmal gibt es
auch Ärger, aber bei einer
so alten Liebe sollte man
das verkraften können.
Ist Ihr Olten das wirkliche
Olten oder eine Art
Seldwyla?
Es hilft, wenn man etwas
genau kennt, wenn man
darüber schreiben möchte. Olten ist wie Aarau,
Burgdorf, Wil oder Moutier
– Olten ist überall. Da
gibt es nur kleine Unterschiede.
Und die grösseren
Städte sind einfach zehn
Mal Olten hintereinander.
Der Mensch ist überall der
gleiche.
Einige Ihrer Bücher spielen
in Afrika, «Munzinger
Pascha» zum Beispiel,
oder «Eine Frage der
Zeit». Warum Afrika?
Was mich interessiert, sind
Geschichten über Menschen.
Ob die in Olten
wohnen oder in Honolulu,
das ist mir gleich. Das Objekt
ist dann ja nicht Afrika,
sondern meine Helden.
Munzinger Pascha,
das war ein Oltner, den es
wirklich gegeben hat. Für
ihn interessiere ich mich,
seine Konturen treten in
der Fremde einfach umso
schärfer zu Tage.
Sie haben sich in letzter
Zeit in die Politik eingemischt
in Olten. Warum?
Es gab einen konkreten
Anlass: Das weitere
Schicksal einer ehemaligen
Zementfabrik, die ich
seit vielen Jahren mit meinen
Kindern als Robinson-
Spielplatz gebraucht habe,
und wo jetzt dann mal etwas
passieren muss. Die
Behörden von Olten haben
da einige Chancen
verpasst. Es hat mit mir
persönlich zu tun, vielleicht
mit dem Lebensalter.
Ich bin jetzt Ende
40 und habe mich bisher
mehr um meine Familie
und meine Schriftstellerei
gekümmert und muss mir
jetzt eingestehen, dass das
nicht ganz ausreicht. Dass
man sich also als Bürger in
diesem Staatswesen engagieren
muss. Ich habe
mich deshalb eingemischt
in die Debatte um die Zementfabrik
und kann jetzt
nicht einfach wieder aufhören.
Es ist also nicht so sehr
ein politisches als ein persönliches
Engagement?
Nicht persönlich, aber lokal.
Der Anstoss ist eine
konkrete, lokale Frage. Im
Lokalen ist die Sachpolitik
greifbar. Es geht um Sachfragen,
das ist das Schöne
daran. Ich möchte keine
ideologischen Debatten
führen. Auch weil man in
den letzten Jahrzehnten
immer wieder gesehen
hat, dass sich auch grosse
Schriftsteller mit grossem
Pathos verrennen können,
wenn es um Ideologie
geht.
Sie haben vier Kinder –
lesen Ihre Kinder Ihre
Bücher?
Der Älteste, er ist 19, der
liest sie und gibt danach
jeweils einen wortkargen
Kommentar ab. Die anderen
Kinder lesen noch
nicht.
Und Ihre Frau?
Sie möchte, dass ich gelegentlich
eine Pause mache.
Ich habe in elf Jahren
immerhin elf Bücher gemacht
und das ist schon
etwas viel. Zuweilen merke
ich, dass ich müde bin.
Gerade wenn ich noch lange
auf Lesereise muss. Da
wäre es schon gut, wenn
ich mal zwei, drei Monate
kürzer treten könnte.
Sie arbeiten aber bereits
an Buch Nummer 12?
Ja. Es ist ein Roman, der
bis in einem Jahr fertig
sein soll.
Gibt es keine Fortsetzung
zum «König von Olten»?
An den König von Olten
anzuknüpfen wäre ganz
falsch. Das hatte mehr Erfolg,
als man sich wünschen
könnte – es könnte
aber nur schiefgehen,
wenn man da eine Fortsetzung
schreiben würde.