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Presseschau: Südostschweiz, 9. Mai 2010

Pralle Storys aus öder Stadt

Erwartungsfrohe Besucher strömten Freitagabend zuhauf in die Bibliothek Jona. Aus seinen Büchern lesen wollte Alex Capus, Schriftsteller aus Olten, und bot eine gekonnte Ein-Mann-Show.

Vor überwiegend weiblichem Publikum hatte der Autor leichte Hand - sein Lebenslauf mit französischen Wurzeln deutet auf eine gute Portion angeborenen Charme. Im weiteren Verlauf erwies er sich obendrein als Frauenversteher aus Selbstverständnis, keinesfalls aus Effekthascherei. Schon der erste Satz seiner Selbstvorstellung zeigte grosse Eloquenz: «Ich weiss nicht, ob ich schon mal hier war, Lesungen sind überall gleich, es ist dunkel, wenn man kommt - und dunkel, wenn man geht!»

Dichtung und Wahrheit

Damit war das Eis gebrochen. Hören, woher er komme, konnten die Besucher mit Leichtigkeit, das etwas wendigere «Bärndütsch» rückte ihn in die Mitte der Schweiz. Frei von der Leber weg beschrieb er die Stadt, in der er seit vielen Jahren wohnt und arbeitet. Was nichts anderes heisst, als dass sie ebenso im Mittelpunkt seiner amüsierlichen Geschichten steht. Olten, um genau zu sein, die Stadt mit gleich zwei Autobahnabfahrten, die aber kaum jemand benütze, 17000 Einwohnern, die Aare fliesst mitten durch, dennoch eine unspektakuläre Stadt.

Ein zweiter Exkurs touchierte die alte Streitfrage um Dichtung und Wahrheit. Schon seltsam: Manchmal fühlten sich Leute betroffen, an die er beim Schreiben in keiner Art gedacht habe. Die Geschichte habe er sich «us de Töpä gsoge», müsse er dann erwidern. Anderseits würden sich Personen nicht erkennen, die er äusserst exakt und in allen Details beschreibe. Wenn nicht ihr voller Name, möglichst noch mit Adresse und Telefonnummer, im Text stehe, neigten Schweizer dazu, sich nicht wiederzuerkennen.

 

Roter Faden auf Pfoten

Einem Schriftsteller könnten beide Varianten Ärger einbringen. Glimpflich ging die Geschichte über seinen Nachbarn aus (damit begann nun wirklich die Lesung), der in New Yorks Flughafen festgehalten wurde, weil er im Gepäck eine metallene Fischerspule hatte. Die Story nahm ein abrupt gutes Ende, wie sich der Festgehaltene als pensionierter Polizeichef von Olten ausgab. «Der König von Olten» heisst das Bändchen, gemeint ist damit aber der schwarz-weisse Kater, der in allen Oltner Häusern ein und aus geht.

«Sie merken, dass mir Toulouse (ebendieser Kater) als Vorwand für die Geschichten dient, ich beginne jede mit ihm und schweife dann sogleich ab.» Tatsächlich war der Zuhörer zwei Sekunden zuvor auf diesen Trick gekommen. Die zweite Lese-passage zeichnete das Leben der stadtbekannten Alice, auf einem Bauernhof in eine Familie geboren, die eine stattliche Zahl rothaariger und helläugiger Kinder hatte. Alice wies eine tiefschwarze Haarpracht, leuchtende und dunkel blitzende Augen auf. Das zierliche Wesen war unverkennbar Produkt eines französischen Knechts im vergangenen Sommer.

Olten unspektakulär

Der missglückte Selbstmord des Bauern, der nicht verarbeiten konnte, dass seine Frau sich mit dem Fremden vergnügte, und Alices erste und ebenso missglückte Liebe zum schönen Bruno hörten sich köstlich an - mit einem Quäntchen scharfer Beobachtung und minutiöser Beschreibung unbedeutender Details. Die Liebe sollte Alice ein Leben lang versagt bleiben, nach nur hundert Tagen nicht vollzogener Ehe erbte sie eine stattliche Summe und kaufte sich eine Wirtschaft.

Es kam der Tag, an dem sie sich vom Coiffeur die Haare weiss färben liess und die alte Frau mimte. Herrlich, die Beschreibung des geblümten Grossmutter-Rocks aus Stoff, der im Dunkeln Funken schlug und den Duft von Mottenkugeln hinter sich herzog. Ausgewählten Herren gewährte Alice einen Jour fixe, kredenzte eine Flasche Wein. Hier ist der Gang durchs Treppenhaus in den obersten Stock Vorwand zum Aufrollen kurioser Geschichten. Die Lesestunde stiess auf eine hell begeisterte Zuhörerschaft.

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