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Einwürfe und Kopfbälle – Fußballgeschichten der Literatur-Nati

Einwürfe und Kopfbälle – Fußballgeschichten der Literatur-Nati

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Einwürfe und Kopfbälle
Fußballgeschichten der Literatur-Nati
Herausgegeben von Pino Dietiker, Bänz Friedli, Andri Perl und Regula Wenger
ca. 140 Seiten, Klappenbroschur, 19 × 13 cm

Erscheinungstermin 22. September 2026

 

Ein Lesebuch mit verblüffenden Texten, welche die wichtigste Nebensache der Welt zur literarischen Hauptsache machen.


Ein Fußball-Nationalteam von Autorinnen, Dichtern, Songschreibern und Kabarettistinnen? Das gibt es! Die Schweizer Literatur-Nati bestreitet seit 2006 regelmäßig Länderspiele gegen Schreibende aus Deutschland, Österreich oder Schottland, sie misst sich mit den Equipen kantonaler Parlamente sowie des Nationalrats, mit Auswahlen von Zeitungsredaktionen und Orchestern.
Ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert die Literatur-Nati mit einer Sammlung von Kurzgeschichten, Lyrik und Spoken-Word-Texten rund um den Fußball. Aktuelle und frühere Teammitglieder erzählen von Tieren im Stadion und dem einsamsten Hooligan der Welt, sie erinnern sich an die Wiesen, auf denen sie als Kinder kickten, und verraten, mit welchem Trick sich die deutsche Nationalelf vielleicht doch einmal besiegen lässt.
Dazu hat Ivan Ergić, ehemaliger serbischer Nationalspieler, mehrfacher Schweizer Meister mit dem FC Basel und heutiger Schriftsteller und Theaterautor, einen Essay über die Verwandtschaft von Fußball und Kunst geschrieben. Und Peter Bichsel, Ehrencaptain der Literatur-Nati, erklärt in einer Kolumne, warum er den Fußball mag: weil man ihn erzählen kann.
Ein Lesebuch mit verblüffenden, unerhörten und berührenden Texten, welche die wichtigste Nebensache der Welt zur literarischen Hauptsache machen und den Blick weit über das Spielfeld hinaus richten. Herausgegeben von Pino Dietiker, Bänz Friedli, Andri Perl und Regula Wenger.
Mit Originalbeiträgen von Wolfgang Bortlik, Demian Cornu, Numa Francillon, Bänz Friedli, Sandra Hughes, Renato Kaiser, Joanna Yulia Kluge, Rolf Lappert, Pedro Lenz, Ueli Mäder, Marianne Meier, Béla Rothenbühler, Stef Stauffer, Patrick Tschan, Regula Wenger und vielen anderen.



«Was bleibt, ist die Gewissheit: Das menschliche Bedürfnis nach Schönheit, Emotion und Schöpfung wird nie verschwinden. Manche suchen es im Dribbling, andere im Tanz, im Pinselstrich oder im gemeinsamen Erleben. Doch immer ist es eine Suche nach Sinn und Zugehörigkeit.»

Ivan Ergić, Ex-Fußballer, Schriftsteller, Theaterautor

LESEPROBEN: 


Andri Perl
Die Geschichte, die ich mir erlaube zu erzählen, dreht sich um die Fußballwiese eines Außenquartiers. Eines Außenquartiers in der Kleinstadt, die mich hat aufwachsen sehen. Diese Wiese liegt hangaufwärts der letzten Häuser an einer ebenen Stelle im Gelände. Inmitten von Viehweiden und Feldern, von vogelreichen Hecken und windschiefen Pappeln, nicht weit entfernt vom Wald, etwas abseits der psychiatrischen Klinik. Die Wiese gehört der Klinik, aber zu der Zeit, da diese Geschichte handelt, stand sie allen offen zum Spiel. 
Wir verbrachten dort ganze Nachmittage, ganze Wochenenden im Fußballfieber. Manchmal als Bande aus dem Quartier. Andere Male radelten Kinder aus der Innenstadt hoch in Richtung Fürstenwald, um mit uns Turniere zu bestreiten. Öfter kam es allerdings vor, dass wir nur zu zweit den Platz betraten. Du und ich. Vlado und Andri. Wir hatten uns am ersten Tag des Kindergartens kennengelernt, als du mir anschaulich vorgeführt hattest, wie man sich gegen Raufbolde wehrt. Seither waren wir unzertrennlich. Jahrelang. 

