Die Reitnauerin Doris Smonig-Klauser beschreibt in ihrem ersten Buch «Bluttränen» Helenes Weg aus der Selbstverletzung. Eine wahre Geschichte, die unter die Haut geht.
Frau Smonig, wie lernten Sie Helene kennen und warum haben Sie ihre Geschichte aufgeschrieben?
2001 habe ich für die Fernsehsendung «Fenster zum Sonntag» einen Film über Helenes Schicksal gemacht. Zwei Jahre später rief sie mich an. Sie wollte, dass ich ihre Geschichte aufschreibe, ähnlich wie ich sie für die Fernsehsendung porträtiert habe. Ich sagte sofort zu: Einerseits, weil ich schon immer gern ein Buch schreiben wollte, und andererseits, weil mich Helenes Geschichte sehr berührt hat.
Wie ist es, sich so intensiv auf ein Schicksal einzulassen?
Es gab Momente, in denen mich ihre traurige Geschichte sehr belastet hat. Mein Mann, meine Hobbys, Beziehungen und meine Arbeit als Redaktorin halfen mir dabei, abzuschalten und Distanz zu wahren. Während dem Schreiben versenkte ich mich in Helenes Leben, konnte dann aber auch wieder auftauchen und die Geschichte beiseitelassen. Wie ich kürzlich in einem Interview mit einer bekannten Autorin gelesen habe, kann die Arbeit als Schriftsteller mit der Arbeit als Schauspieler verglichen werden. Dem kann ich nur beipflichten: Ich tauchte in Helenes Rolle, versuchte zu fühlen wie sie. Einmal strich ich mir mit einem Messer über den Arm, nur um zu erfahren, wie sich die Klinge auf der Haut anfühlt. Was mir auch sehr geholfen hat, ist die Tatsache, dass es Helene heute gut geht, dass sie sich nicht mehr verletzt.
Hätten Sie denn die Geschichte nicht geschrieben, wenn es kein «Happy End» gegeben hätte?
Es gibt eigentlich kein Happy End. Helene hat zwar ihre Depression überwunden, der jahrelange Medikamentenkonsum und die Selbstverstümmelung haben an ihrem Körper Spuren hinterlassen. Sie leidet an Rheuma, Arthritis und Osteoporose. Aber sie hat einen Ausweg aus ihrer Depression gefunden, einerseits durch Therapie, andererseits durch ihren Glauben an Gott. Wenn sich Helene immer noch selbst verletzen würde, hätte ich keinen Grund gesehen, ihre Biografie aufzuschreiben. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die Mut macht und die vielleicht anderen Menschen weiterhelfen könnte.
War dies Ihr erklärtes Ziel?
Ja genau. Es gibt nichts, das ein Leben nicht mehr lebenswert macht! Grundsätzlich kann jede Person aus ihrem Leben etwas machen, wenn es ihr gelingt, sich nicht als Opfer zu sehen, sondern Verantwortung übernimmt. Irgendwie ist jeder einmal ein Opfer. Helenes Leben ist ein ermutigendes Zeugnis dafür, dass Veränderung möglich ist. Dabei spielt der Glaube auch eine sehr wichtige Rolle, als Halt und als Hoffnung. Mir persönlich ist der Glaube an Gott auch wichtig.
Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen und wie lange dauerten die Arbeiten?
Der Roman ist während den letzten sechs Jahren entstanden, die Geschichte hatte ich innerhalb eines Jahres geschrieben, die Suche nach einem Verlag und die Überarbeitung des Romans dauerten länger. Das Buch hat sechs Kapitel, pro Kapitel sass ich mit Helene etwa einen Tag zusammen, meist bei ihr zu Hause. Das war sehr anstrengend, ich trug haufenweise Notizen nach Hause. Wir haben auch die Orte ihrer Kindheit besucht, ihr Elternhaus, die Schule, ihr Lieblingsplatz im Wald. Und ich habe Personen aus ihrem Umfeld kennengelernt. Das alles ermöglichte es, mir ein umfassendes Bild von ihr zu machen und sie besser zu verstehen. Auch eine grosse Hilfe waren ihre Tagebücher, die sie mir überlassen hat. Viele Passagen habe ich leicht redigiert in die Romanbiografie aufgenommen.
Sie nannten Ihr Werk eine «Romanbiografie». Was ist Fiktion, was ist real?
Helene liess mir viele Freiheiten. Ihre Gefühle und die Geschehnisse im Roman, vor allem auch die Therapieprozesse, sind real. Helenes Geschichte ist eine wahre Geschichte. Die «Verpackung» der Biografie, zum Beispiel Beschreibungen von Personen und Orten, gewisse Handlungen der Geschehnisse und Gefühle sind zum Teil Werk meiner Fantasie. Auch zur Verfremdung!
Werden Sie in Zukunft noch weitere Bücher schreiben?
Ich habe Anfragen von Personen, die ihre Biografie von mir aufschreiben lassen möchten. Aber ich möchte gerne meine Fantasie ausleben und habe daher eher Lust, einen Roman zu schreiben. Im Moment stellt sich diese Frage aber nicht, da ich einen kleinen Sohn habe. Für ein neues Buch fehlt mir derzeit die Ruhe. Aber zu einem späteren Zeitpunkt sicher, ich schreibe sehr gerne.
Roman «Bluttränen»
Erst wenn das Blut fliesst, dann kommen die Tränen: Helene schneidet sich in Arme und Beine, um dem seelischen Schmerz ein Gesicht zu geben. Jahrelang ist das ihr Ventil, inneren Druck abzubauen. Die 27-jährige Frau besucht das Theologische Seminar, als sie an schweren Depressionen erkrankt, sich selbst zu verletzen beginnt und schliesslich in der psychiatrischen Klinik landet. Erst nach einem langen Prozess kommt der Ursprung ihrer Krankheit ans Licht. Die Narben aus ihrer Kindheit sitzen tief.
Zur Person
Doris Smonig-Klauser, geboren 1974, ist Lehrerin und Journalistin. Nach einigen Jahren verliess sie den Lehrerberuf und arbeitete als Redaktorin bei der Fernsehsendung «Fenster zum Sonntag». In dieser Zeit lernte sie viele Menschen und ihre Schicksale kennen und begann zu schreiben. Doris Smonig-Klauser ist verheiratet und Mutter eines kleinen Sohnes. Heute arbeitet sie Teilzeit als Lehrerin in Staffelbach.