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Presseschau: Sonntag / MLZ, 18. Oktober 2009

«Eigentlich wollte ich Ärztin werden»

Die berühmte Volkskundlerin Elisabeth Pfluger feiert nächsten Mittwoch ihren 90. Geburtstag

Sagen, Lieder und Tänze – die Passion der Autorin Elisabeth Pfluger klingt nach Musse und Leichtigkeit. Es steckt jedoch eine Menge Arbeit und Lebenserfahrung in dieser Arbeit. Am kommenden Mittwoch feiert die Volkskundlerin ihren 90. Geburtstag.

Im Niederamt sei es besonders schwierig gewesen, an Quellen zu kommen. «Wenn man in Heimatkunde nicht weiter kommt, ist es am gescheitesten, den Pfarrer oder auch Lehrer eines Dorfes auszufragen», weiss Elisabeth Pfluger. So gab das Niederamt doch noch eine Menge her. Manchmal hatte sie Listen mit Namen von möglichen Informanten. Elisabeth Pfluger «durchforstete» – wie sie es nennt – praktisch jedes Dorf im Kanton Solothurn nach Überlieferungen, auch im Thal: so kam es, dass sie einst im Spätherbst in Ramiswil im «Unger-Äbnet» vom Müller-Guschti bei miesem Wetter draussen stehen gelassen wurde, bis dieser nach ein paar Spässen «ach so, sie wollen mir gar keine Versicherung aufschnuren, dann kommen sie mal rein» gesagt habe.

Die ursprünglich aus Härkingen stammende Autorin feiert am kommenden Mittwoch ihren 90. Geburtstag. Ruhen will sie nicht, soll sie nicht, sie macht mit ihrer gewissenhaften Arbeit weiter. Bis letzten Dienstag war Elisabeth Pfluger allerdings mehrere Tage lang im Spital. Der Rücken hatte ihr arg zu schaffen gemacht, worauf sie zwingend in Reha musste. Ungern verbrachte sie die Zeit im Spitalbett.

Schon als Kind lernte Elisabeth Pfluger das Zuhören – in der Gaststube des «Pflug» Härkingen, wo ihre Eltern wirteten. «Wir hatten keine private Stube, und so machte ich meine Hausaufgaben dort», erinnert sich Pfluger. Manchmal habe sie halt lieber den Erzählungen der Gäste gehorcht als sich den Hausaufgaben zu widmen. Ihre Mutter brachte ihr bei, «den Faden zu geben», wie Elisabeth Pfluger erzählt: «Sie hat immer gesagt, du musst nicht von dir reden, sondern die Leute dazu bringen, von sich zu reden, so fühlen sie sich wichtig genommen. Die Leute möchten mit ihren eigenen Ideen ankommen.»

Klein-Elisabeth machte sich damals die ersten Notizen, weil sie ahnte, dass diese Geschichten einst vergessen sein würden. Zusätzlich wurden ihre Sinne durch Diskussionen geschärft, ihre Eltern waren liberale Zeitgenossen und liessen das Mädchen ausreden. «Sie waren gute Berater», sinniert sie. Ausserdem gab es da noch die Grosstante Bertha, auch bekannt als die «Gäuer Nachtigall», und die Grosseltern Rauber aus Wolfwil: «sie betrieben eine Mühle und waren Leseratten», erinnert sich Pfluger gerne zurück, schliesslich war und ist auch sie so eine «Leseratte», Bücher sind bekanntlich immer gute Diskussionsthemen.

Besonders beeindruckt war Elisabeth Pfluger von Deutschlehrer Josef Reinhart (1875–1957), der sie während der Lehrerinnenausbildung in Solothurn unterrichtete. Von ihm konnte sie eine Menge profitieren, auch er war publizistisch tätig gewesen. Seine Werke hiessen unter anderen «Im grüene Chlee. Neui Liedli ab em Land» (Bern: A. Francke, 1913) oder «Die Knaben von St. Ursen. Eine Bubengeschichte aus der Revolutionszeit» (Bern: A. Francke A.-G., 1928). 1908 gründete Reinhard die Jugendzeitschrift «Jugendborn», deren Ausgaben er bis zu seinem Lebensende redigierte. Elisabeth Pfluger bereut ihre Berufswahl keine Sekunde, aber: «insgeheim wollte ich Ärztin werden, doch das wäre finanziell niemals machbar gewesen», verrät sie.
Der Gäuerdialekt von Elisabeth Pfluger gilt als sehr rein. Ein Jahr lang stand sie deshalb dem ehemaligen Wangner Markus Husy, der demnächst das erste Gäuer-Wörterbuch publiziert, als Berater zur Seite (diese Zeitung berichtete). Doch wie ist es möglich, einen Dialekt «extern» dauerhaft zu wahren? Sie lebt schliesslich schon seit Jahrzehnten in der Kantonshauptstadt und nicht mehr im Gäu. «Ach, das kommt sicher noch von früher», meint Pfluger, denn da habe es schnell mal tadelnd geheissen: «Wie redest du denn da? Das ist kein Härkinger-Deutsch.» Ein undefinierbarer Dialekt sei als «Oltner Bahnhofbuffet-Deutsch» verspottet worden.