Marianne Meier
Im Klubhäuschen, in den Garderoben und auf dem Platz herrschte schon emsiges Treiben. Hier wurde der Pausentee zubereitet, dort eine Eckfahne eingesteckt und das Tornetz befestigt. Über scheppernde Lautsprecher wurde das Abspielen der Nationalhymnen geprobt. Als Sportmuffel hatte er noch nicht viele Fußballplätze aus der Nähe gesehen. Doch es erstaunte ihn schon, dass das Feld weitaus mehr Braun- als Grüntöne aufwies. Er drehte sich um, als zwei ältere VW-Busse auf den Kiesparkplatz einbogen. Das mussten die Waliserinnen sein, in ihren grün-weißen Trainingsanzügen. Als sie näherkamen, erkannte er auch den roten Drachen auf Brust- und Sporttaschen. Aufgrund seines Austauschjahres an der südenglischen Küste – vor langer Zeit – waren ihm die Flaggen des Vereinigten Königreichs noch präsent. Es waren kräftige junge Frauen, die laut schwatzend an ihm vorbeizogen. Er hätte mehr Spielerinnen mit Kurzhaarschnitt erwartet. Einige trugen auch Zöpfe oder offenes Haar. Er fragte sich, ob er der einen oder anderen von der Statur her wirklich zugetraut hätte, Fußball zu spielen.

Bänz Friedli
Wir werden dich vermissen im Stadion, Peter. Immer, wenn wir mit der Literatur-Nati anlässlich der Literaturtage in Solothurn spielten, hast du als unser Ehrencaptain den Anstoß ausgeführt und uns danach angefeuert. Das Spiel gegen die Solothurner «Raketen», eine Auswahl lokaler Kulturschaffender, wurde zur Tradition. Und von Jahr zu Jahr gingst du nach deinem symbolischen Ankick den Weg vom Mittelkreis noch etwas langsamer tippelnd zurück an den Spielfeldrand, anfänglich noch mit Kippe im Mundwinkel, in den letzten Jahren schließlich ohne. Von Jahr zu Jahr standen wir dir also länger gleichsam Spalier, ehe wir wirklich zu spielen begannen. 
Du selbst hast das Pathos gebrochen, indem du dich über den feierlichen Akt lustig machtest. Überhaupt verliehst du dem Umgang mit uns allen eine Leichtigkeit, die eigentlich gar nicht dazu passte, dass du für uns gleichzeitig der unbestrittene Übervater warst, dessen knappe und dadurch höchst präzise Sprache wir bewunderten, dessen Klarheit im Erzählen wir uns wünschten. Statt dich als Altmeister zu gebärden, hast du dich als Kamerad gezeigt. Warst uns mehr lieber Kumpan als Lehrer.
Während des Matchs hast du die Ersatzbank zur Loge gemacht; wer in der Nähe stand, hörte deine teils bitterbösen Kommentare und Zwischenrufe. Und nichts war dir lieber, als hinterher zu palavern und das Spiel noch und noch einmal nachzuerzählen. «Der Fußball lebt letztlich von nichts anderem als von den Erzählungen, dem dauernden Erzählen des Gleichen», schriebst du mal. Den Fußballplatz begriffst du als Ort der Begegnung.

Lorenz Langenegger
Auf der grünen Wiese zwischen dem Dorf und dem Schulhaus sind schon vor Jahrzehnten die Bagger aufgefahren. Ich bilde mir ein, dass ich mich an jede Unebenheit erinnere, das Gras rieche und den Baum, an den wir die Fahrräder lehnten, zeichnen könnte. Vier Schultaschen markierten die Tore. Die Größe des Spielfelds passten wir der Anzahl Spieler an. Zwei Mädchen waren dabei, ein Jahr älter als ich, Zwillinge, die wir nicht auseinanderhalten konnten. Die Wiese stieg gegen das Schulhaus und die Pferdekoppel leicht an. Ein Fußweg und eine Straße begrenzten sie. Kinder aus dem ganzen Dorf kamen hier zusammen. Es spielte keine Rolle, wo man wohnte, Sihlhalde, Obstgarten oder Sonnenmatt, Rütiwiese oder Rütiholz, Wald- oder Hofstraße. In den langen Sommerferien trafen wir uns jeden Abend und spielten, bis wir in der Dunkelheit den Ball nicht mehr sahen. 

978-3-907334-52-2

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