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Presseschau: Obersee Nachrichten, 6. Mai 2010

«Bei mir gibt es immer eine Baustelle»

Alex Capus ist mit seinen aktuellen Büchern «Himmelsstürmer» und «Der König von Olten» in der Joner Bibliothek zu Gast

Der Schriftsteller Alex Capus mag die Abwechslung: Er schreibt, recherchiert, betreut Kinder, reist, geht in die Beiz oder arbeitet auf dem Bau. Mit den ON sprach er über Leben und Arbeit, Wahrheit und Fiktion.

Obersee Nachrichten: Wir sind früh dran - viele Ihrer Kollegen würden um diese Zeit kein Interview geben!
Alex Capus: Ich stehe immer vor sechs auf. Dann lese ich eine Stunde lang die NZZ. Im Unterschied zu vielen Kollegen bin ich sehr eingebunden: Ich habe vier Kinder, die am Morgen eines nach dem anderen aus dem Haus gehen. Bei mir gibt es immer eine Baustelle - im Moment auch physisch: Heute werde ich in einem Haus arbeiten, in dem es etwas zu rupfen gibt. Das alles gibt für mich mit dem Schreiben etwas Ganzes.

Schreiben Sie denn weniger gerne als Ihre Kollegen?
Alex Capus: Das Schreiben alleine wäre nicht erfüllend für mich. Ich bin gerne Vater, Ehemann, Handlanger, Zuhörer und so weiter. Ein schöner Tag ist für mich, wenn ich all das gemacht habe und auch noch zwei oder drei Seiten an meinem neuen Roman weitergekommen bin. Ich wäre weniger glücklich, wenn ich zehn Stunden am Pult sitzen müsste.

Dementsprechend optimistisch sind Ihre Bücher.
Alex Capus: Ich bin ein stabiler fröhlicher Melancholiker. Depression ist mir komplett fremd. Ich kenne diese Regungen nicht. Es ist wie mit Suchtkranken, denen man sagen will: «Jetzt hör doch einfach auf, das kann doch nicht so schwer sein.» Mit depressiven Menschen verliere ich schnell die Geduld.

«Seit ich 15 bin, gehe ich gerne auf die Piste»

Die Baustelle, von der Sie sprachen: Entsteht ein neues Heim für die Familie?
Alex Capus: Unser 85-jähriges Wohnhaus haben wir bereits umgebaut. Jetzt habe ich mit Freunden beim Oltner Bahnhof eine Beiz gekauft. In Bahnhofsnähe haben viele Städte die Tendenz zu verkommen. Ich hab nichts gegen Kebap-Buden, aber wenn es nur noch die hat, geht etwas verloren. Wir wollen nun eine richtige Quartierbeiz machen. Heute Morgen werde ich im Keller Wände herausreissen, um das alte Gewölbe wieder freizulegen.

Sind Sie ein guter Handwerker?
Alex Capus: Eigentlich kann ich nichts. Aber wenn mir der Handwerker sagt: «Hier haust du drauf, und dann trägst du die Steine nach oben», dann mache ich das.

Und wenn die Beiz fertig ist, werden Sie Wirt.
Alex Capus: Nein, ich kann nur schlagen, Schutt hinaustragen und schreiben. Wirten muss man können, und wir haben einen guten Mann, der das für uns machen wird.

Aber als Aushilfe werden Sie schon zum Einsatz kommen?
Alex Capus: Nein, ich werde nur am Tisch sitzen (lacht). Die Selbstverwaltungsgeschichten in den 70er- und 80er-Jahren waren ja schön, sind aber fast immer an der Inkompetenz der Leute gescheitert. Man muss das können.

In Ihrem neusten Buch «Der König von Olten» schreiben Sie über Ihr regelmässiges Einkehren in den Beizen von Olten. Was macht denn eine gute Beiz aus?
Alex Capus: Der öffentliche Raum ist etwas sehr Wichtiges für die Gesellschaft. Der Rückzug ins Private ist schädlich für die Republik. Man muss sich in der Öffentlichkeit treffen, man muss zusammensitzen und sich austauschen, Meinungen vertreten, es lustig haben oder streiten. Dafür ist eine Beiz, in die alle gehen, etwas Wunderbares. Ich mag Segmentierungen und Szenebeizen nicht. In einer Beiz, in die alle 48-jährigen Schriftsteller gehen, muss ich nicht einkehren. Ich bin ja schon genug mit mir selber zusammen.

In der Beiz finden Sie auch Geschichten und Figuren für Ihre Bücher.
Alex Capus: Sicher! Ich gehe zwar nicht in die Beiz und sage: «Oh, ich muss wieder etwas zum Schreiben haben, hoffentlich erzählt jemand etwas.» Seit ich 15 bin, gehe ich gerne auf die Piste und rede mit Leuten. Mein Lebenselixier ist es, mich auszutauschen, Geschichten zu erzählen und zu hören. «Der König von Olten» besteht fast ausschliesslich aus Beizenanekdoten.

In «Himmelsstürmer» erzählen Sie die wahren und aberwitzigen Geschichten von zwölf unschweizerischen Schweizern, die in die Fremde zogen, um Träume zu verwirklichen.
Alex Capus: Mit den Himmelsstürmern wollte ich das Klischee der Schweizer Bescheidenheit, das nicht der Wahrheit entspricht, erschlagen. Ich wollte zeigen, welch wahnsinnige Lebensentwürfe es gibt. Es stimmt ja überhaupt nicht, dass die Schweizer immer in ihren Tälern gehockt sind und auf die nächste Lawine gewartet haben. Wegen den grossen Verkehrswegen und der Reisläuferei sind die Schweizer seit Jahrhunderten sehr viel in der Welt herumgekommen und haben teilweise ganz abgefahrene Projekte realisiert.