Bräuche gehören auch zum Hoheitsgebiet der Elisabeth Pfluger: So nervt sie zum Beispiel «Halloween» (siehe auch unter «Tagesschau Ja – Kriminalgeschichten Nein»). Und es nervt sie, dass die Fasnachtsbräuche im Gäu verfälscht wurden. Gerne erinnert sie sich an die Fasnacht der Dreissigerjahre und vorher zwischen Härkingen und Gunzgen: «Es gab ein grosses Fasnachtsfeuer, das Volk trat mit Laternen auf, es gab jeweils eine tolle Feier rund um das Feuer.» Habe der Wind von Gunzgen her geweht, versprach dies Trockenheit und viel Bise im kommenden Sommer. Während der Kriegsjahre seien diese Bräuche nicht mehr durchführbar gewesen. Nach 1945 seien sie dann zwar wieder aufgelebt, doch nicht mehr im ganzen Gäu und zum Teil in arg veränderter Form. «Traurig macht mich, dass das Verständnis für das Maitannli-Stelle völlig abhanden gekommen ist», so Pfluger, und: «Die immergrüne Tanne, bunt geschmückt, will doch ein langes, glückliches Leben wünschen.»
so Richtig Zeit für die Recherchen hatte Elisabeth Pfluger ab Anfang der Achtzigerjahre – sie war eine pensionierte Lehrerin und immer noch voller Elan. Ihr Schaffen war schon lange offiziell anerkannt, jetzt folgten die Auszeichnungen: 1981 erhielt sie den Kulturpreis des Kantons Solothurn, 2001 den Preis der Stiftung pro Wartenfels.

 

Nicht ausschliesslich Recherchen bestimmen den Alltag von Elisabeth Pfluger: Sie ist schon lange eine gern gebuchte Rednerin im Kanton, so beispielsweise bei der Eröffnungsfeier des Autobahnteilstückes Oensingen-Lenzburg im Jahr 1967. Es gab etliche DRS-Radiosendungen mit ihr, einmal ging es ausschliesslich um Tänze aus Laupersdorf. Als sie neulich für das Werk «he nu so de» hinters Mikrofon sass, war dies ihre Hörbuchpremiere.

Elisabeth Pfluger

Am 21. Oktober 1919 wurde Elisabeth Pfluger als jüngstes von vier Kindern im Restaurant Pflug Härkingen geboren. Ihre Eltern, das Wirteehepaar Richard Pfluger und Julie Pfluger-Rauber betrieben zusätzlich Landwirtschaft. Zudem war ihr Vater während dreissig Jahren Ammann der Einwohner- und Bürgergemeinde Härkingen. Ihre Eltern hätten immer eine sehr partnerschaftliche Beziehung gehabt, erinnert sich die Autorin. Bei Pflugers wurde angeregt diskutiert und die kleine Elisabeth horchte den Geschichten der Erzähler im Dorf. Schon als Kind machte sie sich die ersten Notizen Richtung Volkskunde. Damals gab es in Härkingen natürlich weder das Autobahnkreuz noch die Postzentren, es war ein beschauliches Gäuer-Dorf. Als «Härkinger Mädchen mit den langen Zöpfen» verbrachte Elisabeth Pfluger eine glückliche Kindheit zwischen Schule und Gaststube. Später wurde sie Lehrerin und macht ihre ersten Unterrichtserfahrungen in Italien. Als der Krieg 1939 ausbrach, kehrte sie zurück in die Schweiz und ergatterte sich eine Stelle in Neuendorf, «wo die Kinder sehr schüchtern waren», bevor sie dann jahrzehntelang in Solothurn unterrichtete, «wo es etwas frecher zuging». So richtig viel Zeit für die Volkskunde konnte sich Elisabeth Pfluger erst nach ihrer Pension 1981 nehmen. Sie recherchierte ausgiebig in jeder Gemeinde des Kantons Solothurn und sie brachte seither insgesamt 14 Bücher heraus und noch einige zusätzlich als Co-Autorin.

Am kommenden Freitag erscheint ein weiteres Werk: Eine Hommage an die Heimatkundlerin, geschrieben vom Chronisten Hans Brunner. Ein sehr vielseitiges Werk, das nächste Woche in dieser Zeitung näher vorgestellt wird.

Tagesschau Ja – Kriminalgeschichten Nein

Elisabeth Pfluger verbringt sehr viel Zeit mit Heimatkunde, und doch bleibt auch noch für anderes Raum offen. So liest sie momentan einen Ratgeber zum Thema: «Wie werde ich schlagfertig?». Leider habe sie die Schlagfertigkeit von ihrem Vater nicht geerbt: «Meist fallen mir erst im Nachhinein die guten Kontersprüche ein», bedauert sie. Sonst lese sie vorwiegend Heiteres, und dazu gehören natürlich keine Krimis: «Ich bin halt harmoniebedürftig», begründet sie. Erst seit vier Jahren besitzt die bald 90-Jährige einen Fernseher. Kriminalgeschichten sind auch hier kein Thema: «Ich will Gefreutes schauen». Dennoch steht bei ihr regelmässig die Tagesschau auf dem Programm. Ausserdem habe sie «blöderweise» schon zum zweiten Mal eine Serie angefangen. Süchtig danach sei sie allerdings nicht, «lesen geht vor».

Das OT hat Elisabeth Pfluger mit medial wichtigen Schlagworten und Namen der letzten Wochen konfrontiert, das waren ihre Antworten:

Naturkatastrophen «Der Umweltschutz wurde lange vernachlässigt. Allerdings gab es früher auch schon solche Ereignisse.»

Schweizer Fussballnati «Ich habe keinen Bezug zum Fussball.»

Banker «Die Boni, die sich die Herren zuschanzen, das ist doch Betrug. Ich finde es gemein.»

Wirtschaftskrise «Jetzt muss man grüsli schauen. In den 30er-Jahren war man auch schon mal so weit.»

Weltraumtourist «Angeberei.»

Barack Obama «Gefällt mir.»

Angela Merkel «Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie es so gut packt.»

Halloween «Ist doch Chabis! Im Ernst: was müssen wir einen Brauch einführen, der gar nicht aus unserer Kultur ist?»

 

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