Ein ganzes luftiges Stockwerk voller Bücher, am Donnerstagabend in behagliches Licht getaucht, ein gespanntes Lesepublikum, das zu Fuss durch die Nacht gekommen war, strahlend-stolze Behörden, im Lesesessel ein Schweizer Bestsellerautor, im Hintergrund eine blinkende Batterie Weingläser und noch warmes Gebäck: Das war nicht immer so. Vor exakt einem halben Jahrhundert startete die Gemeindebibliothek Hirzel mit einem Grundstock von 200 Büchern, weitere 300 stifteten gebildete Sponsoren und 80 steuerte der Leseverein bei.
1975 übernahm die Gemeinde die Verantwortung fürs Leseglück ihrer Bürger und zügelte die Bibliothek sechs Jahre später ins Spyri-Museum. Nicht zuletzt, wie Gemeindepräsident Markus Braun in seiner Laudatio schmunzelnd erklärte, weil der Pfarrer ein gar wachsames Auge darauf hatte, welche Bücher seine Schäfchen nach Hause trugen und sie bisweilen zu ernsterem Stoff anhalten wollte. Beim Neubau des Dorfschulhauses Heerenrainli fusionierten Gemeinde- und Schulbibliothek, die sich in den 50er Jahren getrennt hatten, wieder und erhielten dort ein grosses Domizil mit Panorama.
«Wir haben wunderbar Platz», schwärmt Bibliothekarin Barbara Kurmann, die mit ihrer Kollegin Mirjam Zweifel das Bücherreich betreut – aus dem Fachkurs wisse sie, in welch beengten Verhältnissen etliche ihrer Berufskolleginnen arbeiteten. Laut Braun gehört zum Dorfrundgang für Neuzuzüger hier stets ein Stopp, und männiglich sei verblüfft über die grosszügige Bibliothek, die das ländliche kleine Dorf sich leiste. Waren es 1000 Bücher und 500 Ausleihungen 1965, sind es heute 7000 Bücher und 12 000 Ausleihungen. Mit 35 000 Franken Jahreskredit sind wichtige Neuerscheinungen verfügbar, und zum Geburtstag erhielten die Bibliothekarinnen von der Gemeinde ein Couvert mit einen Sonderkredit.
«Es längt», unterbrach der Hüne Alex Capus grinsend, als die Bibliothekarin blumig seine Rezensenten zitieren wollte – er war zum Erzählen hergekommen. Zwei Autobahnausfahrten, die niemand nimmt, was er verstehe, habe sein Heimatstädtchen Olten. Auch ein vierstöckiges Haus am Waldrand hat es, wo Capus mit seiner Frau und seinen vier Buben lebt und in der Dachklause schreibt, öfter mit einem heulenden Kind auf dem Schoss, dem grad sein neues Sackmesser ausgerutscht ist oder das mit dem Nachbarsmädchen Krach kriegte.
Den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit taxierte Capus als nur relevant für Schriftsteller und Deutschlehrer, entscheidend sei die Plausibilität einer Geschichte. Lachend erzählte er, wie die Oltner seine Geschichten aus der Kleinstadt richtiggehend «scannten», um sich oder Bekannte darin auszumachen. «Und haut mir einer in der Beiz auf die Schulter, ‹du Luuscheib›, weil er sich erkannt hat, so gehört er garantiert zu denen, über die ich nie schreiben würde. Gegenteilig verhält es sich mit den lebenden Vorbildern meiner Figuren: Sie erkennen sich nie. Ohne seine Telefonnummer erkennt der Mensch sich nicht.»
«Der Kaiser von Olten» aber ist Wort für Wort wahr. Herausgegeben von einem winzigen Oltner Verlag und nur für Eingeweihte gedacht, hielt sich das Büchlein 20 Wochen auf der Schweizer Bestsellerliste. «Und seine Figuren müssen halt jetzt etwas aushalten, denn die haben alle eine Telefonnummer.» Wie der pensionierte Stadtpolizist Zeltner, der grad am Küchentisch sass, als Capus die tolle Geschichte seiner Amerikareise im Radio vorlas und nachher mit zwei Flaschen Wein beim Nachbarhaus klingelte: «Merci! Aber machen Sie das bitte nie mehr!»
Alex Capus, ist das Bücherschreiben eigentlich anstrengend?
Ja, wie alles, was Spass macht.
Was war als Bub Ihr Traumberuf?
Schriftsteller. Immer Schriftsteller.
Der «Playboy» attestierte Ihnen «charmanten Helvetianismus». Was sagen Sie da?
(lacht) Charme ist stets unbewusst – sonst ist es kein Charme.
Ausbruch, Freiheit, Schatzsuche sind wiederkehrende Motive in Ihren Büchern. Doch privat sind Sie ein lebenslanger Oltner...
Ich lebe leidenschaftlich gern in einer Kleinstadt, weil ich das Privileg habe, die Hälfte des Jahres im Ausland zu verbringen, auf Recherchen und Reisen.
Bekanntlich sammeln Sie lebendige Elefanten. Wo bringen Sie die unter?
Ouu (seufzt). In Interviews wird man so viel Unsinn gefragt, dass man halt auch mal Blödsinn erzählt.