 

Wie haben Sie diese erstaunlichen Figuren gefunden?
Alex Capus: Wenn man unterwegs ist, liegen am Strassenrand tausende von Geschichten. Man muss sich nur noch entscheiden, welche Geschichten man nicht erzählt. Eine Geschichte führt dann zur nächsten. In den alten Archiven mit ihren schönen alten Fachzeitschriften hat es immer wieder ein Artikel, der einem zu etwas anderem führt und den Horizont erweitert. Bei Google oder Wikipedia, die ich auch nutze, findet man nur das, was man sucht.

Faszinierend ist, dass sich die zwölf Schicksale immer wieder kreuzen. Können Sie uns nach dieser Arbeit erklären, wie Schicksal funktioniert?
Alex Capus: Tschechov sagte: «Alles, was man tut, ist von Bedeutung.» Alles hängt mit allem zusammen. Mein Buch zeigt auch auf, dass wir alle Brüder sind. In der letzten Zeit beschäftigt mich der Begriff der Zeitgenossenschaft. Wie in einem Raumschiff reisen wir gemeinsam durch die Zeit und verlassen sie irgendwann wieder. So kann es nicht ausbleiben, dass sich die Wege kreuzen. Zwei Stunden, nachdem Barack Obama irgendwo war, ist man selber dort. Oder man steht im Bombenkrater des Terroranschlags von Bologna. Nur weil man drei Monate später dort ist, fliegt man nicht in die Luft. Das ist banal und zugleich eindrücklich.

«Man soll ungelegte Eier nicht begackern»

Die Himmelsstürmer mussten die Schweiz verlassen, um sich entfalten zu können. Sind wir also doch nicht so offen und tolerant?
Alex Capus: Wer Visionen hat, muss in etablierten Gesellschaften Regeln brechen und notgedrungen in die äussere oder innere Emigration gehen. Das ist auch in Frankreich, Deutschland oder bei den Bambara in Westafrika so. Er hat noch die Möglichkeit zur Revolution - das wäre aber nicht typisch schweizerisch.

Sie haben «Ihr Ding» durchgezogen und haben es als fast lebenslanger Einwohner der Kleinstadt Olten zu Ruhm und Erfolg gebracht. Wollten Sie nie auswandern?
Alex Capus: Ich reise viel, alleine oder mit Familie. Wenn man dieses Privileg hat, ist es sehr angenehm in einer Kleinstadt. Ich habe hier Ordnung mit allen Vorteilen für meine Kinder, und das gibt mir eine grosse Freiheit. Die Freiheit hätte eine repressive Seite, wenn man immer dazu verurteilt wäre, hier zu bleiben. Zudem habe ich mir Ellbogenfreiheit verschafft, weil ich mich nie vereinnahmen liess.

Olten ist in dieser Beziehung ähnlich wie Rapperswil-Jona: Es ist ein schönes Städtchen und bietet den Vorteil, dass man in alle Richtungen sehr schnell wegkommt ...
Alex Capus: Das ist sehr angenehm. Verkehrsknotenpunkte haben auch den atmosphärischen Vorteil der Weltläufigkeit. Man ist weniger provinziell, man hält sich nicht für den Nabel der Welt. Diese Gefahr besteht in Olten und Rapperswil nicht. Die besteht eher in Zürich, das sich für die «Downtown Switzerland» und «die kleinste Grossstadt der Welt» hält. Das ist provinziell.

Im Zuge der Gemeindefusion wurde allerdings in Rapperswil-Jona oft von «Urbanität» gesprochen. Will Olten auch urban sein?
Alex Capus: Dieses Urbanitätsgequassel gibt es in Olten auch (lacht). Das ist lächerlich, weil man entweder urban ist oder eben nicht. Es ist wie beim Charme: Wenn ein Mensch Charme hat, muss er es nicht aussprechen und sollte sich dessen auch nicht bewusst sein, weil der Charme sonst kaputt ist.

Die Geschichten Ihrer zwölf «Himmelsstürmer» wirken manchmal zu abenteuerlich, um wahr zu sein. Hat sich das alles so zugetragen?
Alex Capus: Das Reich der Fakten ist für den Erzähler nicht eine Beschränkung, sondern eine grosse Befreiung. In der reinen Fiktion kann ich nicht alles erzählen, weil ich plausibel sein muss. Im kleineren Reich der Fakten gibt es so abgefahrene Geschichten, die man als Fiktion nicht erzählen könnte. Der Berner Samuel Johann Pauli zum Beispiel, der Luftballons in der Form von Fischen macht und diese in Hindelbank steigen lässt, wo heute das Frauengefängnis ist. Wenn ich das erfunden hätte, würde man sagen: «Das ist etwas dick aufgetragen.»

Was werden Sie am Freitag dem Publikum in Rapperswil-Jona erzählen?
Alex Capus: Wenn ich mich richtig erinnere, lese ich zum ersten Mal überhaupt in Rapperswil-Jona. Deshalb will ich mich vorstellen und sagen, wie ich lebe und schreibe. Der Schriftsteller in der Kleinstadt, und wie das so ist mit Dichtung und Wahrheit.

Werden Sie aus Ihrem neuen Roman lesen, an dem Sie noch arbeiten?
Alex Capus: Nein, man soll ungelegte Eier nicht begackern. Der Roman soll erst Anfang nächstes Jahr erscheinen - es wäre also noch viel zu früh.

 

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